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Kultur

Online organisieren - Offline protestieren

Ob über den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs oder die aktuelle Atompolitik – im Netz wird diskutiert, organisiert und sogar demonstriert. Gibt es eine neue digitale Protestkultur in Deutschland?

Screenshot Facebook Kein Stuttgart 21 (Quelle: Facebook)

Social Networks sind geeignete Plattformen

Früher drehten die Druckpressen heiß, um bei der Demonstration am nächsten Tag genügend Flugblätter zu haben. Heute tippen Protestler sich die Finger wund, denn das Netz macht's möglich: Jeder kann sich beteiligen und relevante Infos in Umlauf bringen. Netzkenner genauso wie Netzneulinge verabreden sich online, um gemeinsam auf die Straße zu gehen.

Obama-Kampagne als Vorbild

Screenshot von der Seite Avaaz.org

Das weltweite Politik-Netzwerk Avaaz.org

"Erfolgreichen Kampagnen gelingt es, Online-Mobilisierung und Offline-Aktionen zu verknüpfen", sagt Julius van de Laar. Er weiß, wie man Menschen zum Mitmachen mobilisiert. Der 27-Jährige hat im US-Wahlkampf für Obama gearbeitet, war als einziger Deutscher hauptberuflich bei der Obama-Kampagne dabei. Van de Laar bezeichnet sich heute als Kampagnenberater, arbeitet als Politikberater und leitet auch den deutschen Ableger des internationalen Politik-Netzwerks "Avaaz.org". Das Netzwerk versteht sich selbst als neue globale Internetbewegung, es will Menschen dazu bringen, sich politisch einzubringen - und zwar per Mausklick: ständig werden Abstimmungen gemacht, Unterschriften gesammelt und Protestaktionen organisiert.

Auch "Avaaz.org" verbindet den Cyber-Protest mit konventionellen Protest-Formen: Zur Zeit kann man auf der deutschen Kampagnenseite eine Petition unterzeichnen, die die Bundesregierung dazu auffordert, erneuerbare Energien schnellstmöglich zu Deutschlands Hauptenergiequelle zu machen. In nur sechs Tagen unterzeichneten 100.000 Menschen diese Petition - online.

Facebook und Flugblatt

Proteste gegen Proteste Stuttgart 21: Polizisten verhindern das Abladen von Traktoren von einem Tieflader. Bauern aus dem Wendland wollten mit ihren Treckern die Montagsdemonstration der Gegner des Bahnprojekts unterstuetzen.(Foto: dpa)

Proteste gegen Stuttgart 21

Auch die Stuttgarter verbinden zurzeit "On"- und "Off"-Protest gekonnt: Der umstrittene Umbau des Hauptbahnhofs spaltet die Stadt in Umbau-Gegner und -Befürworter. Und die Meinungsschlacht wird nicht nur auf den Straßen rund um den Bahnhof, sondern natürlich auch im Netz ausgefochten.

Bei Facebook laufen die Themenseiten zum Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 heiß. Unter dem Profilnamen "KEIN Stuttgart 21" vernetzen sich über 82.000 Facebook-Nutzer. Es dauert nur wenige Sekunden, bis eine Äußerung kommentiert wird - irgendeiner ist immer bereit, sich online zu beteiligen. Die Qualität des Online-Protests ist aber variabel: Da wird einmal fachmännisch diskutiert, welche Sicherheitsmaßnahmen im Bahnhof im Falle eines möglichen Terroranschlags nötig sind. Zu später Stunde wünschen sich die digitalen Diskutanten aber auch schon mal ein schwäbisches "Guats Nächtle".

Facebook ersetzt auch nicht das Flugblatt. Vielmehr wird hier der Flyer zum Runterladen online gestellt, im Netz wird die Straßendemonstration organisiert. Der Politikwissenschaftler und Netzwerk-Experte Christoph Bieber sieht besonders darin den Vorteil durch das Netz: "Das alles trägt dazu bei, dass die Sachen koordiniert werden und einen größeren Einzugsbereich erhalten", so Bieber. Nicht zuletzt deshalb ist der Protest gegen Stuttgart 21 längst zu einer bundesweiten Bewegung geworden.

Gewerkschafter Anton Gorisek von der IG Metall verteilt Flugblaetter an Beschaeftigte der Fruehschicht vor dem Werkstor von Thyssen-Krupp im brandenburgischen Ludwigsfelde am Montag, 30. Juni 2003. (Foto: ap)

Früher ging die Information von Hand zu Hand. Im Netz geht alles viel schneller.

185.000 Emails an Ministerpräsident Mappus

Auch die Seite "campact.de" organisiert wie "Avaaz.org" Beteiligungs-Kampagnen - im Falle von Stuttgart 21 sogar komplett digital: Die Nutzer werden dazu aufgefordert, eine Protest-Mail an den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus zu senden. Er soll den Bahnhofsumbau in der Landeshauptstadt stoppen und einen Volksentscheid abhalten. Bisher bekam Ministerpräsident Mappus 185.000 Mails.

Durch das Internet beteiligen sich nicht nur viele Menschen am Protest zu Stuttgart 21 - es kommen auch neue Nutzer hinzu: "Bei Stuttgart 21 wenden sich auch klassische und eben nicht netzaffine Schichten dem Netz zu", sagt Christoph Bieber. Der Protestler, der sich online beteiligt, ist dabei nicht zwangsläufig der, der auf die Straße geht. Das Netz wirkt somit laut Bieber auch als Ersatz-Protest: "Es gibt auch Menschen, die sagen: Ich geh nicht auf die Straße, das sollen andere machen, ich mach das eben online."

"Wichtig ist die Botschaft"

Ob das Netz und die neue Protestwelle dazu beitragen kann, die Politikverdrossenheit abzubauen, ist derzeit noch nicht absehbar. Christoph Bieber sieht aber einiges Potential. "Es kann schon dazu führen, dass wir in den nächsten Jahren wieder eine stärkere politische Nutzung des Netzes haben." Sein neues Buch "politik digital" befasst sich mit genau dieser Frage. Julius van de Laar von "Avaaz.org" ist der gleichen Meinung: "Richtig eingesetzt kann das Internet genutzt werden um politische Partizipation zu fördern." Um Menschen tatsächlich zu mobilisieren, sei jedoch die Botschaft ausschlaggebend. "Nur wenn gezeigt werden kann, wie das Handeln des Einzelnen den Status Quo verändert, kommt es zum Engagement."

Autorin: Franziska Schmidt

Redaktion: Jan Bruck

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