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Politik

Oh Tannenbaum - wo Tannenbaum...

In Russland ist ja bekanntlich alles ein bisschen anders, auch und erst recht zur Weihnachtszeit. So feiern die Russen das Fest erst am 7. Januar, weil die orthodoxe Kirche am Julianischen Kalender festhält.

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Stephan Hille

Der Julianische Kalender hinkt dem im Westen geltenden Gregorianischen Kalender um knapp zwei Wochen hinterher. Die Geschenke gibt es traditionell am Silvesterabend, gebracht werden sie nicht vom Weihnachtsmann, sondern von "Ded Moros", dem Väterchen Frost.

Beliebte Jolka

Doch auch in Russland geht nichts ohne den geschmückten Tannenbaum. Während im Westen bereits zu Neujahr viele ihre nadelnden Weihnachtsbäume entsorgen, stellen die Russen ihre gerade erst auf, denn auch in Russland gehört es sich, dass Väterchen Frost die Geschenke unter die "Jolka", die Weihnachtstanne, legt.

Unter den Russen ist die "Jolka" überaus populär, dabei ist die russiche Tradition des geschmückten Weihnachtsbaumes noch relativ jung. Erst 1817 brachte Alexandra Fjodorowna, die Ehefrau von Zar Nicholas dem Ersten den Weihnachtsbaum an den Zarenhof im Winterpalast, nachdem sie die geschmückten Christbäume in Deutschland gesehen hatte. Vom Zarensitz in St. Petersburg aus verbreitete sich die Jolka rasch über die russischen Weiten, bevor sie ziemlich genau hundert Jahre später, nach der Machtergreifung durch die Bolschewiki als "Überbleibsel der Bourgeoisie" gebrandmarkt und gemeinsam mit dem russisch-orthodoxen Weihnachtsfest abgeschafft wurde.

Herz für Kitsch

Längst ist das russische Neujahrsfest wieder zum wichtigsten Feiertag in Russland aufgestiegen, ganz Moskau ist schon seit Tagen in ein Meer von Glitzerlichtern und Neujahrsdeko eingetaucht. Und natürlich machen sich die Moskowiter in diesen Tagen daran, rechtzeitig fürs Fest eine "Jolka" zu erstehen. Auch wenn die Russen ein großes Herz für Kitsch haben, bevorzugen die meisten eine richtige Tanne anstelle der Plastik-Jolka.

Dubiose Marktregulierung

Doch in diesem Jahr könnte es für viele Moskauer schwierig werden, zu ihrer geliebten Jolka zu kommen. Denn nach russischen Medienberichten plant die Stadtregierung, den Verkauf von Tannenbäumen massiv einzuschränken. Gab es in den letzten Jahren die Jolka in allen Größen an fast jeder Ecke zu haben, soll es in diesem Jahr zwei Drittel weniger Verkaufsstände geben als im Vorjahr.

Offiziell begründen Moskaus Stadtväter das reduzierte Tannenbaum-Angebot laut Zeitungsberichten damit, dass in den vergangenen Jahren ein Überangebot an Christbäumen vorlag. Tausende gefällter Jolkis hätten, ohne dass sie einen Käufer fanden, später entsorgt werden müssen. Christbaummarkt-Beobachter weisen dies zurück. Angebot und Nachfrage hätten sich in den vergangenen Jahren mehr oder weniger die Waage gehalten.

Verkaufsförderung für Plastik?

Die Tannenbaum-Branchen-Experten vermuten einen ganz anderen Grund dafür, dass Bürgermeister Juri Luschkow das Jolka-Angebot künstlich verknappen wolle: Der größte Produzent von Plastik-Christbäumen soll zur Inteko-Holding gehören, schreiben russische Zeitungen. Sicher ist: Die Aktienmehrheit von 99 Prozent ist im Besitz von Luschkows Ehefrau, Jelena Nikolajewna Baturina. Bauunternehmen, Zementindustrie aber auch Landwirtschaft sind die Pfeiler der Inteko-Holding. Deren Eigentümerin, die Bürgermeistergattin, ist die erfolgreichste Unternehmerin Russlands und auch die reichste. Ihr Vermögen wurde vom US-Magazin "Forbes" inzwischen auf 1,1 Milliarden Euro geschätzt.

Kritiker warfen Baturina schon häufig vor, dass ihr Ehemann, der Bürgermeister, ihre Geschäftsinteressen fördere. Und auch im Fall der Plastik-Tannen rauscht der russische Blätterwald…