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Digitales Leben

Onlinedating: Resterampe der Romantik

Internetdates sind längst salonfähig. Aber ist die Onlinesuche nach dem perfekten Partner so effizient wie erhofft? Partnerbörsen legen Studien vor - doch Wissenschaftler und Autoren zeichnen ein ganz anderes Bild.

"Wenn es diese Portale nicht gäbe", sagt Michele, nippt an seinem Bier und vergräbt seine Zehen im Sand des Hamburger Stadtstrandes, "hätte ich es schwer mit den Frauen." Die Auswahl im digitalen Raum sei einfach größer, die Absichten klarer. Wer nicht dasselbe sucht, wird weggeklickt - ohne emotionale Investition im Vorfeld, ohne große Enttäuschung danach. Deshalb nutzt er einen der über 2000 Online-Dating-Anbieter in Deutschland.

Via Rasterfahndung zum Traumpartner

Das richtige Auto, die neue Wohnung, das Lieblingsbuch: Das Internet verhilft vielen Kunden zum perfekten Produkt. Sich aber einen Menschen 'à la carte' aussuchen, ausgesiebt durch eine digitale Rasterfahndung mit Persönlichkeitstests und Fragebögen? Für viele Singles klingt das mittlerweile eher praktisch als nach Resterampe. Presseberichten zufolge sollen acht Millionen Deutsche online nach einem Flirt oder Partner suchen.

Partnersuche online. Copyright: http://de.match.com/.

"Schlafen Sie eigentlich bei offenem Fenster?"

Flirten ja, suchen nein

Gerade unter den Um-die-Dreißigjährigen sind Onlineflirts inzwischen so üblich wie die WG-Suche im Internet unter Studienanfängern. "Eine von vier Partnerschaften beginnt online", heißt die Werbebotschaft eines großen Internetportals.

Zur Suche im Netz bekennt sich allerdings kaum einer. "Pah, so verzweifelt bin ich erst ab dreißig!" meint Anna. Doch dann gibt sie zu, dass sie sich schon zwei Jahre vor ihrem runden Geburtstag eine kostenpflichtige Mitgliedschaft zugelegt hat, sicher ist sicher. Denn fast jeder fünfte Deutsche lebt heute allein, und jede dritte Ehe scheitert - in Großstädten wie Hamburg oder Berlin sogar schon jede zweite.

Oberflächlichkeit 2.0

Die Kriterien Online-Suchender bleiben dabei konventionell: Aktuellen Studien zufolge verlangen Männer überwiegend zuerst ein Foto, und Frauen kommunizieren meist nur mit Männern, die einen gleichwertigen oder höheren Bildungsabschluss haben - Oberflächlichkeit 2.0. Und wie eine Umfrage einer großen Partnervermittlung warnt: Wer sich selbst mit Plattitüden anpreist, also zum Beispiel "sein Glas immer halbvoll" sieht, der muss sich über ein halbleeres Postfach nicht wundern.

Foto: APN Photo/Benjamin Sklar

Per Mausklick Hand in Hand durchs Leben? Klappt in jedem vierten Fall - meinen die Anbieter

100 Anzeigen - zwei One-Night-Stands

Dass viele Online-Dater trotz und gerade wegen genauester Vorstellungen das Gesuchte nicht finden, zeigen die jungen Journalisten Alexandra Kilian und Milosz Matuschek in ihrem gerade erschienenen Buch ("Mann mit Grill sucht Frau mit Kohle", Piper-Verlag). Unvoreingenommen haben sie über 100 Kontaktanzeigen beantwortet, mit wahrhaft deprimierenden Ergebnissen: Sie, Typ Hannoveraner Landadel, bekommt anstatt eines Heiratsantrages eine obszöne Geste als Antwort. Er dagegen hat während des über ein Jahr dauernden Experiments gerade zwei One-Night-Stands "erbeutet", und beide beschreibt er als höchstens mittelgut.

