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Politik & Gesellschaft

Occupy Germany: Proteste auf den Straßen

"Brecht die Macht der Banken und Konzerne" - das forderten hunderttausende Demonstranten weltweit: In Deutschland gingen allein rund 40.000 Menschen auf die Straße. Und der Unmut wächst.

Aktivisten posieren vor der Deutschen Bank (Foto: Insa Moog)

Aktivisten posieren vor der Deutschen Bank

Die Demokratie schwankt vor dem wolkenlosen Herbsthimmel. Den roten Mund weit geöffnet, fuchtelt die mehr als drei Meter große Puppe mit ihren hellroten Schaumstoffhänden in der Luft. Aus einem Auge fließt Blut.

Die Globalisierungskritiker von Attac haben sie am Samstag (15.10.2011) auf den Kölner Chlodwigplatz mitgebracht - ihre krankende, schwankende "Demokratiepuppe". Neben ihr auf dem Boden steht ein kleiner Verstärker bereit, ein Mikrofon ist schon angeschlossen. Immer mehr Menschen strömen an diesem Vormittag auf den Platz in der Südstadt von Köln. Sie tragen Transparente mit Aufschriften wie "Empört euch!" und "Echte Demokratie jetzt!". Die "Occupy-Bewegung" ist auch in Deutschland angekommen.

Aktionen koordiniert im Internet

Die Demokratie als Puppe (Foto: Insa Moog)

Ist die Demokratie in Gefahr?

Aktivisten weltweit hatten diesen 15. Oktober mit Spannung erwartet. Die spanische Bewegung "Echte Demokratie jetzt!" hatte im September für dieses Datum einen weltweiten Protesttag ausgerufen. Schnell reagierten darauf die Aktivisten der US-amerikanischen Bewegung "Occupy Wall Street". In Solidarität mit den Spaniern forderten sie in Videoclips auf Youtube dazu auf, internationale "Occupy"-Ableger zu gründen.

Die Organisation des Protesttags entwickelte sich - nach dem Vorbild des Arabischen Frühlings - über das Internet: Es wurden weltweit zahlreiche neue Facebook-Fanseiten gegründet, Twitterkanäle, Livestream-Blogs und Wikis erstellt, über die sich Interessenten und Sympathisanten schnell rege austauschten und besprachen. Die Facebook-Seite "Occupy Cologne/Köln" hat am Tag des Protests 1.800 Fans - weit weniger als "Occupy Frankfurt" mit mehr als 6.300 Fans oder "Occupy the London Stock Exchange" mit 16.331 Fans.

Solidarität mit Krisenländern

Am Kölner Chlodwigplatz sind so um elf Uhr auch erst einige hundert Menschen, als der erste Teilnehmer zum Mikrofon greift. "Es wird ja viel über die Bankenkrise geredet und über die Diktatur der Finanzmärkte", sagt ein grauhaariger Mann mit Bart, der mehrere Blätter Papier in der Hand hält. "Lauter!", rufen die Zuhörer. Er holt Luft: "Aber in Griechenland sind auch deutsche Unternehmen an der Privatisierung griechischer Unternehmen beteiligt. Konzerne, die selbst Banken haben." Deshalb müsse man gegen eine Diktatur der Märkte im allgemeinen sein, sagt der Mann weiter.

Eine Frau bastelt sich einen Rettungsschirm (Foto: Insa Moog)

Manche Demonstranten haben eigene "Rettungsschirme"

Er wird nicht der letzte sein, der an diesem Tag über Griechenland spricht. Der 60-jährige Rainer trägt eine kleine Papptafel mit einer Griechenland-Flagge vor sich her. Die Flagge sieht absichtlich ein bisschen wie eine Euro-Note aus: "Weil Griechenland nur noch als Geldproblem wahrgenommen wird und die Bevölkerung, die Gesellschaft dahinter verschwindet." Es klingt ein bisschen so, als wären einige Demonstranten eher aus Solidarität zu anderen Ländern hier als aus eigener Sorge. Geht es den Deutschen einfach noch zu gut?

