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Kultur

Orhan Pamuk wirbt für die Türkei

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk hat sich eindringlich für eine umfassende europäische Einbindung der Türkei ausgesprochen. Am Sonntag nahm er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.

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Klare Worte des Preisträgers

Europa dürfe das "Friedensangebot" der Türkei nicht ausschlagen, verlangte Pamuk (53) bei der Entgegennahme der Auszeichnung am Sonntag (23.10.2005) in der Frankfurter Paulskirche. Er erhielt den mit 25.000 Euro dotierten Kulturpreis zum Abschluss der Buchmesse für seine Mittlerrolle zwischen Europa und der Türkei. In seiner Heimat wird Pamuk, der international bekannteste türkische Autor, unter anderem wegen seiner Kritik an der Kurdenpolitik angefeindet.

Gefährliches Gebaren

Einige Politiker in Europa und Deutschland nutzten die seit Anfang Oktober laufenden Verhandlungen für einen EU-Beitritt der Türkei zur Stimmungsmache gegen sein Heimatland, kritisierte Pamuk. "Die Art und Weise, in der bei der letzten Bundestagswahl von manchen Politikern auf Kosten der Türkei und der Türken Wahlkampf betrieben wurde, finde ich nicht weniger gefährlich als das Gebaren mancher türkischen Politiker, die gegenüber dem Westen und Europa gerne auf Konfrontationskurs gehen", sagte Pamuk.

Wenn eine Türkenfeindlichkeit in Europa geschürt werde, "führt (dies) leider dazu, dass sich in der Türkei ein europafeindlicher, dumpfer Nationalismus entwickelt". Die Türkei müsse in Europa einen Platz haben, "wenn Europa vom Geist der Aufklärung, der Gleichheit und der Demokratie beseelt ist", forderte Pamuk. Europa definiere sich nicht über das Christentum, sondern über den Individualismus.

Uneingelöste Versprechen

"So wie ich mir keine Türkei vorstellen kann, die nicht von Europa träumt, so glaube ich auch nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiert", erklärte Pamuk unter Beifall. Der "Prozess des Wartens und Hoffens und der uneingelösten Versprechen" müsse für die Türkei ein Ende haben.

Prozess wegen "Herabsetzung des Türkentums"

Der Istanbuler Schriftsteller muss sich im Dezember wegen "Herabsetzung des Türkentums" in seiner Heimat vor Gericht verantworten. Pamuk hatte in einem Interview im Februar 2005 von den Massakern an einer Million Armeniern im Jahr 1915/1916 im damaligen Osmanischen Reich sowie von der Ermordung von 30000 Kurden in der Türkei gesprochen. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte Pamuk am Samstag erklärt, dass er zu diesen Äußerungen stehe und dafür in dem Verfahren die Verantwortung übernehmen werde.

Unterstützung aus Brüssel für Pamuk

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels stellte sich vor seinen Preisträger und forderte die Einstellung des Verfahrens. "Die Freiheit des Wortes gehört zu den Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft", erklärte der Vorsteher des Börsenvereins, Dieter Schormann, im Vorfeld der Preisverleihung. Rückendeckung bekam der Autor auch aus Brüssel. Der Fall Pamuk sei "eine ernste Angelegenheit nicht nur für die Türkei, sondern für die gesamte öffentliche Meinung in Europa", mahnte EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn.

Festakt zur Preisverleihung in Frankfurt

Der Börsenverein hatte die Verleihung des Preises an Pamuk damit begründet, dass dieser wie kein anderer Dichter den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nachgehe. Zu den rund 700 Gästen des Festaktes gehörten Bundestagspräsident Norbert Lammert, CDU-Politiker Wolfgang Schäuble und der noch amtierende Finanzminister Hans Eichel (SPD). Mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat der in Frankfurt ansässige Börsenverein inzwischen mehr als 50 Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler und Politiker ausgezeichnet.

Nicht von der Politik einbinden lassen

Viele von Pamuks Romanen wie "Die weiße Festung", "Rot ist mein Name" oder "Schnee", die in 34 Sprachen übersetzt wurden, thematisieren die Geschichte der Türkei und seiner Geburtsstadt Istanbul. Der Autor wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf und verbrachte seine Jugend nach eigenen Angaben damit, zu zeichnen und von einer Karriere als Künstler zu träumen. Später studierte er Architektur und Journalismus, beschloss aber im Alter von 23 Jahren, sich nur noch dem Schreiben von Romanen zu widmen. Pamuk, der eine Tochter hat, lehnte 1999 eine angebotene Ehrung als "Staatskünstler" durch den türkischen Präsidenten ab, um sich nicht von der Politik vereinnahmen zu lassen. (kap)

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