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Kultur

Orient: Abseits des Pathos

Die wieder entdeckten und neu herausgebrachten Orient-Bilder des Fotografen Hermann Burchardt von vor über 100 Jahren wirken entwaffnend uninszeniert und sind frei vom Voyeurismus mancher seiner Zeitgenossen.

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Hermann Burchardt: In Abu Dhabi

Annähernd 2000 Foto-Negative, Glas- und Zelluloidplatten, die das Berliner Völkerkundemuseum 1911 aus dem Nachlass Hermann Burchardts erhalten hatte, schliefen dort, in Kartons gelagert und vergessen, einen fast das gesamte 20. Jahrhundert überdauernden Dornröschenschlaf, bevor sich Annegret Nippa in den 1990er Jahren an die detektivische Arbeit einer systematischen Bearbeitung machte.

Von der libyschen Wüste bis nach Dubai und Oman

Burchardt, 1857 in Berlin geboren, hatte nach dem Tod des Vaters dank eines beträchtlichen Erbes den ungeliebten Beruf des Kaufmanns aufgeben und sich fortan als Privatier seinem "diffusen Fernweh nach Irgendwo" widmen können. Eine erste Reise führte ihn 1893 in die Oase Siwa in der libyschen Wüste. Später ließ er sich für einige Jahre in Damaskus nieder, von wo aus er seine Reisen in der Region unternahm, bevor er 1909 im Jemen aufgrund einer tragischen Verwechselung einem Mordanschlag zum Opfer fiel.

Zunächst galt es für die Entdeckerin, das Material des Reisenden, der nicht nur den arabischen Nahen Osten und Nordafrika, sondern auch die Türkei und Persien fotografiert hatte, geographisch zuzuordnen. Inzwischen konnte der allergrößte Teil des fotografischen Nachlasses Burchardts lokalisiert und datiert werden. Einen kleinen aber feinen Ausschnitt stellt nun der mustergültig edierte und kommentierte, durchgängig deutsch-englische Band über eine Reise vor, die Burchardt zwischen Dezember 1903 und März 1904 von Basra über Kuweit, Bahrain, Qatar, Abu Dhabi und Dubai nach Oman führte.

Knapp einhundert Fotografien, Landschaftsaufnahmen, Hafen- und Marktszenen sowie Porträts, sämtlich sorgfältig anhand von Tagebuchaufzeichnungen des Fotografen und mit hilfreichen Exkursen in Wirtschaftsgeschichte und Alltagskultur erläutert, werden durch eine ausführliche Einleitung und den Abdruck eines Vortrages, den Burchardt im Februar 1906 auf der "Allgemeinen Sitzung der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin" gehalten hat, eingerahmt.

Genaues Hinsehen, geduldiges Betrachten

Burchardts Bilder wirken entwaffnend uninszeniert und sind nie von dem peinlichen Voyeurismus mancher seiner Zeitgenossen bestimmt - was aber andererseits auch bedeutet, dass sich erst bei genauem Hinsehen und geduldigem Betrachten ihre Reize offenbaren.

Exotistische Knalleffekte und Ikonen des Fremden sucht man vergebens. Stattdessen bekommt es der Betrachter mit pathosfernen, "leisen" Bildern zu tun, die erst allmählich ihren Reiz entfalten, dann aber die Weite und Stille der abgebildeten Landschaften spürbar werden lassen. Drei Bilder eines Tales in der Umgebung von Maskat, aufgenommen aus unterschiedlichen Perspektiven, miteinander verbunden durch einen auf allen dreien zu sehenden Wehr- und Wasserturm, erwecken nach einer gewissen Zeit in ihrer beiläufigen Alltäglichkeit den Eindruck, man kenne sich in der Gegend aus. Steine, Äste und Geröll scheinen zum Greifen nahe. Hier wird nicht über Fremdes belehrt, hier wird Vertrautes gezeigt.

Lebendige Einblicke in eine längst untergegangene Welt

Kommt der nüchterne Charakter Burchardts seiner fotografischen Arbeit offensichtlich zugute, so steht er seinen schriftstellerischen Fähigkeiten im Wege: Sein in dem Band abgedruckter Vortrag nimmt sich vergleichsweise langweilig aus. An die Atmosphäre, die seine Fotografien ausstrahlen, reicht des Autors ungelenke Prosa in keiner Weise heran.

Burchardt, so loben die Autoren in ihrer Einleitung, "zeigte die Bildwürdigkeit im Leben von Tag zu Tag und fotografierte nicht die Ausnahme, sondern die Regel, nicht die Ereignisse, sondern die Gewohnheit, nicht die Höhepunkte, sondern das Gleichmaß." Die Bilder erlauben verblüffend frische Einblicke in eine seit langem untergegangene Welt. Das ist, im eigentlichen Wortsinne, wunderbar.

Das Buch "Unterwegs am Golf" ist erschienen im Schiler Verlag, Berlin. ISBN 3-89930-070-X, Preis 58.00

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