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Kultur

Ohne Witz

Es sollte zum Lachen sein. Und ist vielleicht gerade deshalb besonders brutal: Der Karneval zu Hitlers Zeiten war eine Propagandaschau gegen die Juden. Das Kapitel einer lustigen Tradition, das man oft übersieht.

Karneval in Köln im Nationalsozialismus Bild: NS-Dokumentationszentrum Köln

Ein Karnevalswagen in Köln während der NS-Zeit

Es geht wieder richtig ausgelassen zu - oberflächlich betrachtet war das schon immer so beim Karneval in Deutschland. Sicher: Die Witze verändern sich, von Jahr zu Jahr werden andere auf die Schippe genommen. Das Spötten und Fröhlichsein hat eine lange Tradition. Auch in der Nazi-Zeit wurde kräftig gefeiert. "Hinter dieser lustigen Tradition verbirgt sich ein Stück Geschichte, das bis vor wenigen Jahren totgeschwiegen wurde", sagt der Historiker und Brauchtumsforscher Marcus Leifeld vom Kölnischen Stadtmuseum. Er und sein Kollege Carl Dietmar haben dieses dunkle Kapitel genauer untersucht und jetzt ihre Studien in einem Buch unter dem Titel "Alaaf und Heil Hitler" veröffentlicht. Nicht nur in Köln - eine der Hochburgen des karnevalistischen Treibens - auch in anderen Städten Deutschlands haben sich Leifeld und sein Kollege Dietmar umgehört und in Archiven recherchiert, Zeitungsarchive durchforstet, öffentliches Schriftgut eingesehen und Doktorarbeiten ausgewertet.

Karnevalsumzüge als Propagandainstrument

Karneval in Köln im Nationalsozialismus Bild: NS-Dokumentationszentrum, Copyright: Marcus Leifeld Köln

Heil Hitler und Helau

Wie andere Bräuche wurde auch der Karneval von den Nazis beschlagnahmt und für ihre Propanganda mißbraucht. Die ideologische Gleichschaltung funktionierte bestens - und stets nach dem gleichen Prinzip: Feindbilder finden und sie zum Gespött der Leute machen. Die einheitsstiftende Wirkung der Festveranstaltungen, das gemeinsame Feiern, war für die Nationalsozialisten eine hervorragende Möglichkeit, ihre menschenverachtenden Botschaften unters Volk zu bringen. In Büttenreden, Karnevalsliedern und auf Mottowagen wurden Unangepasste, Juden und Ausländer aufs Übelste verspottet und verhöhnt.

Judenmord als Volksbelustigung

Karneval in Köln im Nationalsozialismus Bild: NS-Dokumentationszentrum Köln

Der Judenhass kannte keine Grenzen

"Die Nationalsozialisten haben schon sehr aggressiv ihre Ideologie mit dem Karneval vertreten, etwa was den Gedanken der Volksgemeinschaft betrifft. Da hat man sehr vehement diejenigen Volksgruppen, die man nicht wollte, ausgegrenzt", haben die zwei Historiker herausgefunden. Besonders jene Festwagen, die ab 1934 den Hass auf jüdische Mitbürger schürten, kamen gut an. Einer der schlimmsten fand sich beim Nürnberger Umzug, mit einer Puppe am Galgen, die einen gehenkten Juden darstellte.

Friedfertigkeit aus Pappmaché gemacht

Karneval in Köln im Nationalsozialismus. Bild: NS-Dokumentationszentrum, Köln

Deutschland sollte im Ausland gut dastehen

Heimat über alles, Gruppensolidarität durch gemeinsames Singen und Schunkeln – das war der Nährboden für die menschenverachtende Botschaft der Nazis. Für die Machthaber war das Fest nicht zuletzt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der Touristen anziehen sollte. Karneval bedeutete für den Mittelstand, der bei der Durchführung federführend war und bis heute ist, vor allem ein gutes Geschäft. Dem Ausland und den ausländischen Gästen wollten die Nazis ein fröhliches Volk präsentieren, das friedfertig zu feiern wußte.

Kritik an der Hatz gab es kaum

Künstler setzte man dagegen massiv unter Druck. Widerstand gegen diese zutiefst bösartige Ideologie gab es daher so gut wie gar nicht. Und wenn, waren es eher nur vereinzelt unangepasste Karnevalisten, wie beispielsweise in Mainz, der Hochburg politischer Büttenrede. Redner Martin Mundo oder Seppel Glückert gehörten zu den Mutigsten. Die "Narren" in ganz Deutschland ließen sich meist zum willfährigen Instrument der Propanganda von Hitler und Co. machen.

Buchcover Carl Dietmar, Macus Leifeld: Alaaf und Heil Hitler. Karneval im Dritten Reich

Die Archive sind offen: "Alaaf und Heil Hitler"

Und so schunkelte man nach Kriegsende, als sei doch gar nichts geschehen. Mit denselben Hetzern wie in der Nazizeit. Erst in den letzten Jahren wird offener über dieses traurige Kapitel deutscher Geschichte gesprochen. Die Archive der Karnevalsgesellschaften wurden geöffnet und Marcus Leifeld und sein Kollege Carl Dietmar konnten in siebenjähriger Arbeit lange verschlossene Quellen auswerten.

Autor: Peter Kolakowski
Redaktion: Elena Singer