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Sport

Olympisches Vorgeplänkel

Olympia in Deutschland? Ein nicht besonders aussichtsreiches Unternehmen möchte man meinen, angesichts der zuletzt gescheiterten Bewerbungen. Doch nun will der deutsche Sport seine Hausaufgaben machen und neu angreifen.

Olympiastadion Berlin (Foto: dpa)

Potentielle Austragungsstätte der Olympischen Spiele 2024: Das Olympiastadion in Berlin

Olympische Spiele in Deutschland - das blieb in der Vergangenheit ein Planspiel, mal in dieser, mal in jener Stadt: Berlin scheiterte mit der Bewerbung um die Sommerspiele 2000 ebenso wie ein paar Jahre später Leipzig mit seiner Kandidatur für 2012. Auch München kam mit seiner aufwändigen Kandidatur für die Winterspiele 2018 nicht durch. Und beim zweiten Versuch vier Jahre später scheiterte man noch krachender, als vier Bürgerentscheide mit einem "Nein" zu einer erneuten Olympiabewerbung endeten. Die Sportnation Deutschland, die einerseits zahlreiche Weltmeistertitel und Medaillen abräumt, soll andererseits nicht in der Lage sein, eine chancenreiche Bewerbungsmappe für Olympische Spiele zusammenstellen?

Das wollen die Spitzen des deutschen Sports nicht hinnehmen und wagen sich an das nächste Projekt: Olympische Sommerspiele 2024 (oder sogar erst 2028) in Deutschland - entweder in

Berlin oder Hamburg.

Man habe aus den Fehlern der jüngeren Vergangenheit gelernt und die richtigen Schlüsse gezogen, heißt es aus Kreisen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Erster Schritt: Man sucht die Nähe zum Volk. Bei einem Treffen mit Vertretern der deutschen Zivilgesellschaft am Donnerstag in Frankfurt am Main wollte man in einen Dialog treten - anders als bei den Münchener Bewerbungen, bei denen dies sträflich vernachlässigt wurde. Die Bürger der betroffenen Kreise in Bayern stimmten im November 2013 mehrheitlich gegen eine Bewerbung, weil vielen die Transparenz in wichtigen Eckpunkten wie finanzielle Risiken, Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit fehlte.

Dieses Mal mit den Bürgern und nicht gegen sie

"Die Frage ist: Wie schaffen wir es, die vom Grundsatz her sehr positive Zustimmung für Olympische Spiele in Deutschland auf ein konkretes Bewerbungskonzept zu übertragen?", stellt DOSB-Präsident Alfons Hörmann die Kernfrage des Vorhabens. "Wir wollen die Bürger von Beginn an beteiligen und nicht erst ein Konzept entwickeln, von dem wir die Bürger danach erst überzeugen. Das ist ein anderer Denkansatz."

DOSB-Präsident Alfons Hörmann (r.) und Generalsekretär Michael Vesper (Foto: dpa)

Müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten: DOSB-Chef Alfons Hörmann (r.) und sein Generalsekretär Michael Vesper (l.)

Was bei Hörmann eigentlich nur nach einer Frage der richtigen Kommunikation klingt, ist in Wahrheit komplizierter. Denn die "sehr positive Zustimmung für Olympische Spiele in Deutschland" ist gar nicht wirklich auszumachen. Nur 52 Prozent der Bürger unterstützen laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Forsa eine Berliner Olympia-Bewerbung, 46 Prozent sind dagegen. Eine klare Mehrheit sieht anders aus.

Deutschland als Impulsgeber?

Eine neue Olympiabewerbung soll sich auf eine breite Akzeptanz der Bevölkerung stützen können - diese Bedingung ist somit noch längst nicht erfüllt. Es bleibt also noch viel zu tun für Hörmann und Co. Der Dialog mit den Vertretern der Zivilgesellschaft macht zumindest einen Anfang. Und so diskutierten zehn Jahre vor den angestrebten Olympischen Spielen auf deutschem Boden 70 Vertreter aus Politik, Sport und sozialen Verbänden über die Machbarkeit eines solchen Großereignisses in Deutschland. "Eine Veranstaltung wie diese zeigt, dass man tatsächlich etwas gelernt hat und jetzt schon Experten aus verschiedensten Bereichen einbezogen hat", lobte Ulrike Spitz, die bei Transparency International in der Arbeitsgruppe Sport tätig ist. Und Dr. Hartmut Stahl vom Deutschen Öko-Institut meinte, dass Deutschland sogar ein Bewerber sei, "der die Maschinerie Olympia wieder mehr in Richtung Umwelt zum Laufen bringen kann". Deutschland als Impulsgeber für eine ökologischere Olympia-Bewegung? Damit ließe sich werben.

