OECD-Direktor: ″Soziale Herkunft hat zu großen Einfluss″ | Deutschland | DW | 15.09.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

OECD-Direktor: "Soziale Herkunft hat zu großen Einfluss"

Der neue OECD-Bildungsbericht stellt Deutschland ein überwiegend positives Zeugnis aus. Welche Probleme noch gelöst werden müssen, erklärt Andreas Schleicher, OECD-Direktor für Bildung, im DW-Interview.

DW: Wo liegen denn nach Ihren neuen Zahlen die Stärken des deutschen Bildungssystems und wo droht es, im OECD-Vergleich abzurutschen?

Andreas Schleicher: Die herausragende Stärke liegt im Bereich der beruflichen Bildung. Es gibt kaum ein anderes Land, in dem der Anteil der jüngeren Menschen, die weder in Ausbildung noch erwerbstätig sind, so niedrig ist wie in Deutschland. Das klappt in Deutschland außerordentlich gut. Es gibt heute auch mehr höherwertige berufliche und akademische Qualifikationen. Das war lange ein großer Schwachpunkt in Deutschland. Das ist aber weiter ausbaufähig. Denn ganz klar ist, nie zuvor haben die, die gut qualifiziert sind, bessere Chancen gehabt. Alle anderen stehen vor immer größeren Risiken. Vor allem ist die soziale Herkunft leider immer noch sehr entscheidend. Und heute wird für einen Studierenden weniger ausgegeben, als es noch im Jahr 2008 der Fall war, weil die Nachfrage schneller stieg, als das, was der Staat leisten kann.

Im Bereich der Kindertagesstätten und der Vorschule hat Deutschland viel getan. Das sieht heute sehr viel besser aus als vor zehn Jahren. Aber qualitativ ist da noch viel zu tun - bei der Bezahlung der Pädagogen und beim zeitlichen Angebot. Es fehlen noch viele Möglichkeiten, Talente früh zu finden oder auch soziale Defizite auszugleichen, um so Chancengerechtigkeit zu gewährleisten.

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher plädiert für mehr Chancengerechtigkeit

Sie fordern, noch mehr in die frühkindliche Bildung zu investieren. Überfordert das die Kinder oder haben sie später wirklich etwas davon?

Die PISA-Ergebnisse zeigen sehr klar, dass eine gute frühkindliche Ausbildung sich selbst im Alter von 15 Jahren in schulischen Leistungen widerspiegelt. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Stärkung kognitiver Leistungen, sondern auch um soziale und emotionale Qualitäten, die dort entwickelt werden. Gerade für Kinder aus benachteiligten Bildungsschichten oder jene mit Migrationshintergrund ist das von ganz entscheidender Bedeutung. Wenn wir die Grundlagen verpassen, bekommen wir sie später nur schwer auf ein gutes Niveau.

Warum gelingt es in Deutschland dann nicht, den Anteil der Bürger mit geringerwertigen Abschlüssen zu verkleinern?

Schauen Sie mal nach Österreich oder in die Schweiz. Die fangen früher an, sicherzustellen, dass der soziale Hintergrund keinen so derartig hohen Einfluss auf Bildungschancen und Bildungsleistung hat. Südkorea ist ein beeindruckendes Beispiel. In der älteren Bevölkerungsschicht haben 43 Prozent der Bürger keine Grundqualifikation. Heute sind es unter den Jüngeren nur noch zwei Prozent. Das zeigt, was man dort machen kann. Da muss Deutschland noch mehr daran arbeiten. Das ist auch eine Bewährungsprobe für das System der beruflichen Ausbildung.

Was könnte man denn dagegen tun, dass die familiäre Herkunft immer noch sehr über die späteren Bildungschancen und den Werdegang bestimmt ?

Es fängt ja schon damit an, wenn man auf die Verteilung der Bildungsinvestitionen schaut. Da gibt Deutschland viel für Schüler in der Oberstufe aus, aber in der Grundschule noch relativ wenig. Die Unterrichtszeit ist dort auch noch begrenzt. Da besteht noch viel Ausbaubedarf. Die besten Lehrer müssen für die schwierigsten Schüler und Klassen gewonnen werden. Wir müssen bei dem Einsatz der Ressourcen darauf achten, wo man am meisten bewirken kann. Dort müssen die Ressourcen hin. Da können wir sehr viel lernen von den asiatischen Staaten, aber auch von etlichen nordeuropäischen Staaten.

Deutschland gibt 4,2 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für Bildungsinvestitionen aus. Inwieweit haben denn auch die OECD-Länder, die im Schnitt mit 4,8 Prozent mehr investieren, auch die höheren Bildungserfolge?

Es gibt keinen ganz klaren Zusammenhang zwischen der Quantität der Bildungsinvestition und den Bildungsergebnissen. Aber wenn man auf die Art und Weise schaut, wie investiert wird, dann sieht man schon deutliche Faktoren. Wenn wir zum Beispiel auf leistungsfähigere Systeme schauen: Vor die Wahl gestellt zwischen kleineren Klassen und besseren Lehrern oder besseren Unterstützerstrukturen entscheiden sie sich immer für die Lehrer. In Deutschland ist das meiste zusätzliche Geld in kleinere Klassen gegangen.

Studentengruppe in einer Forschungs- Vorlesung an der RWTH. Foto: Oliver Berg dpa/lnw

Seltenheitswert an staatlichen Universitäten: Kleine Studentengruppen

In Deutschland ist die Zahl der Menschen mit Abitur und Studienabschluss gestiegen. Kann der Arbeitsmarkt diese überhaupt aufnehmen oder wimmelt es künftig von Akademikern, die Taxi fahren?

Die Zahlen der OECD sprechen da eine ganz klare Sprache. Der Anteil der gut Qualifizierten hat zwar zugenommen, aber gleichzeitig hat auch der Einkommensvorteil, mit dem der Markt die besseren Abschlüsse bewertet, zugenommen. Die Nachfrage nach Spitzenqualifikation akademischer und beruflicher Art steigt sehr viel stärker als das Angebot. Wir sind noch weit davon entfernt, dass der Markt in Deutschland da gesättigt ist.

In Deutschland erwerben immer noch mehr Männer als Frauen einen Bildungsabschluss im technischen Bereich. Was machen andere Länder, um dieses Ungleichgewicht zu lindern?

Derartige Ungleichgewichte gibt es noch in vielen Ländern. Ansätze zur Änderung gibt es nur darin, das Lernen an sich interessanter und spannender zu machen und früher damit zu beginnen, Einstellungen zu ändern. Diese Entscheidungen werden sehr früh gefällt.

Was machen denn die Länder, die die OECD zu den Top-Performern zählt - also Australien, Kanada, die Niederlande oder Belgien - in ihren Bildungssystemen besser ?

Sie investieren teilweise früher und effizienter. Das heißt, sie schauen immer auf Unterrichtsqualität und nicht so sehr auf Quantität. Sie bieten vor allem sehr offene Bildungssysteme. Das heißt, es ist immer möglich, Entscheidungen zu korrigieren und später auch immer den richtigen Zugang zu finden. Kanada und Australien sind hervorragend darin, lebensbegleitendes Lernen Realität werden zu lassen. Das heißt, es gibt dort auch immer Möglichkeiten, als Erwachsener zu entscheiden, wo lerne ich wie und wann. Das ist eine Stärke. Die Welt verändert sich und man ist nie fertig mit der Bildung.

Andreas Schleicher ist Direktor für Bildung bei der OECD. Der Bildungsforscher ist auch internationaler Koordinator für die PISA-Studien.

Das Interview führte Wolfgang Dick.

Die Redaktion empfiehlt