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Deutschland

Polizei startet Offensive gegen Raser

Auf den Straßen Vollgas geben ist in Deutschland Volkssport. Mit Radarkontrollen wird gegen Temposünder vorgegangen. Der Sinn dieser Aktionen ist bei Verkehrsexperten allerdings umstritten.

Mit einer Laserpistole kontrolliert eine Polizistin die Geschwindigkeit von PKWs. Foto: Daniel Karmann dpa/lby dpa 24006944

Geschwindigkeits Kontrollen der Polizei mit Laserpistole

Zu hohe Geschwindigkeit ist Ursache Nummer eins für Unfälle im Straßenverkehr. Im europaweiten Vergleich bewegt sich Deutschland im guten Mittelfeld. Doch die Zahl der Verkehrstoten ist 2011 erstmals seit 20 Jahren wieder gestiegen, und das satte zehn Prozent. Die Bundesländer reagieren mit mehr Geschwindigkeitskontrollen. Auf den Straßen der Bundesländer Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wurde letzte Woche ein 24-Stunden-Blitzmarathon durchgeführt und über 800.000 Fahrzeuge kontrolliert. "Im Jahre 2011 ist mehr als jeder Dritte durch Raserei auf den Straßen gestorben. Wer das verhindern will muss die Raser ausbremsen“, begründete Ralf Jäger, Innenminister von Nordrhein-Westfalen im Vorfeld der Aktion. Es ist bereits die dritte Aktion dieser Größe in diesem Jahr.

Fragwürdige Kontrollmethoden

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger Foto: Federico Gambarini dpa/lnw

Will Raser stoppen: Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger

Der Sinn von Radarfallen ist jedoch umstritten. Besonders angekündigte Kontrollen, bei denen auf Webseiten sogar die Orte der Blitzer verraten werden, nennt Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss eine "Show-Veranstaltung" der Polizei ohne nachhaltigen Effekt auf das Verhalten der Autofahrer. "Sie halten sich nicht an alle Verkehrsschilder, sondern bremsen nur dort, wo Tempokontrollen gemacht werden." Unfälle würden durch Blitzer nicht verhindert, da es für Einsicht meistens zu spät ist, wenn der Bußgeldbescheid im Briefkasten landet. "Es ist wichtig, unmittelbar nach dem Geschehen auf den Fahrer einzuwirken, nicht Wochen später, wenn der Fahrer das schon längst vergessen hat", sagt er.

In einer Studie fand der Verkehrspsychologe Anfang des Jahres heraus, dass Radarkontrollen, so wie sie momentan durchgeführt werden, nicht zur Verringerung des Unfallrisikos beitragen. So würden beispielsweise junge Fahrer bis 25 die meisten tödlichen Unfälle verursachen aber verhältnismäßig wenige Knöllchen kassieren - weil sie meistens am Wochenende und nachts unterwegs sind, wenn die Polizei wenige Geschwindigkeitskontrollen durchführt. Fahrer bis 44 Jahren mit dem geringsten Unfallrisiko würden überdurchschnittlich viel erwischt und kassieren doppelt so viele Punkte und Bußgelder.

ARCHIV - Mit einem digitalen Lasergeschwindigkeitsmessgerät wird am 01.04.2010 der Verkehr auf der Autobahn A5 bei Müllheim (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald) überwacht. Weil er Radarfallen für Geldschneiderei hält, hat ein Richter in Herford bei Bielefeld mehr als 40 geblitzte Autofahrer freigesprochen. Das berichteten mehrere Zeitungen am Mittwoch (10.11.2010). Foto: Patrick Seeger dpa/lsw zu dpa 0415 vom 10.11.2010)

Wenig Einsicht durch Radarkontrollen


Kein Bewusstsein für die Konsequenzen

Verkehrsforscher Michael Schreckenberg glaubt, nur Aufklärung und Verkehrserziehung würden Rasen vorbeugen. "Es gibt keinen Bereich im zivilen Leben, wo von Menschen so große Gefahr ausgeht wie beim Autofahren - und sie dennoch keine Fortbildung machen müssen", sagt er. Schreckenberg hat für seine Forschungen auch die Polizei auf deutschen Straßen begleitet und bemerkt, wie wenig Bewusstsein für Gefahren bei vielen Autofahrern vorhanden ist. "Wenn sie mal Raser-Videos der Polizei gesehen haben, dann zweifeln sie ein bisschen an der menschlichen Gesellschaft. Was da teilweise auf der Straße praktiziert wird, ist unvorstellbar", sagt er. Schnell fahren gilt bei vielen Menschen in Deutschland als kulturhistorisch schützenswert und Zeichen der individuellen Freiheit. Rund 50 Prozent der deutschen Autobahnen haben keine Geschwindigkeitsbegrenzung, und auch auf Landstraßen darf schneller gefahren werden als in den meisten anderen Ländern.

Die Konsequenzen sind Autofahrern selten klar. "Die Bevölkerung wird Gesetze nur einhalten, wenn sie sie es einsieht. Tempo 30 vor Schulen wird zum Beispiel eingehalten, weil man da Kinder spielen sieht. Aber wenn da ein Schild steht und keiner weiß warum, dann fehlt das Bewusstsein, was die erhöhte Geschwindigkeit beim Unfall bedeuten könnte", sagt Schreckenberg. Er erzählt, dass bei einem Aufprall schon bei Tempo 50 nur 40 Prozent der Menschen überleben. Solche Informationen wünscht er sich bei Weiterbildungen und Verkehrserziehung in Schulen. Stattdessen suggeriere uns die Automobilindustrie, die Autos seien sicher. "Aber wenn sie mit Tempo 100 gegen die Wand fahren, sind sie tot."

Effektivste Strafe - Führerscheinentzug

Michael Schreckenberg (* 28. September 1956 in Düsseldorf) ist ein deutscher theoretischer Physiker und Hochschullehrer an der Universität Duisburg-Essen. Er gilt als Wegbereiter der Physik von Transport und Verkehr.

Verkehrsforscher Michael Schreckenberg

Die Strafen für zu schnelles Fahren sind in Deutschland dabei vergleichsweise gering. Im Europäischen Ausland ist oft das Vielfache an Bußgeldern fällig, in Großbritannien beispielsweise kassiert der Staat bis zu 3000 Euro für Geschwindigkeitsübertretungen, im Deutschen Bußgeldkatalog ist bei 680 Euro Schluss. Höhere Geldstrafen sind für Schreckenberg nicht ausreichend um notorisches Schnellfahren zu verhindern. Die einzig wirksame Strafe für ihn ist es, dem Raser schneller die Fahrerlaubnis zu entziehen - wenn es sein muss, für immer. "Es gibt Psychologen, die behaupten, dass der Führerscheinentzug nach dem Verlust des Partners die größte Katastrophe ist, die man erleben kann."

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