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Amerika

Odyssee nach Chile

Die Familie Amigo ist angekommen, endlich in Chile - nach über 20 Jahren Leben aus dem Koffer. Zu Weltenbummlern wurden sie unfreiwillig - durch die Diktatur in Chile, durch die DDR und durch den Bürgerkrieg in Mosambik.

Die Familie Amigo: Vater Ricardo, Mutter Annette und die Kinder Ricardo (jun) und Theresa (v. rechts) (Foto: dw)

Die Familie Amigo: Vater Ricardo, Mutter Annette und die Kinder Ricardo (jun) und Theresa (v. rechts)

Die gemeinsame Geschichte der Familie Amigo beginnt 1985 in der DDR, genauer gesagt in Freiberg in Sachsen. Annette unterrichtet an der Uni Sprachen, Ricardo studiert Maschinenbau. Kennen gelernt haben sie sich über einen gemeinsamen Freund aus dem Studentenwohnheim, der Annette gesagt hatte: "Komm, wir gehen jetzt mal den Amigo besuchen."

Annettes erster Eindruck von Ricardo ist allerdings alles andere als gut. Als sie an seine Wohnungstür kommt, ist ihr erster Gedanke: "Was für ein Idiot, schreibt der seinen Spitznamen an die Wohnungstür." Da hatte sie noch nicht verstanden, dass Amigo sein Nachname war.

Asyl in der DDR

Ricardo und Annette (Foto: dw)

Haben es nach über 20 Jahren nach Chile geschafft: Das Liebespaar Ricardo und Annette

Ricardo ist Chilene und zu dem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren in der DDR. Mit 16 ist er als politischer Flüchtling eingereist. Denn seine Eltern waren in Chile Anhänger von der Regierung Salvador Allende. Nach dem Militärputsch von Augusto Pinochet und der darauf folgenden Diktatur mussten sie aus dem Land fliehen. Rund 2.000 Chilenen hat die DDR nach dem Sturz von Allendes Regierung 1973 Asyl gewährt. Kontakte von DDR-Bürgern ins Ausland wurden stark kontrolliert. Auch als Ricardo und Annette ein Paar werden, hat die Regierung Angst, dass sie und ihre Familie Ricardos Verbindungen ins Ausland nutzen könnten, um auszureisen.

Hochzeit mit Schwierigkeiten

Deshalb macht die DDR dem jungen Paar das Leben schwer, als sie heiraten wollen: Annette muss in einem Brief darlegen, warum sie Ricardo heiraten will und ihre Eltern werden zu einem Gespräch mit ihren Arbeitgebern gebeten. Wirklich schlimm findet sie, dass ihr Großvater unterschreiben muss, dass er auf eine Familienzusammenführung verzichten würde. "Der war 96 und ohne seine Unterschrift hätten wir nicht heiraten können. Das fand ich eine Schweinerei."

Zwischenstation Mosambik

Annette mit ihrem Sohn Ricardo und einem mosambikanischen Jungen (Foto: dw)

Annette mit ihrem Sohn Ricardo und einem mosambikanischen Jungen

Nach der Heirat steht für Ricardo fest: Er will zurück in seine Heimat, zurück nach Chile. Doch solange Pinochet an der Macht ist, kann Ricardo nicht einreisen. Der Neustart im kapitalistischen Ausland ist dem jungen Paar auch nicht möglich. Denn in der DDR kann nur ein Gehalt in Dollar umgetauscht werden. Zu wenig für einen Neustart.

Wegen eines guten Jobangebots geht es für die Amigos nach Mosambik, inzwischen mit dem einjährigen Sohn. "Wir waren jedes Wochenende am Strand, weil die Hauptstadt Maputo am Meer liegt", erzählt Annette. Doch der Bürgerkrieg schränkt die Familie ein. Ricardo musst für seine Arbeit oft in ländliche Gegenden reisen und für jede Strecke ein Flugzeug nehmen. "Mit dem Auto zu fahren, wäre zu gefährlich gewesen", erzählt er.

Der Grund: Die Freiheitsbewegung Freelimo erkämpft die Unabhängigkeit von der portugiesischen Kolonialmacht. Doch nach der Unabhängigkeit wandelt sie sich zur allein dominierenden Kraft im Land. Eine Gegenbewegung entsteht und das das Land spaltet sich in zwei Lager.

Mauerfall verpasst

Durch die lange Kolonialherrschaft der Portugiesen und dem Bürgerkrieg ist das Land erst im Aufbau. So kommt es, dass Annette den Mauerfall verpasst: "Es gab nur drei oder viermal in der Woche Fernsehen. Und als ich erfahren habe, dass die Mauer gefallen ist, wollte ich es erst gar nicht glauben", erzählt sie. "Dass das so schnell ging, damit hätte niemand gerechnet."

Die Kinder wollen nach Deutschland: Theresa und Ricardo mit Mutter Annette am Flughafen (Foto: dw)

Die Kinder wollen nach Deutschland: Theresa und Ricardo mit Mutter Annette am Flughafen

Für Ricardo und Annette ist Mosambik nur eine Zwischenstation in Richtung Chile. Das Land wird 1989 wieder demokratisch und so kehrt die Familie zurück in Ricardos Heimat. Doch der Anfang ohne ein soziales und berufliches Netzwerk ist schwer. Annette findet sofort einen Job als Deutschlehrerin, Ricardo schreibt zunächst erfolglos über 50 Bewerbungen. Doch heute, nach über 10 Jahren hat er es geschafft: Er hat sein eigenes Ingenieurbüro.

Nach dem Leben auf drei verschiedenen Kontinenten haben die Amigos erst einmal genug vom Leben mit dem Koffer. Ricardo und Annette wollen in Chile bleiben. Doch ihre Kinder zieht es in die Ferne: Ihr Sohn, ebenfalls namens Ricardo, studiert inzwischen in Berlin - und auch Tochter Theresa will nach Deutschland.

Autorin: Naemi Goldapp

Redaktion: Oliver Pieper