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Politik & Gesellschaft

Ordensfrau kämpft gegen sexuelle Ausbeutung

Um Sextourismus-Opfern in Kenia zu helfen, gründete Schwester Lea Ackermann 1985 die Frauenhilfsorganisation Solwodi. Das Thema ließ sie nie mehr los. Jetzt erhielt Ackermann das Große Bundesverdienstkreuz.

Es war ein Taxifahrer in Bangkok, der Lea Ackermann die Augen dafür öffnete, dass unzählige Frauen wie selbstverständlich ausgebeutet werden - und das nicht nur in der thailändischen Hauptstadt. Der Taxifahrer bot ihren männlichen Mitreisenden seine kleine Schwester an: "Ganz jung, ganz billig, die ganze Nacht". Von da an, erzählt die katholische Ordensfrau im DW-Interview, sah sie das "ungeheuerliche Verbrechen" überall - in Asien und Afrika ebenso wie in Europa: Frauen und Mädchen, die "wie Ware" zum Kauf angeboten werden.

Die Taxifahrt ist über 30 Jahre her und Schwester Lea Ackermann hat gerade ihren 75. Geburtstag gefeiert. Doch ihre Empörung lässt sie immer noch laut werden, wenn sie darüber spricht. Sie ist heute so entschlossen wie damals, gegen dieses Unrecht zu kämpfen und den betroffenen Frauen und Mädchen zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen. "Gott hat keine anderen Hände als die unseren", sagt sie.

Im Rotlichtviertel von Mombasa

"Ich will Frauen in Schwierigkeiten helfen", so hat Schwester Lea 1985 in der kenianischen Hafenstadt Mombasa junge Frauen in Cafés, Bars und Bordellen angesprochen, "aber Sie sind ja jung und hübsch, Sie haben sicher keine Probleme". Die Frauen warteten dort auf Freier, auf Sextouristen aus Europa oder US-Soldaten.

Schwester Lea Ackermann mit der Kenianerin 'Queen' (Name geändert) (Foto: Solwodi)

In Kenia fing die Hilfe für Frauen aus der Prostitution an

Die Frauen hatten aber sehr wohl Probleme, das erzählten sie ihr. Sie wurden miserabel behandelt, fingen sich Krankheiten ein und sie blieben arm. Katharina etwa war ausgehungert, als Schwester Lea sie traf. Die 17-Jährige sah in der Prostitution ihre einzige Chance, für ihren dreijährigen Sohn zu sorgen. Die Ordensfrau handelte. Katharina war die erste junge Frau, für die die promovierte Pädagogin den Schulbesuch, eine Ausbildung und Kinderbetreuung organisierte.

Schnell brauchten immer mehr Frauen ihre Hilfe. Schwester Lea hatte zwar die Unterstützung ihrer Ordensgemeinschaft, der "Missionsschwestern unserer Lieben Frau von Afrika" (Weiße Schwestern). Doch ihr fehlte das Geld für die Arbeit. Also schrieb sie 100 Briefe an Freunde und Bekannte in Deutschland. Fast alle schickten Geld, einige kamen sogar, um selbst mitzuarbeiten. Solwodi wurde gegründet. Der Name, eine Abkürzung, steht für "Solidarity with Women in Distress". Doch die Solidarität mit Frauen in Not, die dem Geschäft mit dem Sextourismus schadet, kam bei der damaligen kenianischen Regierung nicht gut an. Schwester Lea musste das afrikanische Land verlassen. Solwodi aber arbeitete weiter in Kenia, mittlerweile mit zehn Beratungsstellen und einer eigenen Organisation, die sich um die Töchter der betroffenen Frauen kümmert.

Frauen "zum Ausprobieren" und missbrauchte Mädchen

Zurück in Deutschland stürzte sich die Ordensfrau Ende der 1980er Jahre in Aufklärungsarbeit: Sie hielt Vorträge, besuchte Tagungen, veröffentliche Aufsätze und Bücher. Zuerst prangerte sie den Sextourismus deutscher Männer an. Eine Zuhörerin reagierte schockiert: "Was? Mein Mann fährt jedes Jahr nach Thailand und dann erzählt er mir immer, er macht Entwicklungshilfe." Schwester Lea registrierte, dass junge Migrantinnen auch in Deutschland ausgebeutet wurden. So vermittelten Heiratsagenturen Frauen "zum Ausprobieren für vier Wochen" an Männer, die "bei Nichtgefallen ein Rückgaberecht" hatten.

