1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Ordensleben in Deutschland

Abgeschieden, weltfremd und fromm – so mag sich mancher das Leben im Kloster vorstellen. Nonnen und Mönchen begegnen vielen Vorurteilen. Dabei sind die Kloster-Bewohner gar nicht so weltfremd.

Sprecher:

Am Ende des 20. Jahrhunderts gelten Nonnen und Mönche für viele als aussterbende und beinahe exotische Figuren, als Repräsentanten einer überholten Lebensform. Doch wie sieht es tatsächlich aus, dieses Leben im Orden? Und was denken die Menschen auf der Straße davon?

Sprecherin:

Nicht alle Menschen, die einem Orden angehören, sind Mönche oder Nonnen. Als Mönch oder Nonne kann man im strengen Sinne nur diejenigen bezeichnen, die ausschließlich in einem Kloster leben, arbeiten und nicht ins öffentliche Leben treten. Man nennt sie daher beschauliche oder kontemplative Orden, weil sie fast ausschließlich in der Hingabe für ihren Glauben leben. Solche rein beschaulichen Orden gibt es nur selten. So verbringen die Benediktiner in Siegburg zwar ihr ganzes Leben in einer Klostergemeinschaft, treten aber zum Beispiel als Seelsorger oder theologische Wissenschaftler mit der Öffentlichkeit in Verbindung. Welche weiteren Aufgaben die Benediktiner in der Siegburger Abtei Michaelsberg wahrnehmen, erklärt Pater Bonifatius.

Pater Bonifatius:

"Wir haben erst mal sicherlich einen Gästebetrieb hier im Kloster. Es steht schon in der Regel, dass Gäste niemals fehlen sollen. Menschen, die hier ein paar Tage Ruhe suchen oder einfach mal mitleben wollen, können das tun. Wir haben auch unsere ganz normalen Wirtschaftsbetriebe. Wir leben nicht nur von Luft und Liebe, sondern müssen auch mit beiden Beinen auf dieser Erde hier stehen. Das heißt, wir haben 'ne Buch- und Kunsthandlung, die hier angegliedert ist, die von einem Mönch versorgt wird. Unsere Abteistuben als Restaurationsmöglichkeit für Leute, die hier den Berg hinauf kommen oder für Gruppen. Die Verwaltung muss funktionieren. Erst mal, wir haben 'nen Abt, der das Kloster leiten muss, ein Prior, der Stellvertreter, der da ist. Und einen eigenen Elektriker, einen eigenen Gärtner. Also, so'n Kloster ist schon ein kleiner Betrieb für sich, wo es die verschiedensten Möglichkeiten gibt, wo jeder auch nach seinen Fähigkeiten eingesetzt wird."

Sprecher:

Auch die Siegburger Mönche müssen sich um Einnahmequellen kümmern. Schließlich können sie nicht nur von Luft und Liebe leben, wie Pater Bonifatius es ausdrückte. Die sprachliche Formel wird oft benutzt, um auf die Notwendigkeit hinzuweisen, dass jeder Mensch seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Wer solcherlei Realitätssinn besitzt, steht mit beiden Beinen fest auf der Erde. Würde er das nicht tun, würde er umgekehrt als abgehoben gelten.

Sprecherin:

Die Mitglieder der Siegburger Gemeinschaft haben einen streng geregelten Tagesablauf. Es sind jedoch nicht allgemeine Ordensregeln, die ihnen ihre Lebensweise vorschreiben.

Pater Bonifatius:

"Es gibt im eigentlichen Sinn keinen Benediktiner-Orden. Es gibt immer nur die einzelnen Abteien, die selbständig sind, die auch nicht den Bischöfen unterstehen, wo wir auch Wert darauf legen, dass das so ist. Und die sind personell und finanziell ganz eigenständig und werden ihr eigenes Leben auch deshalb in großen Zügen bestimmen können. Das heißt also, das Leben in der Abtei Maria Laach wird anders aussehen als in der Abtei Gerlewe oder hier bei uns in der Abtei Michaelsberg, da sind wir also auch frei, da unsere eigenen Akzente zu setzen."

