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Amerika

Orlando nach dem Attentat

Nach dem Anschlag auf die Bar "Pulse" in Orlando versuchen sich die Bewohner gegenseitig zu trösten, viele spenden Geld oder Blut, um die Überlebenschancen der Verletzten zu erhöhen. Eine Reportage von Miodrag Soric.

35 Grad im Schatten, es ist schwül, kein Lüftchen weht. Hunderte von Menschen warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Viele von ihnen schon vier Stunden und mehr. Sie alle wollen Blut spenden. Und folgen damit dem Aufruf der Behörden in Orlando. Denn immer noch werden Dutzende teilweise schwer Verletzte in den umliegenden Krankenhäusern behandelt. Die Ärzte tun, was sie können. Doch Spitäler sind nicht vorbereitet auf so ein Massaker und appellieren deshalb an die Einwohner, zur Blutbank zu kommen.

Von hier aus sind es fünf Gehminuten bis zum Nachtclub "Pulse", wo der Attentäter 49 Menschen tötete und noch mehr verletzte, bevor er von Polizisten erschossen wurde. Die bisher schlimmste Bluttat in der amerikanischen Geschichte. Die Anwohner stehen unter Schock. Unter ihnen auch Scarlett Phillips, die erst vor kurzem mit ihrem Mann nach Orlando gezogen ist. "Ich habe selbst Kinder. Die Vorstellung, den ganzen Tag auf die Nachricht zu warten, ob dein Kind getötet wurde oder nicht: Das bricht mir das Herz."

Große Hilfsbereitschaft

Ähnlich denkt Lulu Freeman. Sie lebt in unmittelbarer Nachbarschaft des Nachtclubs "Pulse", der vor allem von Mitgliedern der LTGB-Community besucht wird. Mit dem Begriff werden Schwule, Lesben, Transgender und Bisexuelle zusammengefasst. "Viele meiner Freunde gehen dort hin, auch meine Frau." Es sei eine schreckliche Vorstellung, dass an einem Ort, an dem sich die Menschen eigentlich vergnügen sollen, so etwas passiere, sagt sie.

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Interreligiöses Gebet in Orlando

Dutzende Freiwillige versorgen die Wartenden mit Wasser, belegten Broten oder Obst. Darunter auch Mitglieder der muslimischen Gemeinde in Orlando. Gleich mehrere Familien mit ihren Kindern sind hier. Unter ihnen die 32-jährige Shehnaz Ali, die ihr Haar verhüllt. Sie stammt ursprünglich aus Kenia. Vor einem Jahr zog sie mit ihrer Familie nach Orlando. "Mir tun diejenigen leid, die das jetzt alles durchmachen müssen. Der Islam ist eine friedliche Religion", sagt sie.

Ihre Freundin Zainab Ali teilt ihre Meinung. Sie stammt aus Somalia lebt seit 2000 in Orlando. "Ich war wirklich geschockt, als ich die Nachricht von dem Attentat hörte. Ich habe kleine Kinder und möchte, dass sie in einer sicheren Umgebung groß werden", sagt die 30-Jährige. Vor kurzem habe der Fastenmonat Ramadan begonnen: Eine Zeit, in der Muslime besonders barmherzig sein sollten.

USA The Center

Rob Domenico: "Hilfe kommt aus ganz Florida"

Auch Sadek Eltabba kann kaum fassen, was in seiner neuen Heimat passiert ist. Er floh vor zwei Jahen aus Syrien in die USA - um dem Terror im Nahen Osten zu entkommen. "Und jetzt Terror in Orlando", schüttelt er den Kopf. Er sei zu der Blutbank gekommen, um zu helfen. Er wolle tun, was er tun könne.

"Zebra Coalition" - Schaltzentrum der Hilfe

10 Autominuten weiter laufen bei der "Zebra Coalition" die Telefondrähte heiß. In einem unscheinbaren, weißen Einfamilienhaus direkt an einer Hauptstraße wird die Arbeit von 27 Hilfsorganisationen koordiniert. Es melden sich Überlebende des Attentates oder Angehörige der Opfer. Sie werden weiter verbunden mit Psychologen oder Sozialarbeitern. "Viele Freiwillige rufen an, bieten ihre Hilfe an", sagt Heather Wilkie, Direktorin der "Zebra Coalition". Der Andrang sei überwältigend.

USA The Center

Hilfe für die Anschlagsopfer bietet auch die NGO "The Center"

Diese Erfahrung macht auch Rob Domenico im "The Center", einer Nichtregierungsorganisation, die vor allem Mitgliedern der LTGB-Community hilft. In ihren Räumlichkeiten türmen sich Wasserflaschen, Kuchen und Kekse - aber auch warme Gerichte, eingepackt in Alufolie. "Das bringen uns Restaurants oder andere Geschäfte, nicht nur aus Orlando, sondern aus ganz Florida", sagt Rob Domenico, der seit einem Jahr im "The Center" aushilft. Seit dem Attentat hat er seinen Job als Softwareexperte "etwas zurückgefahren", engagiert sich wann immer er kann bei der NGO. Orlando sei ein ist Schmelztiegel, meint er. "Genau das aber macht uns verwundbar, weil wir vorleben, wie gut Hetero- und Homosexuelle zusammen arbeiten können."

Als er von dem Terroranschlag erfuhr, war er zuerst geschockt. Doch schon bald habe er seine Gefühle verdrängt. Jetzt sei es an der Zeit, den Menschen zu helfen. Für Trauer sei später noch Zeit.

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