Protest aus Zukunftsangst

"Im Grunde genommen gibt es ein paar Indikatoren dafür, dass es den Menschen in den USA und in Südeuropa schlechter geht: Was Jugendarbeitslosigkeit angeht und die Eingangsgehälter ist die Lage in Spanien und Griechenland zum Beispiel extrem schlecht", sagt der Soziologe Simon Teune. Er forscht am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) zu sozialen Bewegungen und Protestkultur.

"In Deutschland wird es von vielen noch nicht so wahrgenommen, dass die Krise ein Problem ist, weil die Wirtschaftsdaten nicht so schlecht sind." Aber die Situation der Menschen sei eigentlich gar nicht so viel besser und viele seien von Armut bedroht.

Angst vor dem Abstieg

Bei der Demonstration in Köln gibt es zumindest das Bewusstsein, dass die Krise auch in Deutschland stärker zu spüren sein könnte. "Ich bin selbst nicht betroffen", sagt Stefanie, 46 Jahre alt, Lehrerin aus Köln. "Aber meine Tochter ist 14 und wer weiß, was passiert, wenn sie in der Ausbildung ist." Deshalb hat sich Stefanie unter die Demonstranten gemischt, obwohl sie eigentlich nur einkaufen war. "Weil man auch mal etwas tun muss."

Ältere Demonstranten (Foto: Insa Moog)

Unter den Demonstranten sind nur wenige Junge

Die Gruppe der Aktivisten und Neugierigen um sie herum ist sehr gemischt: Es sind viele Menschen mit grauen Haaren da - dem Anschein nach alte 1968er, außerdem Mitglieder linker Gruppierungen, die Transparente und Fahnen tragen. "Es sind Leute, die im Prinzip zur Mittelschicht gehören, aber Angst vor dem sozialen Abstieg haben", sagt der Soziologe Simon Teune. Eigentlich sei es aber ein Protest der Jungen.

Bankbesetzung in klein

Tatsächlich sind die Jungen - die "typischen" Internetnutzer - keine auffällig große Gruppe auf dem Chlodwigplatz. "Es können sich auch mal Junge ans Mikrofon trauen", ruft dann auch einer der Organisatoren ins Mikrofon. Und prompt tritt eine Junge vor: "Ich heiße Ellen und ich bin 21", sagt sie. "Ich will vor allem den jungen Leuten sagen, dass ihr keine Angst haben müsst, Standpunkte zu entwickeln. Auch wenn ihr denkt, dass ihr vielleicht zu wenig Wissen habt. Denn ihr habt eine Stimme und seid laut." Tosender Applaus. Ellen ruft noch "Freiheit statt Angst!" ins Mikrofon und verlässt die Bühne.

Inzwischen sind rund 1.500 Menschen auf den Platz gekommen. Langsam setzt sich der Protestmarsch in Bewegung. Nach zweihundert Metern wird an einer kleinen Bankfiliale eine Besetzung geprobt: Einige Aktivisten setzen sich vor der Tür auf den Boden. "Wir versuchen jetzt alle, da rein zu kommen", ruft ein Mann ins Mikrofon. Es gibt ein kurzes Gerangel mit den fünf Polizisten, die die Filiale bewachen - am Ende bleibt aber alles ruhig.

Dauerhafte Strukturen sind nötig

Protestzug durch die Kölner Südstadt (Foto: Insa Moog)

Hunderte Demonstranten marschieren durch Köln

"Ich bin sehr zufrieden", sagt Mitorganisator Peter Weissenfeld kurz vor der Abschlusskundgebung. "Es ist eine breite und bunte Bewegung hier: Sehr viele Grüppchen haben sich selbst organisiert - hoffentlich schließen sich die Leute längerfristig zusammen." Für den Soziologen Simon Teune wäre das auch der Schlüssel zum Erfolg: "Die Empörten in Südeuropa haben gerade dadurch ihre Faszination erhalten, dass so viele Leute dauerhaft auf den Straßen und Plätzen waren und diese besetzt gehalten haben." Dauerhafte Strukturen müssten sich nun entwickeln, damit die Proteste langfristig wirksam wären.

Ein Start ist gemacht: Rund 40.000 Menschen waren an diesem Tag allein in 50 deutschen Städten auf der Straße - für eine Welt mit mehr Demokratie und gegen die Krisen des kapitalistischen Systems und seine Verursacher: Banken und große Konzerne.

Autorin: Insa Moog
Redaktion: Monika Griebeler

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