Sprecher:

Akzente können nicht nur auf Buchstaben oder in der Musik gesetzt werden. Wer etwas nach seinen Vorstellungen formt oder beeinflusst, setzt Akzente. Er wirkt in einem bestimmten Rahmen richtungweisend. Der eigene Akzent kann sich durch die persönliche Art der Kleidung ausdrücken, im Erfinden einer künstlerischen Form, oder er kann ganz allgemein die persönliche Lebensweise darstellen.

Sprecherin:

Wir leben in einer Zeit, die sich vor allem dem Genuss des Augenblicks verschreibt und in der Kirche und Gottesglaube keine lebensbedeutsame Stellung mehr einnimmt. Daher liegt die Frage nahe, was einen Menschen heute dazu bewegt, ins Kloster zu gehen. Pater Bonifatius.

Pater Bonifatius:

"Ich hatte mit Ordensleben und Klosterleben nichts am Hut, ich hab' die gleichen Vorstellungen gehabt, wie die Leute vielleicht auch heute draußen, dass Klosterleben eben so antik ist und out, ja. Es hat mit dem Leben nichts zu tun. Ich bin einfach im Urlaub drauf gekommen. Ich bin im Urlaub mal durch Zufall in eine Abtei gekommen, hab' da einmal übernachtet und auch an einer Gebetszeit teilgenommen. Und ich muss sagen, wenn Leute sagen, es gibt keine Berufung, die von jetzt auf gleich ist, bei mir war das so. Als ich aus dem Kloster wieder abgereist bin, nach anderthalb Tagen, da hab ich einfach gewusst, dass ich den gleichen Weg gehen würde. Und bis heute ist es so geblieben."

Sprecher:

Der Mönch hatte vor seinem Erlebnis der Berufung mit dem Ordens- und Klosterleben nichts am Hut. Die gängige, betont umgangssprachliche Formel bringt zum Ausdruck, dass man zu einer bestimmten Sache, einem Menschen, einer Tätigkeit oder einem Gegenstand wohl keinerlei Beziehung hatte oder auch nicht haben wollte. Klosterleben erschien auch Pater Bonifatius früher antik und out. Das Attribut antik beschreibt sonst nur alte Gegenstände, eben Antiquitäten. Veraltete Handlungen und Vorstellungen jedoch bezeichnet man als antiquiert. Durch den bewussten Falschgebrauch des Wortes antik ergibt sich eine ironische Brechung.

Sprecherin::

Ein wesentlicher Punkt in unserem Bild von Nonnen und Mönchen ist das Gelübde der Ehelosigkeit, der Zölibat. So wird Ordens- oder Klosterleben vor allem als ständiger Verzicht betrachtet. Mit dieser Sicht sind die Benediktiner keinesfalls einverstanden. Bruder Stephan aus Siegburg:

Bruder Stephan:

"Die Frage des Zölibats stellt sich für uns in einer ganz anderen Weise wie für die Priester. Und es ist 'nen weitverbreiteter Irrtum, dass der priesterliche Zölibat und der Ordenszölibat in einen Topf geschmissen wird. Und für uns ist als Mönche die Ehelosigkeit keine Verpflichtung, sondern erstmal eine freiwillige Entscheidung. Wir wussten, auf was wir uns einlassen."

Sprecher:

Bruder Stephan möchte nicht, dass der Zölibat der Mönche und der der Priester in einen Topf geschmissen werden. Die verbreitete Wendung zwei Sachen in einen Topf schmeißen bedeutet, dass zwei Dinge in grober Weise miteinander vermischt werden, die eigentlich nicht zusammengehören. Zwar nennt er den Unterschied nicht genau, doch ist ihm die Betonung wichtig, dass er und seine Ordensbrüder sich freiwillig zu dieser Lebensform entschieden haben und sie auch bejahen.

Sprecherin:

Bruder Stephan ist nicht der einzige, der sich gegen das Bild eines Ordenslebens wehrt, das aus ständigem Verzicht besteht. Schwester Beate Maria von den Heiligen Mägden Jesu Christi in Köln sieht sogar eine gewisse Bereicherung durch die Beschränkung gegeben.