Diese und andere unbequeme, aber völlig normale Dating-Wahrheiten sind lustig zu lesen und decken auf, was sowieso jeder weiß: Die Dating-Seiten versprechen das Blaue vom Himmel, doch was in Wirklichkeit passiert, ist meist eher ernüchternd.

Liebe als Casting-Prozess

Screenshot einer Partner-Seite. Copyright: http://www.partner.de

Email für Dich - von Mephisto1980

Dass auch die längsten Mitgliedschaften selten zum Erfolg führten, ist bereits im System angelegt, beschreibt Dating-Profi Matuschek nach seinem Selbstversuch in seinem Blog. Die Portale leben gerade vom Misserfolg ihrer Mitglieder: Nur, wer schnell wieder Single ist, kehrt auf den Dating-Markt zurück und wird erneut zahlender Kunde. In einem Essay für das Lifestyle-Magazin Cicero kommt er zudem zu dem Schluss, dass "Onlinedating seine User auf subtile Weise (zwingt), den Glauben an die nackte Liebenswürdigkeit aufzugeben." Da helfen auch schein-wissenschaftliche Tests mit detaillierten Fragen wie "Schlafen Sie bei offenem Fenster?" nicht weiter; sie sollen nur da Vertrauen stiften, wo es das Medium schwer macht.

Größere Auswahl, mehr Verwirrung

Copyright: http://www.partner.de

Neuer Partner, für zehn Euro monatlich

Die israelische Soziologin Eva Illouz beschäftigt sich intensiv mit der Wechselwirkung zwischen Konsum und Emotion und hat festgestellt, dass das Riesenangebot von möglichen Partnern im Netz dazu führt, dass die Auswahl nur noch nach den Regeln der Effizienz getroffen wird. Wer braucht noch lange Höflichkeitsfloskeln und romantische Dinner, da man doch viel schneller zur Sache kommen kann, wenn vorher sämtliche Fronten geklärt sind?

Außerdem, so die Soziologin, wirke sich die vermeintlich größere Auswahl im Netz kontraproduktiv auf die Länge der Beziehungen aus: Je leichter es scheint, einen Partner durch einen anderen zu ersetzen, der nach pseudo-wissenschaftlichen Persönlichkeitstests ähnlich gut passt, umso weniger wird eine lange Bindung angestrebt. Wer den aktuellen Partner verliert, kann sich ja schnell Ersatz besorgen, für durchschnittlich 10 bis 50 Euro monatlich. Glaubt er oder sie jedenfalls. Einerseits.

Hallo, bist Du's?

Andererseits aber gehört der, der im Netz datet, nicht nur zu einer anonymen Online-Community: Durch die hohe Spezialisierung mancher Seiten wird er Teil einer sehr realen, oft recht übersichtlichen und lokalen Interessengemeinschaft - und braucht gelegentlich ein dickes Fell. Im nicht-virtuellen Raum ist schonmal Diskretion angesagt: Schließlich kann es durchaus passieren, dass man versehentlich den Lieblingskollegen im digitalen Separée einer Sexdates-Seite demaskiert, die kleine Schwester einer Freundin im SM-Portal entdeckt oder zufällig eine Heiratsannonce liest, die der aktuelle Partner einer Bekannten verfasst hat. Petzen ist meist keine Alternative - also besser: lachen und für immer schweigen.

Screenshot Joyclub

Wenn schon versaut, dann bitte mit Stil

Klare Ansagen statt romantische Abenteuer

Sicher ist auf jeden Fall eines: Das Netz erspart es manchem, sich von Angesicht zu Angesicht zu den eigenen Bedürfnissen zu bekennen. Schriftlich kann noch vor dem ersten Treffen geklärt werden, was erwünscht und was total verboten ist. Das schafft Verhaltenssicherheit beim Date. Das Abenteuer des Unbekannten oder gar Romantik bleiben da auf der Strecke.

Gerade die Möglichkeit, einen Menschen zu treffen, der die eigenen Überzeugungen infrage stellt und neue Impulse setzt, wird durch die Matching-Logik des digitalen Datings ausgehebelt. Irgendwie langweilig, die schöne neue Dating-Welt.