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Kultur

Olympiade der Künste

Die 50. Kunst-Biennale in Venedig will einen Querschnitt durch aktuelle Strömungen und Tendenzen der Gegenwartskunst bieten. Was wird im deutschen Pavillon geboten?

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"Seven ends of the World" des deutschen Künstlers Tobias Rehberger

Der Biennale-Chef Francesco Bonami hat die 50. Kunst-Biennale in Venedig unter das Motto "Träume und Konflikte - Die Diktatur des Zuschauers" gestellt. Er möchte zum Jubiläum der Schau am Beginn des 21. Jahrhunderts die Kunst in ihrer ganzen Fülle präsentieren. Aufgeboten dazu sind mehr denn je Künstler aus aller Welt. Noch bunter als sonst scheint das Mosaik der Stile und Geschmäcker, noch lärmender und greller der Zugriff auf die global zersplitternde Welt.

Der deutsche Pavillon - ganz zahm

Biennale 2003 in Venedig

Blick auf die Arbeit "Shelf, 2003", hinten, des Düsseldorfer Kuenstlers Hans-Peter Feldmann (kuratiert vom Schweizer Hans-Ulrich Obrist), am Donnerstag, 12. Juni 2003, auf der Biennale in Venedig.

Bunt wie immer sind die nationalen Pavillons der Länder in den "Giardini", den Gärten von Venedig. Der deutsche Pavillon, dessen Baugeschichte bis in die Nazizeit zurück geht, war immer wieder Ziel von Aggressionen der beteiligten Künstler. Doch die sind in diesem Jahr ausgeblieben - man präsentiert sich museal-klassisch. Der Kurator des deutsche Pavillons hat dazu zwei sehr unterschiedliche Künstler ausgewählt, die kühle, strenge Fotokünstlerin Candida Höfer und den 1997 verstorbenen Martin Kippenberger, zu Lebzeiten eine Skandalfigur. Zwei Pole einer Szene, die sich in Venedig diesmal noch vielfältiger zeigt als in den vergangenen Jahren.

Und so ist die Biennale dem Gedanken einer Leistungsschau auch im beginnenden 21. Jahrhundert verpflichtet, meint Julian Heynen, Kurator des deutschen Pavillons: "Wir alle wissen, dass die Struktur altmodisch ist, ja eigentlich nicht funktioniert - vielleicht für neue, junge Nationen, eine ganz andere Bedeutung hat als für alte Nationen, aber sie ist nicht totzukriegen. Und sie ist natürlich auch schön. Sie bringt immer wieder neue Massen von Kunst, wo man gar nicht alles sehen kann"

Ein Blick auf den deutschen Pavillon offenbart das verblüffend lebensnahe Projekt des Künstlers Martin Kippenberger. Fast scheint es, als hätte er einen Plan verwirklicht, der vor einiger Zeit durch die Gazetten ging: Den Plan nämlich, in Venedig eine U-Bahn zwischen dem Markusplatz und dem Flughafen Marco Polo zu bauen. Dieses Projekt scheint nun im Deutschen Pavillon Gestalt anzunehmen.

Highway unter Tage

Martin Kippenberger hat wenige Jahre vor seinem Tod ein phantastisches, globales Underground-Network projektiert, die Züge sollten zwischen Alaska und der griechischen Insel Syros verkehren. Auf der Kasseler "documenta" von 1997 war schon ein Eingang dazu zu sehen. Jetzt hat der deutsche Kurator in Venedig das virtuelle U-Bahn-Netz erweitert.

Das Gitter eines U-Bahn-Lüftungsschachtes ist im Fußboden des Pavillons zu sehen; in regelmäßigen Abständen hört man aus der geheimnisvollen Tiefe des Raumes ein Rasseln und Rauschen, und ein kühler Luftstrom kommt aus dem Dunkel, der die Kleider der Damen fast so schön bauscht, wie es einst Marilyn Monroe so unvergesslich vorgeführt hat.

Kippenbergers virtuelles U-Bahn-Netz war eine ironische Antwort auf den digitalen Internet-Wahn der 1990er-Jahre. Der donnernde Schacht von Venedig wirkt nun wie ein Memorial, wie ein Stahl und Stein gewordener Nachruf auf einen Künstler, der zeitlebens nicht wirklich ernst genommen wurde, weil er sich gern als Clown gab. Es ist das Verdienst des Kurators Julian Heynen - einem notorisch falsch verstandenen Künstler - späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Verlassene Hallen

Völlig konträr dazu steht dagegen die zweite Künstlerin, die sich im deutschen Pavillon präsentiert: Die Fotodokumentaristin Candida Höfer. Sie kann sich über zu wenig Beachtung zu Lebzeiten nicht beklagen; sie gehört zu den bedeutendsten Schülern der legendären "Düsseldorfer Fotoklasse" des Fotografen-Paares Bernd und Hilla Becher, die in den 1980er-Jahren mit ihren menschenleeren Industrie-Aufnahmen weltberühmt wurden.

Ob die stille Musterschülerin Candida Höfer ähnlichen Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Auch ihre Bilder sind absolut menschenleer, aber es handelt sich ausschließlich um öffentliche Innenräume: Bibliotheken, Schwimmbäder oder Ballsäle, Kantinen oder Kuranlagen, Museen oder Schlösser; auch einige frisch fotografierte Palazzi in Venedig sind dabei.

Candida Höfer gelingt es, die Räume aus der Stille heraus ganz für sich sprechen zu lassen, die Orte leuchten in fast überirdischer Schönheit, so hässlich sie auch sein mögen. Die Künstlerin ist zwar menschenscheu, aber sozial keineswegs desinteressiert. Die Abwesenheit der Menschen auf ihren zurückhaltend-schlichten Bildern wirkt vielmehr so, als seien die Akteure nur eben einmal weggegangen; alle Spuren von ihnen sind erhalten und prägen diese Orte eindrücklich.

"Ich war mir am Anfang natürlich auch nicht bewusst, warum ich das eigentlich gemacht habe – warum ich dann die Menschen weggelassen haben. Später habe ich gemerkt, dass durch das Weglassen des Menschen der Mensch doch irgendwie anwesend ist, und so bestimmte Strukturen oder Veränderungen in den Räumen deutlicher werden."

"Kirche der Angst"

Abseits vom deutschen Pavillon hat sich in Venedig auch der in Deutschland wohl bekannteste Projekt- und Skandalkünstler Christoph Schlingensief eingefunden. Für diese Biennale hat er eine Art neuer Religionsgemeinschaft gegründet: Sie heißt "Kirche der Angst" und besteht bisher nur aus einigen Getreuen, die gegen ihre gesellschaftlich verursachten Ängste vorgehen wollen.

Sie bieten sich fastend und schwitzend den voyeuristischen Blicken der Biennale-Besucher dar: In luftiger Höhe auf Baumstämmen unter Sonnensegeln sitzend wie antike Säulen-Heilige. Sieben Tage müssen sie ausharren, und die Ausstellungsbesucher können Wetten auf sie abschließen und Zensuren verteilen. Ein Spektakel, mit dem dieser Allround-Künstler seinem Ruf als Enfant terrible wieder einmal alle Ehre macht.

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