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Kultur

Oma wird zur "Granny-Aupair"

Kinder hüten bei einer Gastfamilie in einem fremden Land - warum machen das eigentlich nur junge Frauen? Ältere können das unter Umständen viel besser. Sie bringen nicht nur Lust mit, sondern auch Erfahrung...

Dame zieht Koffer (Foto: picture-alliance)

Ihre Freundinnen waren sofort begeistert von der Idee, erzählt Michaela Hansen. Die Männer dagegen äußerten Skepsis. Wer würde das machen wollen, freiwillig und unentgeltlich die Kinder anderer Leute zu hüten? Sehr viele, wie sich herausgestellt hat. Frauen zwischen 45 und 76 Jahren haben sich bei Michaela Hansen gemeldet. Die meisten sind alleinstehend, verwitwet oder geschieden, haben Kinder groß gezogen und sind bereits in Pension. Aber zur Ruhe setzen wollen sie sich nicht.

Erfahrung statt Jugend

Michaela Hansen (Foto: Granny Aupair)

Hatte die Idee: Michaela Hansen

Michaela Hansen hat jung geheiratet und jung Kinder bekommen, deshalb war sie selbst nicht als Au-pair-Mädchen im Ausland. Knapp 50 ist sie jetzt und schon Oma, im Herbst kommt das zweite Enkelkind. Sie arbeitet als selbstständige PR-Beraterin. Den Anstoß, Grannys ins Ausland zu vermitteln, gab eine Fernsehsendung. Warum sollen nur junge Frauen als Au-Pairs ins Ausland gehen, dachte sie? Ältere können das doch viel besser. Sie haben Erfahrungen und wissen, wie man mit Kindern umgeht. Und kochen können sie auch.

Seit Anfang des Jahres betreibt Michaela Hansen nun "Granny-Aupair". Die Resonanz ist überwältigend. Mehrere hundert Frauen haben sich seither bei ihr gemeldet, etwa hundert in die Kartei aufnehmen lassen und zehn hat sie bereits vermittelt. Sie arbeiten bereits als Grannys oder stehen kurz vor der Abreise. Im Ausland wirbt Michaela Hansen über deutsche Kulturinstitute für ihre Idee, aber inzwischen berichten auch ausländische Medien über Granny-Aupair, so dass sich nicht nur deutschsprachige Familien melden. "Ich habe so einen Stein ins Wasser fallen lassen und jetzt zieht das seine Kreise. Das ist schon toll", schwärmt Michaela Hansen. "Ich habe Emails aus Hawaii bekommen, aus Australien, aus Mexiko, Spanien, England. Ich merke jetzt, das geht von Land zu Land und wird immer bekannter."

Abenteuer in der Fremde

Anke Brand (Foto: privat)

Anke Brand: Bald geht's los...

Anke Brand packt schon ihre Koffer. Sie geht am ersten Oktober zu einer Familie nach London. Die 62-Jährige war Leiterin eines Seniorenheims und hat sich in den vergangenen Jahren viel um ihre Enkelin gekümmert. Sie ist in Altersteilzeit, fühlt sich fit und gesund und will unbedingt etwas tun.

Als sie über Granny-Aupair las, traf sie das wie ein Blitz. Ein Jahr im Ausland leben - was für ein Abenteuer! Darauf wäre sie von sich aus nie gekommen. "Man setzt sich gewissermaßen in ein gemachtes Nest", sagt sie, "und das war mir sehr willkommen".

Freiheit mit Netz

Granny-Aupair bietet den Frauen auch Sicherheit. Sie leben in der Fremde, aber sind nicht ganz allein. Erste Kontakte finden sie über die Familien - oder über die Projekte, in denen sie mitarbeiten. Denn auch das gibt es, Grannys, die Michaela Hansen in soziale Einrichtungen vermittelt.

Anke Brand hat sich für eine Familie entschieden. Sie wäre in jedes Land gegangen, aber dann ergab sich London. Dort wird sie ein zweijähriges Mädchen betreuen. Einen Vorstellungs- und Kennenlernbesuch hat sie bereits gemacht, die Gastmutter hat ihr dafür ein Ticket geschickt. Nach dem ereignisreichen Tag freut sie sich nun noch mehr auf ihr Jahr als Granny-Aupair in London. Und ihr Mann hat sich auch an den Gedanken gewöhnt. Anke Brand hat in London ein schönes Zimmer, teilt sich mit dem Kind das Bad und darf auch (Herren-)Besuch empfangen. Ihr Mann hat sich schon angemeldet.

Arbeit gegen Kost und Logis

Ein Honorar bekommen die Frauen nicht, sie arbeiten gegen Kost und Logis. Granny-Aupair sei keine Jobvermittlung, betont Michaela Hansen. Die Gastfamilien finanzieren ihren Grannys zwar gelegentlich den Sprachkurs und einige bezahlen auch ein Taschengeld. Aber das ist Verhandlungssache. Anders als bei Au-pair-Mädchen, deren Rechte und Pflichten vorher genau festliegen, gibt es das für die Grannys nicht. Das sei auch nicht nötig, meint Michaela Hansen. Erwachsene Frauen könnten ihre Arbeitsbedingungen selbst aushandeln und sich notfalls wehren, wenn ihnen etwas nicht passe. Was soll schon schief gehen? Anke Brand ist zuversichtlich, über Konflikte könne man schließlich reden. Und wenn es gar nicht mehr läuft? "Dann setze ich mich ins Flugzeug und trete die Heimreise an." Aber bisher haben es alle Granny bestens getroffen.

Autorin: Heide Soltau
Redaktion: Petra Lambeck

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