Oder doch lieber kein Osterei? | Wissen & Umwelt | DW | 14.04.2017
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Tierhaltung

Oder doch lieber kein Osterei?

Zum Bemalen, zum Verstecken oder zum Frühstücken: An Ostern dreht sich alles ums Ei. Eine gute Gelegenheit, um die Herkunft des beliebten Lebensmittels zu hinterfragen. Achtung: Das dürfte einigen den Appetit verderben!

Ja klar, in der EU gibt es schon seit Jahren die Unterscheidung zwischen Eiern aus Bio-, Freiland-, Boden- und Kleingruppenhaltung. Die jeweilige Haltungsart wird sowohl auf der Verpackung als auch auf dem Ei selbst mit den Ziffern 0, 1, 2 und 3 kenntlich gemacht.

Dass die Eier gekennzeichnet sind, ist an sich eine gute Sache. Und dass Käfighaltung seit 2012 in allen EU-Mitgliedsstaaten verboten ist, ebenfalls. Allerdings ist Kleingruppenhaltung, eine Art "Käfighaltung light", nach wie vor erlaubt. Der Unterschied zur ursprünglichen Version ist lediglich die Größe des Käfigs sowie die Vorschrift, dass es Nester und Sitzstangen geben muss.

EU-Eier müssen Erzeugerstempel tragen (dpa)

Eier kriegen EU-weit einen Stempel, der Haltung und Herkunft verrät

Seitdem die Kennzeichnungspflicht eingeführt wurde, wollen viele Menschen die Eier aus Kleingruppenhaltung nicht mehr kaufen. Deshalb haben in Deutschland die meisten Supermärkte nach und nach die Eier der Gruppe 3 aus dem Sortiment genommen. In vielen anderen EU-Ländern dagegen stehen sie immer noch in den Regalen, in einigen machen sie den größten Anteil aus.

 

Wir essen ständig Eier aus Käfighaltung  ohne es zu wissen

Aber auch in Deutschland gilt: Dass die meisten Menschen keine rohen Eier aus Kleingruppenhaltung mehr kaufen, heißt nicht, dass sie tatsächlich keine konsumieren. Frank Waskow von der Verbraucherzentrale NRW erklärt: "Für weiterverarbeitete Eier etwa in Kuchen oder Nudeln besteht im Gegensatz zum Rohei keine Kennzeichnungspflicht. Für diese Produkte werden immer noch Eier der Gruppe 3 eingesetzt, wahrscheinlich sogar zum Großteil. Sofern nicht anders auf der Verpackung angegeben, kann man eigentlich davon ausgehen, dass solche Eier verarbeitet wurden."

Als verarbeitete Eiprodukte gelten übrigens auch die essfertigen, bunten Eier, die es rund um Ostern überall in Supermärkten und Bäckereien zu kaufen gibt. Dementsprechend muss auch bei ihnen die Haltungsform nicht kenntlich gemacht werden; so ist auch hier anzunehmen, dass es sich um Eier aus Kleingruppenhaltung handelt.

Dafür spricht Waskow zufolge allein schon der Preis: "Sie sind, obwohl schon gekocht und gefärbt, oft um einiges billiger als normale Eier. Das ist ein eindeutiger Hinweis, dass es keine Eier aus Boden-, Freiland- oder Biohaltung sein können." Der Lebensmittelexperte rät deshalb, an Ostern die Eier lieber selbst zu kochen und zu färben. So weiß man wenigstens, was man hat. Oder?

Lisa Wittmann von PETA Deutschlande.V. (Marcel Schlegelmilch)

Lisa Wittmann ist Fachreferentin für Tiere in der Ernährungsindustrie

Lisa Wittmann von der Tierrechtsorganisation PETA ist da anderer Meinung: "Man braucht sich als Konsument nichts vormachen. Alle Haltungsformen sind so, wie sie praktiziert werden, Tierquälerei. Auch Bio."

Zwar haben Legehennen auf Biohöfen mehr Platz und mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, sie erhalten anderes Futter. Doch wie überall in der Hühnerhaltung werden diese Standards nicht immer eingehalten. Vor allem auch, weil die Höfe nicht ausreichend kontrolliert würden, so Wittmann. PETA  und andere Organisationen haben in den letzten Jahren immer wieder heimlich in Hühnerställen gefilmt. Viele Aufnahmen zeigen apathische Tiere ohne Gefieder, tote und sterbende Hühner, verkotete Ställe – auch auf Biohöfen.

Legehennen Küken Ei Brüterei Wiesenhof Hennenberg (PETA Deutschland e.V. )

Diese Foto von PETA zeigt Legehennen aus ökologischer Haltung

Waskow räumt ein: "Es gibt immer wieder Hinweise, dass die Anforderungen nicht optimal erfüllt werden." Aber während er überzeugt ist, es handele sich um Ausnahmen, glaubt Wittmann an "flächendeckende Praktiken". Einig sind sie sich, dass es ein Skandal ist, dass Höfe, bei denen Missstände nachgewiesen wurden, kaum Konsequenzen fürchten müssen - von einem Lizenzentzug ganz zu schweigen.

