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Afrika

Ogbunwezeh: "Der Terror geht uns alle an"

Kamerun unterstützt Nigeria im Kampf gegen Boko Haram - endlich, sagt Menschenrechtler Emmanuel Ogbunwezeh im DW-Interview. Die internationale Komponente des Terrors sei zu lange vernachlässigt worden.

DW: Herr Ogbunwezeh, in Nigeria sind am vergangenen Wochenende erneut zahlreiche Menschen durch Anschläge der Boko Haram getötet worden. Im benachbarten Kamerun ging das Militär gegen die Terrorgruppe vor und tötete 40 ihrer Mitglieder. Ist diese Militäraktion ein erstes Zeichen für eine Zusammenarbeit der Nachbarstaaten, so wie sie Frankreichs Staatspräsident Hollande vor kurzem gefordert hatte?

Emmanuel Ogbunwezeh: Das kann sein, aber genau lässt es sich nicht sagen. Boko Haram hat schon lange in diesem Dreiländereck von Nigeria, Tschad und Kamerun seine Basis gehabt und die Menschen in dieser Region terrorisiert. Aber die Regierungen in Kamerun und im Tschad haben das bisher noch nicht wahrgenommen. Sie haben das die ganze Zeit als rein nigerianisches Problem gesehen. Aber nachdem Hollande die Staatsoberhäupter nach Paris eingeladen hat, hat Kamerun reagiert und hat 3000 Soldaten an die nigerianische Grenze geschickt. Das ist eine positive Reaktion.

Das heißt, die länderübergreifende Zusammenarbeit wurde beim Kampf gegen die Boko Haram bisher schwer vernachlässigt?

Ja, genau. Bisher haben die Boko Haram Kämpfer immer nur Anschläge in Nigeria verübt und Kamerun und Tschad als Rückzugsgebiet benutzt. Jetzt aber haben sie angefangen auch Dörfer in Kamerun anzugreifen. Das war ein großes Problem, dass die Nachbarstaaten bisher gedacht haben, dass Nigeria selber stark genug ist, um dieses Problem zu lösen. Aber das ist Terrorismus und der geht uns alle an.

Abgesehen von dieser Zusammenarbeit, was kann man Ihrer Meinung nach gegen die Boko Haram tun?

Nigeria hat jetzt realisiert, dass es sich im Krieg befindet, und zwar im Krieg gegen einen unkonventionellen Gegner. Bisher hat die Regierung in Abuja das vernachlässigt. Die haben gedacht, das ist eine kleine Terrorgruppierung, die man mit einer kleinen Polizeiaktion in den Griff bekommt. Aber die Boko-Haram-Kämpfer sind sehr gut organisiert und sie sind schwer bewaffnet. Sie sind sehr erfahren im Guerilla-Kampf, womit das nigerianische Militär keinerlei Erfahrung hat. Durch die Zusammenarbeit des Militärs mit den Amerikanern, den Franzosen und auch den Chinesen sehen wir eine kleine Richtungsänderung, aber inwieweit das wirklich einen Fortschritt im Kampf gegen Boko Haram bringt, muss sich erst noch herausstellen.

Wie soll sich der Westen gegenüber diesem schwierigen Partner Nigeria verhalten? Einerseits will man die Boko Haram bekämpfen, andererseits sind die westlichen Staaten mit den Mitteln, die Nigeria anwendet, nicht zufrieden.

Das nigerianische Militär ist nicht gegen den Kampf gegen den Terror gerüstet und ist von Korruption und Brutalität geprägt. Viele der islamistischen Kämpfer sind erschossen worden, ohne sie vor ein Gericht zu stellen. Das ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Aber der Terror geht uns alle an. Wenn man diesen Terror in Nigeria nicht unterbindet, dann wird man ihn irgendwann auf den Straßen Amerikas und Europas sehen. Nigeria bietet für Terroristen hervorragende Voraussetzungen, um dort Ausbildungs- und Trainingscamps einzurichten. Deshalb braucht Nigeria jede Hilfe, die die USA oder Europa anbieten kann, auch wenn die Zusammenarbeit schwierig ist. Die islamistischen Gruppen werden ja irgendwie finanziert und mit Waffen versorgt. Hier kann der Westen helfen, herauszufinden, woher Geld und Waffen kommen und auch dabei, diese Unterstützung zu unterbinden.

Vor kurzem hat US-Präsident Obama gesagt, dass er die bisherige Strategie von Nigerias Staatspräsident Jonathan ablehnt, gegen die radikalen Islamisten nur mit brutaler Härte vorzugehen. Haben sie eine Vorstellung, wie Obamas "ganzheitliche Strategie" aussehen soll?

Man muss verstehen, was Boko Haram stark macht. Der Norden Nigerias ist sehr stark geprägt von Armut und Analphabetismus. Boko Haram rekrutiert seine Mitglieder aus dem Kreis der Ärmsten der Armen und Ungebildeten. Und sie bieten diesen Menschen Geld und eine religiöse Perspektive an. Die Menschen nehmen das an, weil sie in einer vollkommen hoffnungslosen Situation leben. Das heißt, man muss die Armut, den Analphabetismus und die Unterentwicklung bekämpfen, für eine Infrastruktur sorgen. Es geht also nicht nur um eine Militäraktion gegen Boko Haram. 80 Prozent der Nigerianer leben unter der Armutsgrenze. Ein Prozent der Nigerianer besitzen 80 Prozent von allem. Korruption ist weit verbreitet. Das verhindert, dass ein großer Teil der Bevölkerung am Reichtum des Landes teilhaben kann. Was Obama fordert, ist: Nigeria muss einen Integralplan entwickeln, um den Menschen zu helfen.

Dr. Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh stammt aus Nigeria und ist Referent für Subsahara-Afrika der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.

Das Gespräch führte Günther Birkenstock.