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WM 2018

Oranje sieht schwarz

Einst berühmt für seine Talente steckt der niederländische Fußball in der Krise. Das Desaster mit der verpassten EM 2016 war erst der Anfang. Oranje muss jetzt auch um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2018 bangen.

Viele Fragen, wenig Antworten: Wer die Pressekonferenz des Königlichen Niederländischen Fußballbundes (KNVB) Anfang Mai zur Bekanntgabe des neuen Bondscoachs verfolgt hat, ist sicher ratlos zurückgeblieben. Was war das für einen Vorstellung des technischen Direktors Hans van Breukelen? Intransparent, nebulös, mit Ausreden bestückt und um Fassung bemüht. Beispielhaft und stellvertretend für den KNVB und seine Elftal?!

Personal-Chaos bei KNVB

Erst seit einem Jahr ist van Breukelen im Amt des technischen Direktors. Seitdem dreht sich vor allem das Personal-Karussell geschwind. Erst kurz vor dem Start in die WM-Qualifikation herrschte Chaos im KNVB. Direktor Bert van Oostveen kündigte nach sechs Jahren im Amt seinen Rücktritt an, nachdem er monatelang heftiger Kritik ausgesetzt war. Dabei ging es um seine Personalpolitik rund um den damaligen Bondscoach Danny Blind und um die verpasste Europameisterschaft 2016.

Kurz nach seinem Rücktritt verließ Blinds Assistent Marco van Basten den niederländischen Verband. Er wechselte als technischer Berater zum Weltfußballverband FIFA. Zuvor hatte sich bereits Assistent Dick Advocaat verabschiedet - nach nur drei Monaten. Advocaat ging als Trainer zum türkischen Erstligisten Fenerbahçe.

Jetzt ist er als niederländischer Nationaltrainer und erhoffter WM-Retter zurückgekehrt. Zum dritten Mal Bondscoach: Advocaat soll die Oranje vor dem internationalen Absturz bewahren. Sein Vorgänger Danny Blind hatte die EM-Teilnahme verspielt und musste nach der 0:2-Pleite im WM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien Ende März gehen.

Advocaat als Ersatzlösung

Ein bisschen Ruhe, ein bisschen weniger Chaos, ein bisschen mehr Stabilität - das könnte dem KNVB jetzt helfen. Allerdings ist auch Advocaats Job nur befristet. Nachdem unter anderen Louis van Gaal, Roger Schmidt und Henk ten Cate dem KNVB eine Absage erteilt haben, gilt der 69-Jährige schlicht als Ersatzlösung. Er und sein Assistent Ruud Gullit haben lediglich einen Vertrag für sechs Monate bekommen. "Entweder wir entscheiden uns für eine langfristige Lösung, oder wir versuchen alles, um uns noch für die WM 2018 zu qualifizieren.", sagte Hans van Breukelen. "Wir haben uns für die zweite Möglichkeit entschieden. Dafür musste ein sehr erfahrener Trainer her, vorzugsweise eine Autorität." Oranje flottmachen und dann womöglich wieder ausgedient: Ruhe und Stabilität sehen anders aus.

Türkei Trainer Dick Advocaat beim Ziraat Pokal - Medipol Basaksehir vs Fenerbahce (picture-alliance/AA/O. Coban)

Retter in der Not: Dick Advocaat einmal mehr Bondscoach

Aber es sind nicht nur das Personal-Karussell und die Personalpolitik in der Verbandsriege des KNVB, die Oranje wackeln lassen. Es fehlt vor allem an siegeswilligen Jungstars. Der niederländische Fußballbund hat es in den vergangenen Jahren schlichtweg verpasst, intensiv Nachwuchsspieler zu scouten, die technisch versiert sind und ein großes Spielverständnis haben.

Deshalb hat der KNVB einen Masterplan mit dem Titel "De Winnaars van Morgen" vorgelegt, die "Gewinner von Morgen". Anderthalb Jahre hat der Königliche Niederländische Fußballbund mit fast 90 weltweiten Experten an diesem "Masterplan" gearbeitet. Darunter Trainer, Spieler, technische Direktoren. Und die gingen mit der Elftal ehrlich ins Gericht: Sie benannten klar die Ursachen für den fehlenden Erfolg.

