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Politik

Opferzahl laut Regierung "zehnmal höher"

Übergangsministerpräsidentin meint, die Zahl der bei den jüngsten Unruhen getöteten Menschen sei weit höher als bisher angenommen. Viele Menschen flohen wegen der Kämpfe nach Usbekistan.

Usbekische Flüchtling aus Osch (Foto: AP)

Tausende Usbeken sind auf der Flucht - die UN spricht von einer "Flüchtlingskrise"

Die Zahl der Opfer bei den jüngsten Unruhen in Kirgisistan könnte nach Einschätzung der Übergangsregierung "zehnmal höher" sein als bislang angenommen. Es habe viele Tote auf dem Land gegeben, die zudem nach Landessitte noch vor Sonnenuntergang begraben worden sind, sagte die Interimsministerpräsidentin Rosa Otunbajewa der russischen Tageszeitung "Kommersant" am Freitag (18.06.2010).

Otunbajewa meinte, man müsse daher wohl die offizielle Zahl von mindestens 191 Toten mal zehn nehmen, um eine angemessene Opferzahl zu erhalten. Fast 2000 Menschen wurden bei den Kämpfen zwischen Angehörigen Kirgisen und der usbekischen Minderheit verletzt. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mindestens 400.000 Menschen auf der Flucht, in der gesamten Region benötigen bis zu eine Million Menschen Unterstützung.

Ausgebrannt und verwüstet: di Stadt Osch im Süden Kirgisistans (Foto: AP)

Ausgebrannt und verwüstet: die Stadt Osch im Süden Kirgisistans

Trotz der Gewaltexzesse will die kirgisische Regierung bereits Ende Juni über eine neue Verfassung abstimmen lassen. Ein entsprechendes Dekret unterzeichnete Otunbajewa in der Hauptstadt Bischkek.

Bitte an Moskau um Militärschutz

Russland denkt offenbar nun doch über einen Militäreinsatz in Kirgisistan nach. Russische Nachrichtenagenturen meldeten am Freitag unter Berufung auf Kreise des Verteidigungsministeriums, die Soldaten könnten zum Schutz strategisch wichtiger Einrichtungen in der zentralasiatischen Republik eingesetzt werden. Eine entsprechende Anfrage der kirgisischen Übergangsregierung werde derzeit geprüft. Eine Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen.

Otunbajewa im Krisengebiet Osch

Otunbajewa besuchte am Freitag die von Gewalt erschütterte und in weiten Teilen verwüstete Stadt Osch im Süden des Landes. "Ich bin hierher gekommen, um mit den Menschen zu sprechen und aus erster Hand zu erfahren, was hier passiert", sagte sie mit Blick auf die tagelangen Kämpfe. "Wir werden alles tun, um die Stadt wieder aufzubauen." Der UN-Sicherheitsrat forderte eine "umfassende und transparente" Aufklärung der Gewaltwelle.

Otunbajewa wies Kritik an ihrer Übergangsregierung zurück, nichts in der Krisenlage zu unternehmen. Sie versicherte, sich für die Rückkehr der Bewohner einzusetzen, die in der Region zu Hunderttausenden vor der Gewalt geflüchtet waren. Mit gutem Willen könnten Angehörige der kirgisischen Bevölkerungsmehrheit und der usbekischstämmigen Minderheit die Feindseligkeiten überwinden. Ende vergangener Woche hatten sich im Süden Kirgisistans lange schwelende Konflikte zwischen Kirgisen und Usbeken in blutigen Auseinandersetzungen entladen.

Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa am Freitag in Osch (Foto: AP)

Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa in Osch

UN-Soforthilfe für Flüchtlinge

Aufgrund der Gewalteskalation im Süden des Landes und der schwierigen Situation Tausender Flüchtlinge hat die UN-Flüchtlingshilfe 100.000 Euro für die Soforthilfe zur Verfügung gestellt. "Dies ist eine dramatische und sich schnell entwickelnde Flüchtlingskrise", sagte UN-Flüchtlingskommissar António Guterres.

Seit Beginn der Ausschreitungen am 10. Juni haben nach Angaben der usbekischen Behörden mehr als 75.000 Flüchtlinge in Usbekistan Schutz und Sicherheit gesucht. Über eine Luftbrücke von Dubai nach Andijan im Osten Usbekistans versorgt das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) die Flüchtlinge in der Region.

UN: politische Interessen hinter Gewalt

Seit Juni verschärfte sich die Situation in den Städten Osch zusehends. Beobachter vermuteten, dass die in der vergangenen Woche ausgebrochenen Unruhen bewusst angezettelt wurden, um das Land zu destabilisieren. Ein Sprecher des UN-Menschenrechtskommissariats sagte, die Unruhen könnten "aus politischen oder kriminellen Motiven" geschürt worden sein.

Autorin: Naima El Moussaoui (afp, apn, dpa)

Redaktion: Martin Schrader

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