Schwester Beate Maria:

"Wenn ich mir überlege, was wir in einer Ordensgemeinschaft, was uns erspart bleibt an Sorgen und wirklichen Nöten. Hier und jetzt in meiner Ausbildung zur Sozialarbeiterin und natürlich schon längst vorher auch, die ganzen Beispiele von den Familien. Wenn die jeweiligen Ehepartner nichts mehr voneinander wissen. Oder wenn der Mann aus dem Haus rennt, Frau und Kinder hinterlässt, oder auch umgekehrt, die Frau ist mit 'nem anderen halt unterwegs. Oder die Kinder haben Probleme in der Schule mit den Drogen. Die Eltern wissen nicht, wie können wir an die Kinder drankommen, wie können wir ihnen helfen, wie können wir sie aus der Szene wieder rausholen. Der ganze sexuelle Missbrauch und die ganzen Übergriffe, mein Gott, also da sind wir hier wirklich in einer absolut heilen Welt. Also, zu sagen, wir verzichten auf alles Mögliche, also, das halte ich für völlig unangemes­sen. Nur in dem Gedanken des Verzichtes könnte ich mein Leben nicht leben."

Sprecherin:

Schwester Beate Maria gehört einem so genannten tätigen Orden an. Zwar arbeiten viele ihrer Mitschwestern noch in der Kranken- und Altenpflege, doch gibt es auch zunehmend andere Bereiche, in denen die Ordensschwestern ihren wohltätigen Dienst erfüllen.

Schwester Beate Maria:

"Ja also, die Berufsfelder bei uns sind also sehr unterschiedlich. Natürlich ist noch ein Großteil von meinen Mitschwestern in der Krankenpflege tätig. Es gibt aber auch, also allerdings noch nur eine Schwester, die jetzt in der Pflegedienstleitung tätig ist, die also ein ganzes Krankenhaus leiten muss, vom Pflegedienst her leiten muss. Das ist eine ungeheuer schwierige Aufgabe, weil man immer zwischen zwei Stühlen sitzt. Dann haben wir Schwestern in der Seelsorge, sowohl in der Krankenhaus-Seelsorge als auch in der pastoralen Seelsorge in der Gemeinde. Mitschwestern von mir arbeiten auch im Sozialdienst katholischer Frauen und Männer. Dann, Schwester Ursula arbeitet ja bei den Obdachlosen in Frankfurt. Es gibt Schwestern, die in der Schule tätig sind: Ja, Opladen und in Limburg, dann in Kindergärten und Altenpflegeheimen."

Sprecher:

Die Schwester, die die Pflegedienstleitung eines ganzen Krankenhauses übernimmt, sitzt nach Meinung von Schwester Beate Maria oft zwischen zwei Stühlen. Sie muss sich einerseits um eine gute Organisation kümmern und um ein gutes Verhältnis zu ihrem Pflegepersonal. Andererseits muss sie auch dem Orden gerecht werden. Wer zwischen zwei Stühlen sitzt, der sitzt auf keinem richtig und ist somit in der Klemme oder zumindest in einer schwierigen Situation.

Sprecherin:

Auch die Franziskaner sind ein tätiger Orden. Sie unterrichten in Schulen, pflegen Menschen in Heimen, unterstützen Obdachlose und arbeiten in verschiedenen Bereichen der Seelsorge. Die Palette der Orden und Tätigkeiten ist breit. Die Palette der Meinungen über Mönche und Klosterleben ist es nicht minder.

