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Politik & Gesellschaft

Organspenden: Deutschland hat Nachholbedarf

Der 5. Juni 2010 ist der "Tag der Organspende" - nach wie vor gibt es in Deutschland zu wenig Spender. In anderen europäischen Ländern sieht die Lage besser aus - warum?

Organtransport per Hubschrauber

Auch ein langjähriger Exportweltmeister wie Deutschland muss bestimmte Waren und Rohstoffe einführen: Bei Erdgas zum Beispiel oder bei Zitronen ist die Bundesrepublik Netto-Importeur. Bei menschlichen Organen für Transplantationen auch - und das ist nun schon weit weniger einfach zu erklären. Mit Handel hat die negative Import-Export-Bilanz in diesem Fall aber natürlich nichts zu tun, erläutert Axel Rahmel. Er ist medizinischer Direktor von Eurotransplant, einer Koordinationsstelle, die dafür sorgt, dass Spenderorgane aus den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Kroatien und Slowenien über die Ländergrenzen vermittelt werden - ein ähnliches System gibt es auch in Skandinavien. "Da gehen Organe im Rahmen der internationalen Solidarität hinaus, umgekehrt kommen auch Organe nach Deutschland. Es gibt einen Import, der bei 50, 60 oder auch mal hundert Organen pro Jahr liegt."

Auf der einen Seite, so Axel Rahmel, gibt es in Deutschland als größtem Mitgliedsland im Eurotransplant-Verbund sehr viele Patienten auf der Warteliste. Auf der anderen Seite schneidet Deutschland bei den Organspenderraten im europäischen Vergleich relativ schlecht ab.

Infografik Postmortale Organspender 2008 DEU deutsch DW-Grafik Olof Pock

In Spanien gibt es etwa 35 Organspender pro Million Einwohner, in Deutschland etwa 15 und in Bulgarien gar nur einen, zeigt die Statistik. Aber daraus zu folgern, die Spanier seien "spendenfreudiger" als die Deutschen, oder die Deutschen würden wiederum die Bulgaren an Spendenfreude oder gar Nächstenliebe übertreffen, das wäre sehr voreilig. Bei den europäischen Vergleichszahlen geht es nicht um die sogenannten Lebendspenden, bei dem man Angehörigen ein Organ oder Organteil überlässt.

Zum "postmortalen Organspender" wird man dadurch, dass man stirbt und dann dem Körper mindestens ein Organ zu Transplantationszwecken entnommen werden kann. Das aber setzt medizinische Mindeststandards voraus: Wenn es in einem Land nur ein einziges Krankenhaus gibt, das Organverpflanzungen durchführen kann, dann wird auch die Organspenderrate äußerst niedrig sein.

Widerspruchsregelung contra Zustimmungslösung

Deutschland, Österreich und Spanien haben ein vergleichbares Gesundheitssystem, aber deutlich unterschiedliche Spenderraten. Da bietet sich eine naheliegende Erklärung an: In Österreich und Spanien gilt die "Widerspruchsregelung" – ein Verstorbener wird als potenzieller Organspender angesehen, sofern er nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat. In Deutschland dagegen sieht das Transplantationsgesetz die "erweiterte Zustimmungslösung" vor: Hier muss man zu Lebzeiten erklärt haben, dass man Organspender sein will. Oder aber - daher "erweiterte" Lösung - die Angehörigen können nach dem Tod des Betroffenen zustimmen.

Kaiserin Maria Theresia von Habsburg

Fortschrittliche Kaiserin: Maria Theresia (1717-1780) führte in Österreich die Obduktionspflicht nach Todesfällen ein

In Österreich, so Axel Rahmel, sei schon seit den Zeiten Maria Theresias eine Obduktion zur medizinischen Klärung der Todesursache die Regel gewesen: "Möglicherweise aufgrund dieser Historie existieren auch weniger Bedenken bezüglich der Unversehrtheit des Körpers." In den Niederlanden und auch in Deutschland stehe dagegen die Selbstbestimmung im Vordergrund: "Man möchte über seinen Körper und sich selber über den Tod hinaus selber entscheiden." Eine Einführung der Widerspruchslösung in Deutschland, sagt Rahmel, könne zwar erhebliche Vorteile für die Organspende bringen, das müsse aber von der Bevölkerung getragen werden: "Das ist nicht etwas, was Sie über Nacht machen können. Das setzt voraus, dass Sie entsprechend einwirken und informieren, und da haben wir noch ein Stück Wegs zu gehen."

Noch skeptischer ist da Günter Kirste, der medizinische Vorstand der "Deutschen Stiftung Organtransplantation" (DSO): "Um Gottes Willen keine Gesetzesänderung. Mehr als eine Drittel der Bevölkerung sind eindeutig gegen eine Widerspruchslösung. Wir haben eine Zeit, in der die Individualrechte des Einzelnen von großer Bedeutung sind. Menschen wollen sich nicht Entscheidungen vom Staat wegnehmen lassen." In England, so Kirste, sei ein solches Änderungsvorhaben im letzten Jahr kläglich gescheitert. Im übrigen sei die gesetzliche Regelung gar nicht so bedeutsam: "Die Zahlen sprechen andere Worte. Es gibt Teile Deutschlands, die haben mehr Spender pro Million Einwohner als manche Regionen Österreichs, in denen eine Widerspruchslösung gilt."