Bio ist übrigens nicht gleich bio: Während das EU-Bio-Siegel nur die Mindeststandards erfüllt, gelten bei Bioland, Demeter und Naturland strengere Auflagen für Ei-Erzeuger. Wer ein möglichst unbedenkliches Ei essen wolle, greife am besten zu diesen Marken, so Waskow.

Ein Ei hat zwei Opfer: Die Mutterhenne und den Bruderhahn

Dennoch gibt es einiges, was Konsumenten über Bio-Eier wissen sollten, bevor sie beherzt in ihr Eibrötchen beißen: Das Leben eines Bio-Huhns ist Wittmann zufolge nicht unbedingt länger als das von konventionell gehaltenen Tieren: Nach ein bis eineinhalb Jahren geht es zum Schlachter, weil die Hühner dann nicht mehr so viele Eier legen können und unrentabel werden. Die natürliche Lebenszeit des Bankiva-Huhns – aus dem die heutigen Turborassen gezüchtet wurden – liegt bei circa zehn Jahren.

Legehennen Küken Ei Brüterei Wiesenhof Hennenberg (PETA Deutschland e.V. )

Die Zustände auf Elterntierfarmen werden oft nicht bedacht

Ein weiterer Aspekt, der bislang in der Diskussion um artgerechte Hühnerhaltung weitgehend ausgeblendet wurde, sind die Bedingungen auf Elterntierfarmen. Das sind die Betriebe, auf denen die Eltern der Legehennen leben, um sich zu paaren und für den Nachschub von weiteren Legehennen zu sorgen. "Kauft man ein Bio-Ei, erwartet man eigentlich, dass die Haltung aller eingebundenen Tiere den Bio-Ansprüchen genügen muss. Aber die Elterntierfarmen sind davon ausgeschlossen", erklärt Wittmann, "Weil die Tierschutzrichtlinien für Legehennen hier nicht gelten, können die Tiere unter schlechteren Bedingungen gehalten werden." 

Eine Praxis, die dagegen mittlerweile bekannt ist, und die bei allen Haltungsformen stattfindet, ist das "Kükenschreddern". Weil die männlichen Tiere der Lege-Rassen für die Betriebe nur ein unbrauchbares Abfallprodukt sind, kommen sie direkt nach der Geburt in den Schredder. Was hat das noch mit Beachtung des "Wohlergehens der Tiere" und "von natürlichen Lebenszyklen" zu tun? Das sind immerhin die Kriterien, mit denen die Europäische Kommission das EU-Öko-Siegel beschreibt.

Legehennen Küken Ei Brüterei Wiesenhof Hennenberg (PETA Deutschland e.V. )

Auf dem Laufband aussortiert: Küken kurz nach der Geburt

Zwar wolle die Biobranche langfristig vom Kükenschreddern wegkommen, so Lebensmittelexperte Waskow, und es gebe auch schon einige Initiativen, bei denen darauf verzichtet werde. "Aber damit flächendeckend von der Praxis abgesehen werden kann, müssen andere Lösungen gefunden werden."

Zum Beispiel ein Verfahren, mit dessen Hilfe schon vor dem Schlüpfen das Geschlecht feststellt werden kann, so dass man überhaupt nur die weiblichen Tiere auf die Welt kommen lässt. Oder ein verstärkter Einsatz von Zweinutzungshühnern, also Rassen, die sich sowohl zum Eierlegen als auch zum Schlachten eignen. Doch bis diese Lösungsansätze umgesetzt werden können, wird noch Zeit vergehen. Bis dahin werden wohl weiterhin jährlich circa 330 Millionen Küken in Europa geschreddert.

Einhalten an Ostern

Die Wahrheit über Hühnerhaltung ist, dass nur ein Bruchteil so gehalten wird, wie man es sich ideal vorstellen würde – von Bergbauernhof- und Wiesenromantik ganz zu schweigen. Abgesehen von der Unterteilung in verschiedene Haltungsformen wissen die meisten Konsumenten nicht, wie der Weg ihres Eis auf den Frühstückstisch aussieht. Außer sie kaufen es direkt vom regionalen Hof ihres Vertrauens, bei dem sie tatsächlich Einblick haben.

Deutschland Osterbrunch (picture-alliance/Springerpics/A. Deimling)

2016 aß jeder Deutsche durchschnittlich 235 Eier

Man möchte ja niemandem die Vorfreude auf die Feiertage verderben. Aber gerade wegen seines ganzen Eier-Wahnsinns ist Ostern eine gute Gelegenheit, sich besser über die Produktionsbedingungen von dem beliebten Lebensmittel zu informieren. Wittmann findet: "Natürlich ist der Gesetzgeber gefragt, das Tierleid zu minimieren und insbesondere die Zustände auf Elterntierfarmen und Brütereien nicht länger hinzunehmen. Aber auch jeder Einzelne kann durch seinen Einkaufszettel entscheiden, ob er das unterstützen möchte oder nicht." 

 

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