Dann ein Hilferuf aus Düsseldorf: Eine junge Kenianerin wurde halbtot in einem Park gefunden. Sie hatte versucht, sich umzubringen. Die 17-jährige Theresa (Name geändert) erzählte Schwester Lea ihre Geschichte. Als sie 13 war, hatten Männer ihren Eltern erzählt, sie könne in Deutschland viel Geld als Fotomodell verdienen und zur Schule gehen. Stattdessen aber verkauften sie das junge Mädchen in europäischen Luxushotels an skrupellose Freier. Jahrelang wurde sie vergewaltigt.

Schwester Lea Ackermann vor der barocken Propstei in Hirzenach, in der sie lebt und in der auch die Deutschland-Zentrale von Solwodi residiert (Foto: DW)

Die Hilfe für Frauen aus aller Welt wird in Boppard koordiniert

Mit Hilfe des Unterstützerkreises organisierte Lea Ackermann eine Unterkunft, Schule, Ausbildung und Psychotherapie für Theresa. Sie gründete Solwodi Deutschland. "52 hochmotivierte Mitarbeiterinnen" arbeiten hier mittlerweile in 15 Beratungsstellen. Weibliche Gewaltopfer finden Zuflucht in sieben Schutzwohnungen, viele Frauen werden jahrelang betreut. "Letztes Jahr", erzählt Schwester Lea froh, "hat Theresa mich hier besucht. Es geht ihr heute gut." Insgesamt, schätzt sie, konnte Solwodi zehntausenden Frauen helfen: Allein im vergangenen Jahr kamen 1770 neu in die Solwodi-Beratung.

"Meine Wut rettet mich"

Die Solwodi Deutschland-Zentrale ist nicht in Berlin, sondern im kleinen Boppard-Hirzenach am Rhein: in der barocken Propstei, dem Pfarrhaus von Hirzenach. Dort lebt auch Lea Ackermann. Mit dem Pallottinerpater und Professor Fritz Köster, einem langjährigen Freund und Unterstützer, hat sie hier sogar vier Pflegekinder versorgt, als ihre leiblichen Mütter sich wegen der eigenen Ausbildung nicht um sie kümmern konnten. Ein Büro wurde zum Spielzimmer, vier Kleinkinder gaben in dem alten Klostergebäude den Ton an - eine ungewöhnliche Lebensform für Ordensleute. Es sei eine anstrengende, aber auch sehr beglückende Aufgabe gewesen, erzählt Schwester Lea, "meine Pflegetochter studiert jetzt Jura". Von Boppard aus bricht die Solwodi-Gründerin immer wieder auf, um die Gewalt gegen Frauen anzuprangern und für Unterstützung zu werben.

Schwester Lea Ackermann mit Uwe Hermann, Geschäftsleiter im Globus Warenhaus, und Spenden für eine von SOLWODI (Solidarity with women in distress) betreute Familie (Foto: DW)

Auch mit 75 ständig unterwegs, um Hilfe für Frauen zu organisieren

So auch beim Termin im Koblenzer Einkaufszentrum, zu dem auch die Presse geladen ist: Der Geschäftsleiter des Globus Warenhauses Uwe Herrmann übergibt Lea Ackermann Bettzeug für eine von Gewalt und Zwangsheirat betroffene Frau und ihre Kinder. Die Ordensfrau nutzt die Gelegenheit, um den Anwesenden eindringlich zu schildern, welches Leid Frauen und Mädchen - zuletzt vor allem aus Ost- und Südosteuropa - in Deutschland erfahren. Sie spricht von Maria aus Litauen (Name geändert), die sie selbst betreut hat.

Die junge Frau kam aus einer völlig verarmten Familie. Eine Annnonce hatte ihr Hoffnung gemacht, dass sie in Deutschland in drei Monaten genug Geld verdienen könnte, um Medikamente für ihren kranken Vater zu kaufen und sich eine Existenz aufzubauen. In Deutschland angekommen aber wurde sie von brutalen Zuhältern so misshandelt, vergewaltigt und kontrolliert, dass sie keinen Widerstand mehr wagte. Die Männer kassierten das Geld, Maria wurde jahrelang ausgebeutet. Viele Freier kamen zu ihr, aber keiner reagierte auf ihre Not. Durch einen Polizisten kam sie schließlich als Opferzeugin in eine Schutzwohnung von Solwodi.

