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Fokus Osteuropa

Opfer von Menschenhandel in Albanien: Schwierige Rückkehr in den Alltag

Albanien gilt als internationale Drehscheibe für den Menschenhandel. Im ganzen Land gibt es aber nur eine Hilfseinrichtung für die Opfer von Zwangsprostitution. Eine DW-Reporterin hat sie besucht.

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Auch vor Kindern wird nicht Halt gemacht

Im früheren Bonzenviertel für die Parteikader in Tirana schießen seit kurzem Kneipen, Discos, Boutiquen wie Pilze aus dem Boden. Teuer, schick, modern, ganz wie im Westen. Da stammen auch die Autos her, mit denen viele junge Leute um den Häuserblock kurven. Darunter manche Luxus-Karosse: der neueste Mercedes-Jeep, ein teures BMW-Cabrio. Am Steuer blutjunge Kerle. Söhne der Neureichen im Land: einige, viele, die ihren Reichtum dem Schmuggel und Handel verdanken dürften. Unter anderem dem Handel mit blutjungen Mädchen.

140 Kilometer weiter, in Vlora, einer Hafenstadt im Süden des Landes, wohnt Alina. Alina heißt nicht Alina, ihr wahrer Name bleibt ungenannt. Denn Alina lebt in einer Zufluchtsstätte für Opfer des Menschenhandels. Als sie gekidnappt wurde, war Alina 14 Jahre alt, heute ist sie 24. Sie wurde von Albanien nach Italien verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Drei Jahre wurde sie auf den Strich geprügelt, dann hat die Polizei sie aufgegriffen. Lange Zeit, so erzählt sie, habe sie sich nicht getraut, gegen ihren Zuhälter auszusagen: er hatte damit gedroht, ihren Bruder umzubringen. Erst als die Polizei entdeckte, dass sie noch nicht volljährig war, habe sie sich mehr um Alinas Schutz gekümmert. Und da habe sie endlich ausgepackt. Aber der Zuhälter, berichtet sie weiter, war so reich, dass er sich freikaufen konnte.

Täter aus der Nachbarschaft

Seit bald zwei Jahren lebt Alina nun in der Schutzstelle in Vlora. Ein großes Haus, versteckt in einem Vorort gelegen, von der Staatspolizei rund um die Uhr bewacht. Auf drei Etagen viele Schlafzimmer für je vier bis sechs Personen. Die Etagenbetten sind sorgfältig bezogen, auf vielen Betten thront ein Teddybär. Alles im Heim wirkt sauber, gepflegt, harmonisch: ein schönes Zuhause. Aber manchmal wird das Zuhause auch eng: denn sie darf nicht alleine auf die Straße gehen. Alina hat einen Computerkurs gemacht und einen Nähkurs. Seit kurzem arbeitet sie ehrenamtlich bei einer Nicht-Regierungsorganisation. Aber immer sind Leute um sie herum, die aufpassen. Das Haus ihrer Eltern hat sie seit zehn Jahren nicht mehr betreten können: der frühere Zuhälter ist einer ihrer Nachbarn.

Schwierige Rückkehr in die Familie

Alinas Schicksal teilen derzeit 15 weitere Opfer in dieser Zufluchtsstätte. Die Jüngste ist zwölf, die Älteste 30. Eine hat ihren kleinen Sohn dabei. Einige haben wie Alina gegen ihren Zuhälter vor Gericht ausgesagt und müssen nun um ihr Leben fürchten. Und selbst wenn das nicht der Fall ist: bei vielen wird es lange dauern, bis sie wieder heimfinden. Bis ihre Familie verstanden hat, dass die Tochter sich nicht freiwillig prostituierte, die Familienehre auf ewig schändete, sondern ein Opfer ist, dass Hilfe braucht. "Diese Mädchen stammen hauptsächlich vom Land, sie sind schlecht ausgebildet, und auch ihre Familien verfügen kaum über Bildung. Sie leben in sehr schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen und sind häufig Heiratsversprechen auf den Leim gegangen", meint Brikena Puka. Sie verwaltet die Organisation, bei der Alina Zuflucht fand. Vatra heißt sie, in Albanisch bedeutet das: Feuerstelle, Heimat. 1999 nahm Vatra die Arbeit auf, mit Geldern von internationalen Einrichtungen und vor allem von nordeuropäischen Nicht-Regierungsorganisationen.

Mädchenhandel verlagert

Anfangs machten die Verantwortlichen hier nur Präventivarbeit, Aufklärung, damit die Mädchen und jungen Frauen nicht den Versprechungen eines angeblichen Märchenprinzen oder eines dubiosen Jobangebots im goldenen Westen erliegen. Doch dann kamen die ersten Opfer der Zwangsprostitution zurück. Und keiner wusste, wohin mit ihnen. Seit 2001 bietet Vatra nun die Unterbringung für maximal zwei Jahre im Schutzheim. Heute ist die Zahl der Rückkehrerinnen aus dem Westen sehr viel höher als die Zahl der Mädchen, die das Land verlassen, berichtet Brikena Puka: "Dennoch können wir nicht sagen, dass es heute keinen Handel mehr gibt. Früher wurden die Mädchen ins Ausland gebracht, heute hat sich der Handel im Landesinnern entwickelt, die Prostitution im eigenen Land."

Opferzahlen rückläufig

Die Zahl der Heimbewohnerinnen sinkt sichtbar: Im Jahr 2002 waren es noch 289 Opfer des Menschenhandels, von Januar bis Ende Oktober 2006 nur noch 111. Doch nun tritt ein neues Phänomen auf: die überwältigende Mehrheit der Mädchen kommt zum ersten Mal zu Vatra - aber ist schon zum 2. oder 3. Mal in der Prostitution. "Unser Zentrum hat schon die Stimme erhoben in verschiedenen internationalen Organisationen, um eins vorzuschlagen: Mädchen, die mit der Polizei kooperieren, die ihre Zuhälter denunzieren in den Ländern, in denen sie auf den Strich gezwungen wurden - diese Mädchen sollten nicht heimgeschickt werden. Denn wenn sie heimkehren, sind sie weiterhin sehr gefährdet und riskieren, in die Prostitution zurückzufallen. Die Chance für ein neues Leben haben sie nur in dem Land, in dem sie mit der Polizei kooperiert haben und wo sie zur Prostitution gezwungen wurden." Alina hat keine Ahnung, wann sie je wieder wagen darf, alleine auf die Straße zu gehen.

Suzanne Krause
DW-RADIO, 10.1.2007, Fokus Ost-Südost