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Fokus Osteuropa

"Olympiade in Sotschi ist ein Abenteuer"

Unbekannte haben Kreml-Kritiker Boris Nemzow im Wahlkampf mit einer ätzenden Flüssigkeit attackiert. Zuvor hatte er mit der DW über seine Kandidatur für das Bürgermeisteramt in Sotschi gesprochen.

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Boris Nemzow

Deutsche Welle: Herr Nemzow, warum sorgt ihre Kandidatur für die Bürgermeisterwahl am 26. April in Sotschi für solches Aufsehen?

Boris Nemzow: Den meisten Bürgern von Sotschi ist klar, dass die Winterspiele 2014 ein Abenteuer sind. Sehr viele Menschen leiden. Sie müssen ihre Häuser verlassen, in denen ihre Familien Jahrhunderte lang gelebt haben. Ökologen beklagen, dass das Naturschutzgebiet Westkaukasus zerstört wird. Sotschi erstickt am Verkehr. Die Probleme Sotschis sind gewaltig. Da aber heute in Russland Zensur herrscht – das Hauptinstrument zur Manipulation – ist die Staatsmacht sehr besorgt, dass durch meine Teilnahme am Wahlkampf die Probleme der Stadt bekannt werden. Mich haben Bürger Sotschis persönlich eingeladen, mich an den Wahlen zu beteiligen. Das ist meine Geburtsstadt. Und ich würde mich an den Wahlen nicht beteiligen, wenn sich nicht ziemlich einflussreiche und engagierte Bürger der Stadt an mich gewandt hätten. Es gibt eine totale Informationsblockade, Menschen, die mich unterstützen, werden unter Druck gesetzt, der Chefredakteur einer lokalen Zeitung wurde entlassen. Ich trage Verantwortung gegenüber den Bürgern von Sotschi, die mich aufgestellt haben, aber auch gegenüber der Bewegung Solidarnost, die mich unterstützt hat.

Wie sehen Ihre Vorschläge bezüglich der Olympiade aus?

Dass man überhaupt darauf gekommen ist, die Winterspiele in subtropischen Gefilden durchzuführen, ist schon ein Abenteuer. Nun muss man aber das Ansehen des Landes und die Situation irgendwie retten. Deswegen muss man die Olympiade in Sotschi abhalten. Aber in Sotschi sollten nur die Eröffnungs- und Schlussfeiern und einige Wettkämpfe stattfinden. Alle anderen Wettkämpfe sollten nicht in subtropischen Gefilden ausgetragen werden, sondern in anderen Städten in ganz Russland. Natürlich lehnen die russischen Bürokraten die Idee, die wir als "Dezentralisierung der Olympiade" bezeichnen, hysterisch ab. Das ist weniger auf Probleme bei der Umsetzung einer solchen Aufgabe zurückzuführen, sondern viel mehr darauf, dass jeder von ihnen bereits ein eigenes Stück vom fetten Kuchen im Blick hat. Das Budget, mit dem sie rechnen, beträgt 25 Milliarden Dollar.

Aber die Staatsmacht könnte ganz einfach Ihre Kandidatur nicht zulassen. Was werden Sie dann unternehmen?

Wir werden den Wahlkampf fortsetzen und uns keine Sekunde lang aufhalten. Derzeit arbeiten wir an einer neuen Studie mit dem Titel "Sotschi und die Olympiade". Diese Studie wird eine Sensation und wir werden sie im April vorstellen. Die Staatsmacht kann mich laut Gesetz nicht von den Wahlen einfach ausschließen - und wenn sie es dennoch macht, dann werden wir bis nach Straßburg ziehen und das Wahlergebnis dort vor Gericht anfechten. Jedenfalls wird es nicht gelingen, das Thema Sotschi im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen zu verschweigen. Ich denke, dass in Europa das Interesse an dem Problem nicht nachlassen wird.

Wladimir Sergejew/Markian Ostaptschuk
Redaktion: Bernd Johann