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Digitales Leben

Online-Radio kämpft für ein Syrien ohne Gewalt

Der Bürgerkrieg hat inzwischen mehr als 100.000 Todesopfer gefordert. Die Macher von Baladna FM wollen den Menschen in Syrien Mut und Hoffnung machen - und haben es dabei mit unsichtbaren Feinden im Netz zu tun.

Einmal haben es die Hacker geschafft. Sie sind in die interne Datenbank von Baladna FM eingedrungen und haben das gesamte Archiv des Senders zerstört: Musikstücke, Berichte, Reportagen. "Wir mussten ganz von vorne anfangen", sagt Monis Bukhari, der 35-jährige Gründer des Senders. Das war vor sechs Monaten. Aus der Erfahrung haben die Online-Radiomacher gelernt. Baladna FM operiert jetzt mit einem Server, der die Inhalte sofort nach ihrer Fertigstellung auf eine zweite Festplatte spiegelt. So können die Mitarbeiter bei Hacker-Angriffen einfach auf die Kopie des Systems zurückgreifen. Versuche, den Server zu kapern, gibt es aber nach wie vor täglich.

Wenn Krieg zum Alltag wird

Video ansehen 01:48

Erkennungssong von Baladna FM

Ein Wohnhaus in Amman, Jordanien, ist die Zentrale des Online-Radios. Hier wohnt Monis Bukhari mit seiner Frau und seiner 6-jährigen Tochter. An seinem Rechner koordiniert er die Arbeit der rund hundert ehrenamtlichen Reporter. Sie leben in Syrien, aber auch in Amman oder Amsterdam. Von dort laden sie ihre Beiträge hoch, Monis Bukhari stellt sie zu einem Radioprogramm zusammen. Wegen der häufigen Strom- oder Internetausfälle in Syrien würden die Mitarbeiter manchmal Strecken von bis zu 100 Kilometern zurücklegen, um ihre Beiträge ins Netz zu stellen, berichtet er.

"Baladna" - das heißt übersetzt so viel wie "unser Land". Der Sender erzählt Geschichten vom alltäglichen Leben in einem Land, das von einem nicht enden wollenden Bürgerkrieg allmählich zerrieben wird. Selbst während des "heiligen Monats" Ramadan wird an vielen Orten weiter gekämpft. Wie schaffen es die Menschen in Damaskus, Aleppo oder Homs, ihren Alltag zu meistern? Auf diese Frage wollen Monis Bukhari und seine Kollegen eine Antwort finden. Die Lage für die Menschen in Syrien ist nach wie vor verheerend: Fast sieben Millionen sind nach Angaben der UN auf humanitäre Hilfe angewiesen, beinahe die Hälfte davon Kinder. Immer wieder fällt in weiten Teilen des Landes der Strom aus. "Wir müssen den Menschen nicht erzählen, dass sie im Krieg sind", sagt Monis Bukhari, "das wissen sie schon selbst."

Fotomontage eines Strassenzugs in Syrien, Copyright: baladna.fm

Zurück zu einem friedlichen Syrien: Baladna FMs Fotomontage eines verwüsteten Straßenzugs

Schicksale statt Front-Berichterstattung

Die Themen von Baladna FM reichen von Waffenkriminalität über den Umgang mit psychischen Traumata zu Tipps für die Kindererziehung. Ebenso so sind Frauenrechte ein großes Thema. Eine Mitarbeiterin von Baladna FM produziert einen Podcast, in dem sie regelmäßig von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung in ihrer Heimat Syrien berichtet. Ihr Name taucht nirgends auf, sie will anonym bleiben. "Frauen sind der unsichtbare Teil unserer Gesellschaft", sagt Monis Bukhari. "Die etablierten Medien reden nicht über sie. Wir reden über ihre Probleme, ihre Wünsche und ihre Erfahrungen."

"Wer Nachrichten sucht, ist bei Baladna FM falsch", sagt der deutsche Journalist Kai Schächtele. Stattdessen liefert das Online-Radio Meinungen und persönliche Beobachtungen der ehrenamtlichen Reporter. Im Januar 2013 war der Vorsitzende des Berufsverbands Freier Journalisten in Deutschland nach Amman gereist, um beim Aufbau eines syrischen Journalistenverbands zu helfen. Bei der Gelegenheit traf er Monis Bukahri. "Mich hat das Projekt vom ersten Moment an gepackt. Als der Aufstand in Syrien begann, wollte Monis etwas schaffen, das die Hoffnung und den Überlebenswillen der Syrer hochhalten kann."

Erinnerung an ein Leben ohne Gewalt

Es ist gefährlich, für Baladna FM zu berichten. Mitarbeiter des Senders wurden aufgrund ihres Engagements in Syrien bereits verhaftet. Einer sogar ermordet. Monis Bukhari ist davon überzeugt, dass die Tötung des Mannes mit seiner Arbeit für Baladna FM zusammenhing. "Das war für uns alle ein schrecklicher Tag", erzählt er mit niedergeschlagner Stimme. "Aber wir glauben an unser Projekt. Wir sind eine der wenigen öffentlichen Stimmen in Syrien, die sich für ein Ende der Gewalt einsetzt. Wir wollen die Menschen daran erinnern, dass es ein Leben ohne Gewalt gibt."

Auf die Inhalte des Senders können User direkt über die Webseite oder über Dienste wie Soundcloud oder Voscast zugreifen. Die Angebote sind in Syrien gesperrt - die User müssen sich in der Regel mit technischen Tricks behelfen, um die Blockaden zu umgehen. Trotz der Sprerren werden Baladna FMs Inhalte täglich von bis zu 10.000 Usern weiter empfohlen. Sie sind jung, meistens zwischen 20 und 35 Jahren alt, und kommen vor allem aus Syrien und Saudi-Arabien.

Im Visier von Assads Hacker-Armee

Screenshot http://baladna.fm/ Foto: baladna.fm

Die Webseite von Baladna FM ist in Syrien gesperrt

Der Erfolg des Radios hat auch Feinde auf den Plan gerufen. Hinter den ständigen Hacker-Angriffen steckt eine Gruppierung, die mit dem Assad-Regime zumindest sympathisiert. Die Organisation nennt sich selbst "Syrian Electronic Army" (S.E.A.) und hat sich zum Ziel gesetzt, die Unterstützer der - mittlerweile zersplitterten - Opposition im Internet zum Schweigen zu bringen. Nach Schätzungen der OpenNet Initiative gehören der Gruppe mehr als 10.000 Hacker an. Die US-amerikanische Zeitung "International Herald Tribune" berichtete im Mai, dass die Angriffe teilweise auch zu russischen Servern zurück verfolgt werden konnten. In der Vergangenheit hatte die S.E.A. auch westliche Medien zum Ziel, zuletzt die Blog- und Twitter-Accounts der US-amerikanischen Zeitung "The Financial Times".

Monis Bukhari hat schon früher mit der Hacker-Organisation Bekanntschaft gemacht. 2011 musste er fluchtartig sein Heimatland verlassen. Das Regime glaubte, er sei ein Spion des westlichen Auslands. Bukhari arbeitete zu dieser Zeit als Pressefotograf, unter anderem für die Los Angeles Times. Nach seiner Flucht legten Hacker seine persönliche Webseite und seinen Facebook-Account lahm. Trotzdem würde er lieber heute als morgen nach Syrien zurückkehren, doch das wäre zu gefährlich. Seine Arbeit in Amman versteht er als einen Beitrag für die Zukunft seines Heimatlands. "Ich wünsche mir, dass meine kleine Tochter einmal in einem besseren Syrien lebt", sagt er.

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