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Fokus Osteuropa

Odyssee eines tschetschenischen Flüchtlings

Flucht aus Tschetschenien, ein langer Irrweg, vergebliche Hoffnung auf politisches Asyl: Stationen auf dem Weg eines tschetschenischen Flüchtlings. Eine DW-Reporterin hat ihn während seiner Abschiebung begleitet.

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Kein Asyl in Deutschland

Berlin, kurz vor sieben Uhr morgens. Der Wind treibt die ersten Herbstblätter und eine weggeworfene Zeitung durch die noch menschenleeren Straßen. Ich stehe auf dem Bahnsteig einer U-Bahnstation im Stadtteil Wedding und warte auf einen jungen Mann aus Tschetschenien. Tags zuvor ließ er mir ausrichten, dass ich dabei sein könne, wenn er aus Deutschland abgeschoben wird. Doch ob er sich wirklich den deutschen Behörden stellt, ließ Astemir offen. Er wollte sich - in seiner vielleicht letzten Nacht in Deutschland - alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Abschiebung trotz Kriegstraumas

Ich erkenne Astemir sofort, obwohl ich ihn vorher noch nie gesehen habe. Ein mittelgroßer blasser Mann kommt leicht geduckt die Treppe herunter. Sein Cousin trägt eine rote abgewetzte Reisetasche. Die beiden wirken bedrückt und müde. Man sieht ihnen an, dass sie diese Nacht kein Auge zugemacht haben. Astemirs Lippen sind trocken. Es kostet ihn Kraft, über sein Schicksal zu sprechen. Doch er tut es: "Es ist mir schwer gefallen, diese Entscheidung zu treffen. Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, ob ich kommen soll oder lieber nicht. Letzten Endes habe ich meine Entscheidung gefällt. Ich wollte die anderen Menschen, die für mich gebürgt haben, nicht betrügen. Ich habe ihnen doch mein Wort gegeben." Es ist eine große Ausnahme, dass Astemir selbst zum Abschiebetermin kommt. Normalerweise holen Polizisten illegale Flüchtlinge ab und halten sie bis zur Abschiebung in ihre Heimat oder in dem von ihnen zuerst betretenen EU-Land in Abschiebehaft fest. Eine deutsch-tschetschenische Organisation hat für Astemir gebürgt und in diesem Fall die Behörden um eine Sonderregelung gebeten. Astemir sei kriegstraumatisiert und könne eine Festnahme psychisch nicht ertragen.

Von polnischen Behörden abhängig

Astemir erzählt mir seine Geschichte, während wir in der U-Bahn zum Berliner Polizeipräsidium fahren. Seine Odyssee hat vor ungefähr einem Jahr begonnen, als er sich entschlossen hatte, Tschetschenien endgültig zu verlassen. "Ich werde politisch verfolgt. Ich war Widerstandskämpfer. In Tschetschenien habe ich sechs Monate in einem Gefängnis verbracht und wurde gefoltert. Dann haben meine Verwandten für mich 15.000 Dollar Lösegeld gesammelt und ich kam frei. Doch weder in Tschetschenien noch in Russland fühlte ich mich sicher. Ich ging fort", erzählt Astemir.

Unter Lebensgefahr schlug sich Astemir erst nach Weißrussland durch und dann nach Polen, ein Transitland für die meisten tschetschenischen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen wollen. Doch er wurde von den polnischen Grenzpolizisten erwischt. Seine Fingerabdrücke gelangten in das europäische Identifizierungssystem "Eurodac", das die Anwendung des sogenannten Dubliner Übereinkommens für die EU-Behörden erleichtert.

Für Astemir bedeutete das: keine Chance mehr auf Asyl in Deutschland. Polen ist für ihn als Flüchtling zuständig und entscheidet über seinen Asylantrag. Astemir kam in ein polnisches Flüchtlingsheim, hielt es dort aber wegen der schlechten Versorgung nicht aus und versuchte sein Glück aufs Neue. Er hatte nichts mehr zu verlieren.

Hoffnung auf neue Chance in Deutschland

"Wie ich durch die polnisch-deutsche Grenze gekommen bin?", wiederholt Astemir meine Frage. "Illegal. Du zahlst 600 Euro, versteckst dich in einem LKW-Transporter und passierst problemlos die Grenze. Niemand kontrolliert dich, niemand hält dich fest. Alles ist geregelt. Es ist ein Geschäft."

In Deutschland hat Astemir seine Verwandten aufgesucht und sich freiwillig beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gemeldet. Er hatte gehofft, dass die deutschen Behörden in seinem Fall eine Ausnahme machen und ihm eine Chance auf politisches Asyl in Deutschland gewähren. "Ich denke, ich werde noch einmal versuchen, hierher zu kommen. In Deutschland fühle ich mich in Sicherheit. Außerdem habe ich hier Verwandte. In Polen habe ich Angst, dass die Männer vom jetzigen tschetschenischen Präsidenten Kadyrow, der jetzt auf russischer Seite steht, mich finden werden. Die Grenze zu Weißrussland ist nicht dicht. Ich war im Widerstand. Früher haben sie uns nur in Russland verfolgt. Jetzt suchen sie uns überall in Europa. Ich habe vor kurzem gehört, dass sie in Polen einen von uns ermordet haben."

Irrweg geht weiter

Ortswechsel: Polizeipräsidium in Berlin-Tempelhof. Astemir zeigt einer Polizistin seinen Ausweis, den er in Deutschland erhalten hat. Seine Hände zittern. Die Gültigkeitsfrist ist vor einem Monat abgelaufen. Um acht Uhr holt ein Polizist ihn ab.

Eine kurze kräftige Umarmung von seinem Cousin Arsul. Astemir verspricht ihm, sofort Bescheid zu geben, in welchem Flüchtlinslagerer in Polen er unterkommen wird. Darüber werden polnische Behörden entscheiden, nachdem sie ihn verhört und identifiziert haben. Astemir nimmt seine halbleere Reisetasche und verschwindet in Begleitung eines Polizisten hinter einer dunklen Glastür. Eine neue Etappe seiner Odyssee beginnt.

Oxana Evdokimova
DW-RADIO, 4.10.2007, Fokus Ost-Südost