O-Töne:

"Ja, schon sehr in sich gekehrt, etwas abseits und lieber nichts zu tun haben mit den Problemen, die da draußen auftreten, die meisten zumindest. Sicher gibt es auch welche, die auf der Straße ihren Dienst tun, aber ich denke, die meisten eher abgeschlossen: Hohe Mauer, und wir sind nur für den Gott da, nicht für die anderen. / Das glaub' ich nicht, dass es ganz abgeschottet ist. Also ich glaube schon, dass auch die Ordensangehörigen die Zeitung lesen, sagen wir mal, die Tageszeitung, und schon am Geschehen teilnehmen, aber vielleicht an diesem rastlosen Treiben nicht so teilnehmen. / Das sind Menschen, die Ruhe suchen, Abgeschiedenheit, die sicher den Einklang mit sich selber und der Natur, dem Schöpfer suchen. Vielleicht auch aus Demonstration, um mal was anderes zu machen als das landläufig so üblich ist."

Sprecher:

Der zweite Passant glaubt nicht, dass Ordensangehörige ein abgeschottetes Leben führen. Das Schott, die wasserdichte Trennwand auf Schiffen, hat in der Formulierung abgeschottet sein einen festen Platz in der Umgangssprache. Wer sich abschottet, verschließt sich vor fremden Einflüssen, und wer das Wort abgeschottet benutzt, denkt keinesfalls mehr an das Schott auf einem Schiff. Der letzte Passant glaubt, dass die selbst gewählte Zurückgezogenheit der Ordensangehörigen eine Art Demonstration ist, um etwas anderes zu machen, als es landläufig üblich ist. Landläufig üblich ist das, was heutzutage im Lande so üblich ist. Man könnte es recht einfach durch allgemein ersetzen, landläufig klingt aber viel schöner.

Sprecherin:

Viele Menschen halten alleine schon unsere schnelllebige Zeit für einen ausreichenden Grund, in einen Orden einzutreten. Das Kloster als Rückzugsort von rastlosem Treiben und Konsumdenken.

O-Ton:

"So in einer Sache aufgehen. Sich nur um ein Ding kümmern und sein Leben so leben, ohne sich um irgendwelche anderen Sachen Gedanken machen zu müssen. Das kann ich mir gut vorstellen. Das ist so 'nen kleiner Mikrokosmos. Was ich total erstaunlich finde ist, wie fit so alte Frauen sind. Gerade so, die so in 'ner Ordenstracht herumlaufen, das, ein unheimlich ruhiges Gesicht haben und eine Energie, dass ich immer denke: Ach schön, die hat überhaupt nichts Verbittertes."

Sprecher:

Jemand, der in einer Sache aufgeht, übt sie mit viel Hingabe aus, und er erfährt durch die beständige Arbeit viel Freude und Bestätigung. Wenn die junge Frau wohlwollend davon spricht, dass ältere Ordensfrauen besonders fit sind, meint sie damit nicht deren Fähigkeit zu sportlichen Leistungen. Das Wort fit hat in der Jugendsprache eine sehr viel umfassendere Bedeutung angenommen. So hält die junge Frau die älteren Nonnen, die sie kennt, für energievoll, ausgeglichen und von ruhiger Ausstrahlung. Wenn Jugendliche jemanden als fit bezeichnen, heißt das bei Erwachsenen: Der ist in Ordnung.

Sprecherin:

Armut treibt heute niemanden mehr ins Kloster. Die Möglichkeit, nur hier bestimmte Berufe ausüben zu können, spielt auch keine Rolle mehr als Grund, in einen Orden einzutreten. Ordensleben ist heute vor allem eine andere Form des Lebens. Eine sehr entschiedene, aber eine unter vielen.

Fragen zum Text

Ein Kloster wird geleitet von einem oder einer …

1. Abt / Äbtissin.

2. Prior / Priorin.

3. Novize / Novizin.

In einem Kloster …

1. kann man so leben wie man will.

2. muss man sich an bestimmte Regeln halten.

3. wird den ganzen Tag nur gesungen.

Priester und Nonnen …

1. leben vollkommen isoliert im Kloster.

2. nehmen auch soziale Aufgaben wahr.

3. tragen Alltagskleidung.

Arbeitsauftrag

Immer weniger Männer und Frauen entscheiden sich dafür, ein Leben im Kloster zu führen. Ein Grund dafür ist auch der Zölibat. Diskutieren Sie in Ihrer Gruppe die Vorteile und die Nachteile der Ehelosigkeit.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads