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Sport

Ohne Zielfoto läuft nichts

Beim Rennen gewinnt derjenige, der als Erster die Ziellinie überquert. Das ist klar. Nicht so klar ist dagegen, wer das im Einzelnen immer ist. Die Antwort weiß oft nur die Technik.

Der Zieleinlauf beim 110-m-Hürdenfinale (AP Photo/Markus Schreiber)

Im 110-m-Hürdefinale hätte es ohne Zielfoto keinen Sieger gegeben

Olympische Spiele 1932 in Los Angeles. Über dem 100 Meter Finallauf der Männer überqueren zwei Athleten gleichzeitig die Ziellinie: Eddie Tolan und Ralph Metcalfe, beides US-Amerikaner. 10,3 Sekunden sagt die erstmals eingesetzte, aber noch nicht offiziell zugelassene elektronische Zeitnahme. Aber zum ersten Mal wurde auch eine Zielfotokamera eingesetzt – und das Bild zeigt: Tolan war hauchdünn vor Metcalfe im Ziel.

In einigen Sportarten, besonders in der Leichtathletik kommt es auf Sekunden, Zehntelsekunden, manchmal auch auf Hundertstelsekunden an. Die Zahlen hinter dem Komma sind entscheidend. Das menschliche Auge kann das nicht erfassen, eine hochmoderne Zielfotokamera aber schon, erklärt Rob Wilson, Marketing-Direktor der Firma Seiko, die diese Kameras bei der Leichtathletik-WM in Berlin zu Verfügung stellen. "Unsere Kamera schießt 2000 Bilder pro Sekunden von der Ziellinie.“ Damit ist sie sogar noch genauer, als die Regeln des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) es vorgibt.

Allein der Rumpf zählt

Um sich vorzustellen, wie diese Kamera genau funktioniert, sollte man sich vorstellen, man sei in einem Zimmer mit Vorhängen, meint Wilson. "Diese Vorhänge sind so weit zugezogen, dass nur ein winziger Spalt von draußen zu sehen ist. Wenn nun ein Auto vorbei fährt, dann sieht man nicht das Auto, sondern nur einen winzigen Ausschnitt.“ Und genau das fotografiert die Kamera bei Leichtathletik-Rennen auch. Die mehrere tausend einzelnen Bilder werden dann zu einem Bild zusammengefügt. Damit entsteht ein Foto, das nicht den Raum wieder gibt, sondern die Zeit.

Nach dem Rennen haben die Juroren dann 30 Sekunden Zeit, anhand des Zielfotos zu entscheiden, wer tatsächlich als Erster das Ziel überquert hat. Dabei ist es wichtig, mit welchem Körperteil der Sportler die Linie erreicht. "Entscheidend ist der Rumpf, also von den Schultern abwärts bis zur Hüfte. Ein Bein, ein Arm oder der Kopf zählt nicht“, weiß Wilson. Diese Regelung scheint strikt, ist aber sinnvoll. Denn es gibt viele Rennen, in denen das Ergebnis sehr knapp ist. "Ich kann mich zum Beispiel an das Rennen 1991 in Tokio erinnern. Alle acht Athleten kamen innerhalb von einer Zehntelsekunde ins Ziel. Das Foto ging damals um die Welt.“

Offizielles Zielfoto des 100m-Sprints der Männer Bild: Seiko, August 09, Berlin

Den Sieg von Usain Bolt über 100 m hat man auch ohne das offizielle Zielfoto erkannt

Gleiche Bedingungen für alle

Die Zielfoto-Technik ist heute aus der Leichtathletik nicht mehr wegzudenken. Doch nicht nur der Zieleinlauf wird exakt erfasst, auch beim Start wird nichts dem Zufall überlassen. In einem 400 Meter Lauf beispielsweise starten die Athleten nicht auf derselben Höhe – der Läufer der Innenbahn startet ganz hinten, da seine Bahn kürzer ist. Deshalb steckt in jedem einzelnen Starblock ein elektronischer Sender, der den Startschuss abgibt. Somit ist gewährleistet, dass jeder Läufer auf jeder Bahn den Schuss gleichzeitig und nicht zeitversetzt hört.

Zudem zeigt der Sender auch Fehlstarts an: Er misst, wie viel Druck die Athleten auf den Startblock vor und nach dem Startschuss ausüben. Dabei bezieht er in Berechnungen das Reaktionsvermögen mit ein – also den Zeitraum, den ein Mensch benötigt, um das Signal, dass er hört, in seinem Gehirn umzusetzen und an die Beine weiterzugeben und dann los zu sprinten. Lässt der Druck am Startblock vor der Summe aus Startschuss und Reaktionsvermögen nach, ist der Sportler zu früh gestartet.

Bolt ist ein schlechter Starter

Nicht nur die Juroren nutzen diese Daten, sondern auch Trainer und ihre Sportler. So haben beispielsweise die Messungen im 100-Meter-Endlauf der Männer bei dieser WM ergeben, dass Usain Bolt von den acht Läufern der drittlangsamste Starter war. "Wenn er das Reaktionsvermögen von dem besten Starter hätte, dann hätten wir jetzt einen ganz anderen Weltrekord“, schmunzelt Wilson.

Aber irgendwie ist es ja schon beruhigend, dass ein Super-Star wie Usain Bolt auch seine Schwächen hat.

Autor: Sarah Faupel
Redaktion: Wolfgang van Kann

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