Computeranimation Olympiastadion auf dem geplanten Olympiagelände Hamburg (Grafik: dpa)

Der Hamburger Weg zu Olympischen Spielen? Eine Bewerbung nah am Wasser

Kann eine deutsche Olympiabewerbung also wieder eine breite Zustimmung bei den Bürgern finden? Vielleicht, wenn es dem DOSB, der Politik und den lokalen Bewerbungskomitees in Hamburg und Berlin gelingt, die Menschen bei einem Kernthema zu überzeugen: den Kosten. Längst haben Sport-Großereignisse wie die Olympischen Spiele hierzulande einen schlechten Ruf. Olympischer Gigantismus à la Sotschi wäre in Deutschland nie und nimmer vermittelbar. Das weiß auch Hörmann. "Die grobgeschätzten Kosten für Olympischen Spiele liegen in Berlin und Hamburg bei zwei Milliarden Euro", stellte Hörmann am Donnerstag klar. Dies wäre eine vergleichsweise überschaubare Summe angesichts von rund

40 Milliarden Euro teuren Investitionen

für

Putins Wintermärchen

namens Sotschi.

Die Sache mit den "günstigen" Prestigeprojekten

Doch in Deutschland sind die Bürger mittlerweile misstrauisch gegenüber geringen Kosten, die ihnen für Prestigeprojekte versprochen werden. Man muss nur nachfragen in Stuttgart, wo der unterirdische Bahnhof statt 2,45 am Ende wohl eher 6,9 bis 8,7 Milliarden Euro verschlingen wird - so genau weiß das allerdings keiner. Oder in Hamburg, wo die Kosten für die Elbphilharmonie im Laufe der Jahre von 186 auf 789 Millionen Euro kletterten. Oder aber in Berlin, wo der neue Hauptstadtflughafen statt ursprünglich 1,12 Milliarden D-Mark (inflationsbereinigt heute rund 755 Millionen Euro) nun 5,4 Milliarden Euro kosten soll - und auch das ist sicher noch nicht die finale Summe. Zu viele Kostenexplosionen, zu viele gebrochene Versprechen haben die deutschen Steuerzahler in den letzten Jahren erlebt. Olympia wird es vor diesem Hintergrund nicht leicht haben.

Biathlon-Wettkampf in Oslo (Foto: dpa)

Große Sportbegeisterung, viel Tradition und doch keine Lust auf Olympia: Das Beispiel Oslo ist lehrreich

Das liegt übrigens auch am Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Der Verband zeigte sich jüngst erbost über den

Rückzug Oslos als Bewerber für die Winterspiele 2022,

vielleicht auch, weil in Norwegen pikante Details zu IOC-Wünschen an Bewerber öffentlich wurden: So forderte der olympische Dachverband nicht nur Exklusiv-Fahrbahnen auf Straßen und Autobahnen sowie Ampeln, die für Delegierte prompt auf grün schalten. Nein, auch einen Cocktailempfang beim norwegischen König hätten die Herren aus Lausanne verlangt, hieß es aus Oslo. Ein peinlicher Einblick in das vorolympische Geschacher um Bedingungen und Extrawünsche, der auch den als Reformer angetretenen

IOC-Präsidenten Thomas Bach

tangieren dürfte - und in Deutschland erneut keine Werbung für Olympia machte.

Hoffen auf einen tiefgreifenden Wandel beim IOC

Trotz solcher Enthüllungen, denen der DOSB teilweise widersprach, will man das Olympia-Projekt in Deutschland fortführen. Eine weitere Niederlage in Sachen Olympia-Bewerbung will und kann sich der deutsche Sport nicht leisten, das scheint klar. Der nächste Versuch muss sitzen. Dafür ändert man beim DOSB nun den Fahrplan für das Bewerbungsverfahren. Eigentlich wollte man schon am 6. Dezember darüber entscheiden, ob Hamburg oder Berlin ins olympische Rennen geschickt wird. Jetzt will man aber zunächst die außerordentliche Sitzung des IOC abwarten. Das IOC will eine Reform des olympischen Vergabeverfahrens beschließen - eine mit Spannung erwartete Entscheidung.

"In Zukunft müssen sich die Olympischen Spiele mehr der jeweiligen Stadt anpassen als umgekehrt", glaubt Alfons Hörmann. Nur ein frommer Wunsch oder tatsächlich die Erkenntnis eines tiefgreifendes Wandels beim IOC? Deutschland muss auf Letzteres hoffen. Denn nur bei einem echten Vorzeichenwechsel besteht die Chance, dass Olympische Spiele hierzulande wieder eine breite Zustimmung bekommen.

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