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Deutschland

Organspende soll besser kontrolliert werden

Nach einer Reihe von Skandalen bemühen sich Mediziner und Politiker um Schadensbegrenzung. Stärkere Überwachung und mehr Transparenz sollen das Vertrauen der potenziellen Spender wieder herstellen.

In der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Jena wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen+++(c) dpa - Bildfunk+++

Nach Skandalen: Heftige Diskussion um Organspende

Fast täglich gibt es neue Informationen, die die Organspendepraxis in Deutschland weiter ins Zwielicht rücken. Korrupte Ärzte, die sich durch Mauscheleien etwas dazuverdienen und Wartelisten manipulieren. Oder wie zuletzt umstrittene Schnellverfahren, bei denen Lebern von älteren Spendern innerhalb einer Region oder eines Klinikums verpflanzt wurden, statt wie im Normalfall über die nationalen Listen. Ein Vorgehen, das zwar rechtlich korrekt sein soll, aber nach Meinung von Ärztevertretern und Gesundheitsexperten nicht ausreichend transparent ist. Das daraus keimende Misstrauen bei den an sich spendewilligen Deutschen wird mit Besorgnis registriert.

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (Foto: dw) aufgenommen von mir heute (09.08.2012) in Berlin (bin mit der Nutzung durch die DW einverstanden)

Frank Ulrich Montgomery

Jetzt kämpfen Gesundheitspolitiker und Ärzte darum, den Schaden wieder gut zu machen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, will mehr Befugnisse für die Kontrollkommission der Ärzte. "Die Kontrollen zur Anmeldung von Patienten für die Warteliste und der Organzuteilung sind zu intensivieren", sagte Montgomery nach einer Sitzung mit Vertretern der Krankenkassen und der Krankenhäuser. Er schlägt "verdachtsunabhängige, flächendeckende Kontrollen" vor und mehr Offenheit durch die Veröffentlichung von Prüfberichten.

Ärzten, die gegen die Transplantationsregeln verstoßen, so droht der Ärztefunktionär, solle die Approbation entzogen werden. Diese Erlaubnis, als Arzt arbeiten zu dürfen kann nur der Staat entziehen. "Leider nicht die Kammern", wie Montgomery bedauert: "Bisher wird Fehlverhalten nur als Ordnungswidrigkeit behandelt." Die Konsequenzen sind gering.

Konkrete Schritte noch im Herbst

Mit seinem Organspendeausweis in der Hand steht Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (Foto: dpa)

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr will hart durchgreifen

In gut drei Wochen sollen eine Reihe von konkreten Änderungsvorschlägen für das Verfahren bei Organverpflanzungen vorliegen und bei einem Spitzentreffen mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erörtert werden. Der Minister hatte sich in den vergangenen Tagen wiederholt kritisch zu den zweifelhaften Vorkommnissen in den Transplantationszentren von Göttingen und Regensburg geäußert und mehr Transparenz eingefordert. Bahr will etwaige Gesetzeslücken aufdecken und  schließen. Verstöße sollen ihm zufolge hart bestraft werden. Eine staatliche Vergabe der Organe soll es aber auch in Zukunft nicht geben, wie er in einem Zeitungsinterview betonte.

Das ist ganz im Sinne des Ärztepräsidenten Montgomery. Der ruft angesichts der kritischen öffentlichen Diskussion zwar nach mehr Kontrollen, lässt aber durchscheinen, dass er das bisherige System eigentlich ganz passabel findet. "Das Problem in Deutschland ist nicht das Verfahren, sondern der Mangel an Organen", so Montgomery.

Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation der Ärzte, Hans Lilie, unterstützt diese Haltung mit Zahlen: "Bei den 30.000 Organverpflanzungen in den letzten elf Jahren gab es nur 20 Meldungen eines Fehlverhaltens geführt haben." Insgesamt habe es 119 Fälle gegeben, denen die Kommission nachgegangen ist. Das ist ein durchaus geringer Prozentsatz, aber er relativiert sich schnell wieder, weil pro Meldung eine ganze Reihe von Transplantationen betroffen sein können. Beispiel Regensburg: Dort geht um etwa zwei Dutzend Vorgänge, die jedoch nur als eine Meldung behandelt werden.

Weiter beschleunigte Vermittlungen

Montgomery verteidigte die umstrittene Organvergabe nach dem "beschleunigten Vermittlungsverfahren". Dadurch habe Deutschland die höchste Nutzungsrate von Organen weltweit. Diese Praxis kommt Organempfängern zugute, die in der gleichen Region, wenn nicht sogar im gleichen Transplantationszentrum wie der Spender sind. Hier gibt die Ärztekammer einen Anstieg von 26,8 Prozent im Jahr 2007 auf 38,6 Prozent 2011 an. Wurde manipuliert? "Das Odium des Mauschelns muss verschwinden", fordert der Ärztekammerpräsident. Die Zahl erkläre sich durch die gestiegene Zahl "schlechter" Organe, die eben rasch vermittelt werden müssten.

Georg Baum, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Krankenhausverbandes, sieht bei der Organvergabe kein "systemisches Versagen", räumt aber Missbrauchsanreize im Vergütungssystem der Einrichtungen ein. Er schlägt vor, künftig nicht mehr pro Transplantation abzurechen, sondern künftig besser über eine Jahrespauschale für die Krankenhäuser.

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