"Eigentlich habt ihr zu lange geglaubt, dass ihr auf Altbewährtes setzen könnt. Das habt ihr nicht weiterentwickelt. Man muss den nächsten Schritt tun. Man sollte sich an den modernen Fußball anpassen. Man muss neue Talente entdecken, erkennen und fördern. Aber auch das Spielsystem muss sich entwickeln.", sagte der technische Direktor Jelle Goes, als er vor einem Jahr diesen "Masterplan" präsentierte.

Masterplan zu spät für WM

Er sieht vor, dass der KNVB viel intensiver mit den Fußballvereinen zusammenarbeitet als bislang. Und zwar nicht nur mit den Profiklubs wie Ajax Amsterdam und PSV Eindhoven. Sondern auch und gerade an der Basis mit den Amateur-Vereinen. Genau das habe der Fußballbund in den vergangenen Jahren nicht nur vernachlässigt, sondern schlichtweg verpasst, so Goes.

Andere Länder hätten es längst vorgemacht. So wie Deutschland. Dort hätte sich der KNVB viel abgeschaut. Und so sei klar: Mit den Trainern müsse enger Kontakt gehalten, Jugendspieler während der Saison genauer beobachtet, Daten über sie gesammelt und ausgewertet werden, "... um zu gucken, ob die Spieler öfter und besser trainiert werden sollten und ob wir bessere Wettbewerbe organisieren können. Auch hier beim KNVB werden wir mehr mit unseren Top-Talenten trainieren. Für unsere Jugend-Nationalteams U15 bis U19 haben wir jetzt Extra-Trainingseinheiten eingeplant. Sie trainieren also öfter und besser, die Besten mit den Besten hier in Zeist, dem Sitz des KNVB."

Vorbild könnte auch das neue Leistungszentrum des FC Bayern sein, angeführt vom Sportlichen Leiter Hermann Gerland. "Wir brauchen Talente mit Ellbogen und Kanten. Alle müssen den Ball haben wollen. Das Motto: Gib dem Gegner keine Zeit zu denken", sagte Gerland, der als Entdecker von Spielern wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller gilt.

Siegermentalität gesucht

Der KNVB setzt außerdem auf Lehrgänge für Trainer und spezielle Kurse. Sie sollen jungen Fußballern die Willensstärke vermitteln, die sie zum Siegen benötigen, sagte Jelle Goes. Das habe bislang gefehlt. Eine Siegermentalität, wie sie Arjen Robben an den Tag legt.

Goes übrigens ist seit Mai nicht mehr im Amt. Er verließ nach nur dreieinhalb Jahren den KNVB. Da ist es wieder: das Personal-Karussell. Seine letzten Worte: "Ich habe vollstes Vertrauen in die Struktur des niederländischen Fußballs. Die Zusammenarbeit zwischen Amateur- und Profifußball wird auch in der Zukunft unsere Stärke bleiben. Sie wird den niederländischen Fußball zurück an die Spitze bringen. Da wo er hingehört."

Fussball - ehemaliger Fussballtorwart Hans Van Breukelen (picture alliance/dpa/S. Nogier)

Hans van Breukelen: Technischer Direktor mit viel Arbeit

Und das wiederum liegt in der Hand des ehemaligen National-Torhüters und technischen Direktor Hans van Breukelen. Er soll die Umsetzung des "Masterplan" überwachen. Vor allem aber soll er sich um die Zusammenarbeit mit den Profi- und Amateurklubs kümmern und dafür sorgen, dass endlich eine neue, junge talentierte Fußball-Generation heranwächst: Die "Winnaars van Morgen". Zum Gewinner von heute wird es für Oranje schwerlich reichen.

Derzeit stehen die Niederlande auf Platz vier in ihrer Qualifikations-Gruppe. Für Platz eins und dem damit verbundenen direkten WM-Ticket nach Russland 2018 ist es bereits zu spät. Der Zweitplatzierte hat zwar auch noch eine Chance - in den Play-Offs. Dafür muss Oranje aber in den verbleibenden fünf Spielen punkten: Zuerst gegen Luxemburg am 9. Juni 2017. Es wird die erste Bewährungsprobe für Oranje-Retter Dick Advocaat.