"So viel Leid miterleben, wie halten Sie das aus?", fragen die Koblenzer Zuhörer Lea Ackermann. Sie antwortet: "Meine Wut rettet mich." Außerdem tröste sie die Erfahrung, daß Solwodi vielen Frauen wirklich helfen könne. So hat Maria vor Gericht gegen ihre Zuhälter ausgesagt und fühlte sich zum ersten Mal wieder stark dabei. Heute bestimmt die Frau aus Litauen selbst über ihr Leben, sie hat eine feste Arbeit und lebt in einer guten Beziehung.

Furchtbare Freier, aber viele männliche Mitstreiter

Uwe Herrmann, der Geschäftsleiter des Warenhauses, verspricht Schwester Lea weitere Unterstützung für Solwoldi. Dann sagt er: "Da muss man sich als Mann schämen". Hat Schwester Lea ein negatives Männerbild? Nein, sagt sie. Zwar würden die Frauen ohne skrupellose Freier nicht Opfer sexueller Ausbeutung. Deshalb fordert sie auch eine Wende in der deutschen Gesetzgebung zur Prostitution nach dem Vorbild Schwedens, wo Freier sich strafbar machen. "Das würde das Übel nicht ganz aus der Welt schaffen", sagt die Solwodi-Gründerin, die über "ihre" Frauen sehr viel über Ausbeutung und Gewalt hinter den Kulissen des Rotlichtmilieus weiß, aber man könnte ein wichtiges Signal setzen.

Schwester Lea Ackermann mit Politikern, Unterstützern und Freunden, die das neueste Buch der Ordensfrau in Händen halten: 'In Freiheit leben, das war lange nur ein Traum'

Ordensfrau mit Buch, Förderern und Freund Pater Fritz Köster (ganz re.)

Doch die kämpferische und temperamentvolle Frau, die vor 52 Jahren nach einer durchtanzten Nacht mit Kollegen im Pariser Ballkleid zum Vorstellungsgespräch im Kloster erschienen war, berichtet auch von "sehr positiven Erfahrungen" mit Männern. Dazu gehört die Erinnerung an ihren Vater, der allerdings getobt hatte, als er hörte, dass sie ins Kloster eingetreten und ihre Stelle bei einer Bank gekündigt hatte. Viele Männer hätten sie bei ihrer Arbeit unterstützt, erzählt Schwester Lea. Anerkennung kam von Politikern, Verbänden, Theologen oder auch aus den Reihen der Polizei, die eng mit Solwodi zusammenarbeitet.

Lea Ackermann wurde "Frau Europas" und hat viele weitere Auszeichnungen erhalten. Das Große Bundesverdienstkreuz, das ihr am Mittwoch (29.02.2012) verliehen wurde, wertet sie als Zeichen dafür, dass auch die Politik den Misstand, den sie anprangert, wahrnimmt. Und was wünscht sich die 75-jährige Preisträgerin für die Zukunft? "Mein größter Wunsch ist es, eine Geschäftsführerin zu finden, die das Kerngeschäft von Solwodi in die Hand nimmt." Zur Ruhe setzen will sich die Katholikin aber nicht. Sie will weiter zur Arbeit ihrer Organisation beitragen - in Deutschland, Kenia und Ruanda, wo sie fünf Jahre als Lehrerin gearbeitet und nach dem Genozid 1994 ein Witwen- und Waisenprojekt initiiert hatte. Seit 2010 gibt es auch eine Beratungsstelle und eine Schutzwohnung in Rumänien. Die Neu-EU-Mitgliedsstaaten Rumänien und Bulgarien sind mittlerweile die Länder, aus denen Solwodi die meisten Frauen betreut.

Auch das nächste Buch ist schon in Arbeit. Es soll heißen: "Unser Pfarrer ist eine Frau". Damit weicht Schwester Lea einmal mehr in ihrem Leben von der offiziellen Lehrmeinung ihrer Kirche ab. Fühlt Sie sich denn trotzdem gut aufgehoben in dieser Kirche? "Ich fühle mich in der katholischen Kirche ganz notwendig, weil sich da einiges ändern muss", antwortet sie mit einem fröhlichen Lachen. Die nächsten Reisepläne sind auch schon gemacht: Im April will Solwodi Kenia neue Projekte im Norden des Landes starten, da will Schwester Lea selbstverständlich wieder dabei sein.

Autorin: Andrea Grunau
Redaktion: Arnd Riekmann

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