Die Angehörigen entscheiden mit

Organspenderausweis Quelle: dpa

Organspenderausweis

Aber selbst in Spanien oder Österreich, das betonen die Experten, würden einem Verstorbenen nicht einfach Organe entnommen. Auch in diesen Ländern werde regelmäßig erst mit den Angehörigen ein Gespräch geführt, berichtet Axel Rahmel: "Es ist allerdings so, dass natürlich die Art der Frage, die man in dieser Situation dann stellen muss, etwas anders ist. Bei der Widerspruchslösung fragt man eben, ob der Verstorbene sich zu Lebzeiten gegen eine Organspende geäußert hat. In Deutschland und in den Niederlanden muss man aktiv fragen: Hat er denn zugestimmt?" Oder: Hätte er wohl mutmaßlich zugestimmt? Oder: Würden Sie denn zustimmen? In einem emotional ohnehin sehr unglücklichen Moment gebe man so den Angehörigen die Verantwortung, auf eine schwierige Frage zu antworten, sagt Rahmel: "Das ist der psychologisch große Unterschied."

Spanien als Vorbild

Der ausschlaggebende Faktor für den spanischen Rekord bei der Organspenderrate liegt aber in der Organisation im Krankenhaus, das bestätigen Axel Rahmel und Günter Kirste genauso wie der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese. Er ist selbst Arzt und hat die kürzlich beschlossenen EU-Richtlinien zur Organtransplantation mit erarbeitet: "Spanien hat seit vielen Jahren ein System von Transplantationskoordinatoren. Die sind in den großen Krankenhäusern beschäftigt und kümmern sich ganz gezielt um Organspende. Das haben wir in Deutschland nur in ganz wenigen Krankenhäusern."

Kompetenzen und Finanzen

Günter Kirste von der DSO beklagt, dass die Zuständigkeiten nicht eindeutig seien: "In Deutschland ist es so geregelt, dass nach dem Transplantgesetz die Organspende eine Gemeinschaftsaufgabe ist, wie es da so schön heißt; von Krankenhäusern, von der Bevölkerung, von den Gesundheitsträgern, und eben auch von der DSO. Aber bei dieser Gemeinschaftsaufgabe versteckt sich immer einer hinter dem anderen." Notwendig sei hier eine Gesetzesänderung: "Kompetenz an eine Stelle; jeder Todesfall in Krankenhäusern muss im Zusammenhang mit einer externen Stelle evaluiert werden, nicht nur vom Krankenhaus selber."

Organtransplantation in Jena

Nierentransplantation in der Jenaer Klinik für Urologie der Friedrich-Schiller-Universität

Auch bei den Finanzen besteht Nachholbedarf, unterstreicht der Gesundheitspolitiker Liese: "Krankenhäuser müssen ja zumindest keinen Schaden haben dadurch, dass sie Organspende in ihrem Haus unterstützen. Wenn es für ein Krankenhaus ein Verlustgeschäft ist, dann wird man keinen Transplantationsbeauftragten einstellen, und das auch nicht den Ärzten so einimpfen, dass sie immer daran denken." Investitionen in verbesserte Strukturen würden sich schnell auszahlen, rechnet Liese vor: "Patienten, die keine Niere bekommen durch eine Transplantation, müssen an die Dialyse. Ein Jahr Dialyse kostet so viel wie der gesamte Transplantationsprozess. Wenn man sieht, dass viele Menschen fünf bis zehn Jahre an der Dialyse sind, dann ist es auch finanziell attraktiv, die Organspende zu verbessern."

Mit oder ohne Ausweis

Strukturveränderungen im föderal organisierten Deutschland, eine bessere finanzielle Kompensation für die Krankenhäuser in Zeiten knapper Kassen: Leicht werden solche Pläne nicht umzusetzen sein. Und so bleibt der Appell an die Menschen umso wichtiger, über das Thema nachzudenken.

Infografik Entscheidung zur Organspende 2009 DW-Grafik Olof Pock 04.06.2010

Dabei ist es noch nicht einmal entscheidend, ob man sich tatsächlich einen Spenderausweis besorgt, das zeigen die Zahlen der DSO, und das sieht auch Günter Kirste ganz undogmatisch: "Das Ausfüllen des Ausweises ist eine Sache. Das viel Entscheidendere ist, dass die Leute informiert sind, und dass in den Familien darüber gesprochen wird. Wenn dann in den Familien bekannt ist: Derjenige, der jetzt ein schweren Unfall hatte und hirntot ist, der hat immer gesagt: So was würde ich sofort machen."

Autor: Michael Gessat

Redaktion: Oliver Samson

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