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Deutschland

Operationsbedarf beim Organspende-System

Ärzten vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Nach Berichten über Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen fordern Kritiker bessere Kontrollen der Transplantationsmedizin, um Missbrauch zu verhindern.

Porträt des Bundestagsabgeordneten Harald Terpe

Grünen-Politiker Harald Terpe will mehr staatliche Kontrolle

"Organversagen" - so überschreibt der Gesundheitsexperte Harald Terpe seine Stellungnahme zum Organspende-System in Deutschland. Der Mediziner, der für Bündnis 90/Die Grünen im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags sitzt, fordert nach den Skandalen in Regensburg und Göttingen dringend bessere Kontrollen. In beiden Städten soll ein Transplantationschirurg über Jahre die Daten eigener Patienten so manipuliert haben, dass diese schneller eine Spender-Leber erhielten - zulasten anderer Patienten auf der Warteliste der Stiftung Eurotransplant, die für sieben europäische Länder die Organvermittlung koordiniert. Bei diesem Organvergabe-System komme es darauf an, zwischen den Staaten gerecht zu verteilen, sagt Terpe. Wenn man durch Manipulation das System aushöhle, "dann ist das auch der Tod des Transplantations-Systems".

Staatliche Kontrolle statt geschlossener Gesellschaft

Der deutsche Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat angekündigt, strengere Regeln durchzusetzen, ebenso mehr Kontrollen und härtere Strafen. Die zuständigen Stellen von Bund und Ländern würden so ausgestattet, dass sie diese Aufgabe wahrnehmen könnten, sagte Bahr am Montag (27.08.2012) nach einem Spitzengespräch zum Organspendeskandal. Gesundheitsexperte Harald Terpe nennt Bahrs Pläne dagegen "pure Kosmetik".

Für den Grünen-Politiker krankt das deutsche Organspende-System am Mangel an neutralen Kontrolleuren und der staatlichen Aufsicht, das macht er im DW-Interview deutlich. Vernachlässigt habe man, sagt Terpe, "Leute hinzuzuziehen, die ein Gefühl dafür haben, dass Kontrolle nicht nach dem Motto geschlossener Gesellschaften organisiert werden kann".

In Deutschland sind die Bundesärztekammer, Krankenkassen- und Krankenhaus-Verbände dafür zuständig, die Spende von Organen und ihre Verteilung an die Empfänger zu überwachen. Sie alle stehen für wirtschaftliche Interessen, denn mit Transplantationen wird viel Geld verdient. Bisher sollen nur ein bis fünf Prozent aller Organvermittlungen unsystematisch überprüft worden sein. Terpe fordert regelmäßige unabhängige Kontrollen, und er verlangt, dass sich jetzt zusätzlich staatliche Stellen verpflichten, die Verantwortung für Kontrollen zu übernehmen.

Bayern setzt auf Sechs-Augen-Prinzip

Eine Hand hält eine Kühlbox für Spenderorgane vor das Bild eines Chirurgen (Archiv, Foto: dpa)

Die Organ-Vergabe soll künftig stärker überwacht werden

Das bisherige System bietet Raum für Manipulationen, meint auch Erika Feyerabend vom Verein BioSkop, der seit Jahren die Transplantationsmedizin kritisch beobachtet. Im DW-Interview nennt sie eine Möglichkeit: "Ich mache ein Organ schlechter als es ist, um ein beschleunigtes Verfahren einleiten zu können und dann das Organ im eigenen Haus möglicherweise verpflanzen zu können." Die Zahl der beschleunigten Verfahren ist in Deutschland in letzter Zeit massiv angestiegen. Nach Ansicht von Feyerabend sind Fehler nicht nur bei den Medizinern zu suchen: "Wenn man jetzt die Fälle Göttingen und Regensburg analysiert, dann kann man sagen, nicht nur die Selbstkontrolle der Ärzteschaft - also über die Bundesärztekammer und ihre entsprechenden Gremien - hat versagt, sondern das haben zum Teil eben auch staatliche Stellen, sprich Ministerien und auch Staatsanwaltschaften."

Bayern ist durch das Transplantationszentrum in Regensburg vom aktuellen Skandal direkt betroffen. Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (CSU) hat lückenlose Aufklärung versprochen und erste Maßnahmen verkündet: In den sechs bayerischen Transplantationszentren soll künftig zum Schutz vor Manipulationen das "Sechs-Augen-Prinzip" gelten. Das heißt, drei Ärzte aus drei verschiedenen Fachrichtungen kontrollieren die Vergabe von Spenderorganen. Ähnliches hat auch schon Gesundheitsminister Bahr angeregt. Stichprobenartig soll es auch Überprüfungen durch unabhängige Experten geben. Dem Grünen-Politiker und Mediziner Harald Terpe sind Stichproben zu wenig. Er regt an, in Ethik-Kommissionen über die Transplantationsmedizin nachzudenken. In diesen Kommissionen sollten dann auch regelmäßig Nicht-Mediziner vertreten sein.

Mehr informieren, weniger moralisieren

Erika Feyerabend von BioSkop wünscht sich eine offenere und kritischere Diskussion über die Transplantationsmedizin, die viel stärker gefördert werde als viele andere medizinische Verfahren. Ebenso wie Terpe fordert auch sie, dass alle bisherigen Fälle, in denen es "Auffälligkeiten" gegeben habe, veröffentlicht werden. Insider, die Missstände aufklären könnten, müssten besser vor Nachteilen geschützt werden. Bonuszahlungen für Transplantationen lehnen alle Kritiker ab, die bayerische Landesregierung fordert ein Verbot. Auch Transplantationsmediziner beklagen mittlerweile den wirtschaftlichen Druck auf Ärzte und Kliniken. Denn er trage nicht dazu bei, die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern, sondern ihre Fallzahlen zu steigern. In Deutschland gibt es knapp 50 Transplantationszentren. Die seien oft nicht ausgelastet, sagt Erika Feyerabend, das erzeuge zusätzlichen wirtschaftlichen Druck.

Gesundheitsminister Daniel Bahr zeigt seinen Organspendeausweis (Archiv, Foto: dpa)

Gesundheitsminister Daniel Bahr mit Organspende-Ausweis

"Das Gespräch über die Transplantationsmedizin muss weniger moralisch aufgeladen geführt werden", fordert die Medizinbeobachterin. In Deutschland gebe es bisher keine wirklich neutrale Aufklärung über kritische Fragen. So erfahre man fast nichts über gescheiterte Transplantationen oder über die Debatten zu Hirntodkriterien und die Folgen für die Intensiv-Behandlung der Organspender. Zuständig für Aufklärung sei die Deutsche Stiftung Organspende (DSO), die aber als Koordinationsstelle für Organentnahme und -transport nicht für neutrale Informationen stehe. "Das ist eher Werbung", sagt Feyerabend. Auch Grünen-Gesundheitspolitiker Harald Terpe hat die DSO als Institution erlebt, aus deren Reihen er gehört habe: "bloß nicht so viel Transparenz". Einige Krankenhäuser wollten deshalb nicht am Organspende-System mitwirken. Die DSO handele aber im öffentlichen Auftrag und erhalte Gelder der Krankenkassen, argumentiert Terpe, deshalb müsse der Staat mehr Druck auf sie ausüben. Gesundheitsminister Daniel Bahr hat auch eine kritische Überprüfung der Stiftung angekündigt.

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