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Fokus Osteuropa

Opfer des Bosnien-Krieges bekommen einen Namen

Eine Nichtregierungsorganisation hat nach zweijähriger Arbeit die Namen von Opfern des Bosnien-Krieges veröffentlicht. Zugleich soll damit die Diskussion um die Zahl der getöteten Menschen versachlicht werden.

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Identität statt N.N.

Bis heute ist in Bosnien-Herzegowina die Zahl der während des Krieges getöteten Menschen umstritten. Je nach politischem Lager und ethnischer Zugehörigkeit gehen die Schätzungen weit auseinander. Die Zahlen variieren zwischen mehreren 10.000 bis zu 350.000 Kriegsopfern. Viele Politiker behaupten, dass vor allem die eigene Ethnie die meisten Opfer zu beklagen hätte. Nun hat eine Nicht-Regierungsorganisation in zweijähriger Arbeit versucht, unabhängige Daten über die Zahl der Opfer zusammengetragen. Das Forschungs- und Dokumentationszentrum IDC aus Sarajewo stellte die Ergebnisse vor kurzem in Mostar vor.

Erinnerung an die Menschen

Die Veröffentlichung der Namen der Opfer trage dazu bei, die Würde der Opfer zu bewahren und politischen Manipulationen Einhalt zu gebieten, betont der Leiter des Dokumentationszentrum, Mirsad Tokaca: "Die Erinnerung an diese Menschen muss bewahrt werden. Dies ist nicht nur eine Frage von Zahlen. Wir sprechen von Namen und Vornamen der Menschen, von denen jeder persönliche Merkmale aufweist - wo er geboren wurde, wie und wo er getötet wurde, was er von Beruf war, sein Foto usw. Das heißt, wir möchten vornehmlich die Erinnerung an die Toten wahren und dadurch auch demonstrieren, welches Ausmaß das Leid der Bevölkerung hat. Wir brauchen keine Spekulationen und grobe Schätzungen, sondern die Namen der Menschen."

Opfer aller Ethnien

In der Feldstudie wurden die Namen von 94.386 Zivilisten und Soldaten gesammelt, die in Bosnien-Herzegowina von 1992 bis 1995 getötet wurden. Mirsad Tokaca sagt, das IDC habe alle Opfer des Bosnien-Krieges gezählt und nicht wie häufig üblich nur die einer der drei in Bosnien-Herzegowina lebenden Ethnien.

Nach Volksgruppen aufgeschlüsselt waren darunter 67 Prozent Bosniaken, etwas über fünf Prozent Kroaten, rund 26 Prozent Serben und ein Prozent waren Angehörige von Minderheiten. Das Verhältnis zwischen getöteten Zivilisten und Soldaten beträgt etwa 42 zu 58 Prozent, so Tokaca.

"Wahrheit heute, Frieden morgen" - so lautet das Motto des IDC, das auch auf der Internetseite dieser Organisation nachgelesen werden kann. Auf dieser Seite können Angehörige die Namen von Opfern zur Überprüfung eingeben und über das Archiv auf bereits bestätigte Daten von Opfern zurückgreifen. Das Archiv steht allen Menschen in Bosnien-Herzegowina zur Verfügung.

Schwierige Zahlensuche

Auch wenn auf der kürzlich veröffentlichten Liste fast zwei Drittel der Opfer muslimische also bosniakische Namen haben, sind Mirsad Tokaca und das IDC zur Zielscheibe der Kritik für einige bosniakische Vereinigungen und offizielle Institutionen geworden. Sie behaupten, die Zahl der Opfer in ihrer Ethnie sei zwei oder drei Mal höher als angegeben.

Umstritten ist auch die Zahl der im besetzten Sarajewo getöteten Serben. Tokaca widerspricht Behauptungen, nach denen dort mehrere Tausend Serben getötet worden seien. Opfer von direkten Kriegsverbrechen seien nur mehrere Hundert geworden. Die Zahl der Opfer der Besatzung von Sarajewo sei zwar wesentlich höher, doch sei eine Analyse darüber noch in Arbeit.

Kein Platz für Manipulationen

Mit seiner Arbeit will das Dokumentationszentrum in Sarajewo zu einer Versachlichung der Diskussion um die Opferzahlen beitragen. Tokaca sagte dazu: "Es darf nicht mehr Raum für Manipulationen geboten werden und es dürfen auch nicht mehr derart drastisch hohe Einschätzungen gemacht werden."

Auch Miodrag Zivanovic, Professor an der philosophischen Fakultät in Banja Luka, meint, es sei höchste Zeit, dass die wirkliche Zahl der Opfer ermittelt werde. Die Regierungen in Bosnien-Herzegowina hätten bislang kein Interesse daran gehabt, richtigen Zahlen zu veröffentlichen: "Die bestehenden Regierungsstrukturen beruhen auf ethnischen Kriterien. Wir sind Geiseln dieser ethnischen Kriterien. Damit diese Regierungsform erhalten bleibt, muss sie alles und jeden manipulieren, und so gehört es zu ihrem Machterhalt, dass sie auch Daten über Tote und Vermisste manipuliert."

Valide Daten über die Opfer seien vor allem auch für die künftigen Generationen wichtig. Diese Jahrgänge lernen heute in der Schule Geschichte aus Lehrbüchern, in denen ganze Kapitel der neueren Geschichte ausgelassen sind. Miodrag Zivanovic: "Es besteht so die Gefahr, dass wir in zehn, fünfzehn Jahren eine Generation bekommen, die keine Informationen hat, über keinerlei Wissen verfügt, was im Krieg geschehen ist und wie es war."

Azer Slanjankic
DW-RADIO/Bosnisch, 2.2.2006, Fokus Ost-Südost

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