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Politik & Gesellschaft

"Occupy Frankfurt" trotzt der Kälte

Für das Wochenende hat die "Occupy-Bewegung" erneut Proteste angekündigt. Einige campen sogar dauerhaft im Bankenviertel von Frankfurt am Main. Doch es wird langsam kalt, und ein konkretes Programm gibt es nicht.

Aktivisten von Occupy Frankfurt wärmen sich die Hände an einer Feuertonne (Foto: dpa)

Um kurz nach neun Uhr morgens liegt noch der Tau auf dem Rasen. Die meisten der rund 70 bunten Zelte im Park mitten im Frankfurter Bankenviertel sind verschlossen. Deren Bewohner schlafen offenbar noch. Doch vor dem großen weißen Küchenzelt warten schon die ersten Frühaufsteher auf Kaffee. Hinter zwei aneinandergestellten Campingtischen steht Luc, Student aus Kanada, eine große Thermoskanne in der Hand. "Ich bin gerade als Backpacker in Europa unterwegs. Am Samstag vor zwei Wochen war ich in Bern und bin nach Frankfurt getrampt." Seither steht Luc von morgens bis abends in der Küche und versorgt seine rund 100 Mitstreiter mit Kaffee und Essen. "Es ist so: Wenn genug Zutaten da sind, gibt es was zu essen. Brot und Aufschnitt gibt es den ganzen Tag, und was Warmes gibt es, wann immer wir es fertig haben."

Ein Mann, der die Protestbewegung unterstützt übergibt der Campküche Äpfel (Foto: DW)

Unterstützung für die Demonstranten: Immer wieder spenden Passanten Lebensmittel

Das Küchenzelt steht direkt neben dem riesigen blauen Euro-Symbol vor der Europäischen Zentralbank. Es ist umstellt mit handgemalten Transparenten. "Revolution jetzt", steht in roten Buchstaben auf einem gewellten Pappschild, an dem der Regen der vergangen Tage nicht spurlos vorüber gegangen ist. Ein Mann mittleren Alters reicht Luc vier Tüten Äpfel über die Theke, nickt dem jungen Aktivisten freundlich zu: "Die habe ich gekauft, weil ich mich mit denen, die hier seit Tagen demonstrieren, solidarisieren möchte." Luc strahlt, trägt die Äpfel in die Vorratsecke zu Mehl, Grillwürstchen und Marmelade - ebenfalls Spenden von mitfühlenden Frankfurtern.

Verständnis von den Bankern

Gegen Mittag sind alle aufgestanden, die Schlange am Essenszelt wird länger. Die Schülerin Anna, dicker Strickpulli, Schal und Stulpen über den Stiefeln, betreut den Info-Pavillon nebenan. Sie beugt sich über die Liste mit den Terminen für die "Assembleas" - die Vollversammlungen. Allein für heute stehen vier davon auf der Tagesordnung, außerdem tagt die Arbeitsgruppe "Flyer und Transparente". Einen festen Sprecher hat und will die Gruppe nicht. Mit ihren Mitstreitern in New York, Madrid und London stimmen sie sich über Facebook ab. Man einigt sich auf Termine für die nächsten Demonstrationen in aller Welt, der Rest wird vor Ort organisiert. "Das ist eben genau das, was uns ausmacht", sagt Anna. Schon seit zehn Minuten diskutiert sie nebenbei mit einem Herrn in einem maßgeschneiderten schwarzen Anzug, der neugierig die Plakate mustert. "Werden die Entscheidungen der EZB kritisiert?" Anna muss lachen und sagt energisch: "Ja, es wird grundsätzlich alles in Frage gestellt."

Eine Versammlung der Occupy-Bewegung auf der Wiese vor der EZB (Foto: DW)

Basisdemokratie: Jeden Tag finden Vollversammlungen der Camp-Bewohner statt

Eine konkrete Lösung für die Finanzkrise hat Anna nicht - aber das ist auch nicht der Anspruch. "Wir wollen erstmal zeigen, dass es so nicht weitergehen kann, nicht mehr und nicht weniger." Der Herr im schwarzen Anzug nimmt einen Flyer, schlendert langsam in Richtung des grauen Büroturms im Hintergrund - seinem Arbeitsplatz, der EZB. Dass die seit fast zwei Wochen belagert wird, stört ihn nicht. „Ich versteh die Leute. Man sieht eben auch, dass sehr schwierige Einschnitte zum Beispiel jetzt in Griechenland getätigt werden müssen. Möglicherweise wird das auch hier notwendig sein. Und deswegen ist das absolut verständlich, dass die Leute protestieren."

Brüder im Geiste

Im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbunds Frankfurt hat die Protest-Gruppe zur Pressekonferenz geladen - zusammen mit Attac, den bereits seit mehreren Jahren etablierten Globalisierungskritikern. Ebenfalls mit dabei: Ein Vertreter der spanischen Bewegung "Indignados", die in Madrid die Proteste organisieren. Der junge Mann mit der randlosen Brille trägt einen perfekt sitzenden grauen Anzug und Krawatte - im bürgerlichen Leben arbeite er als Consultant, sagt er und schmunzelt. Für die "Occupy-Bewegung" sind Claudia und Erik gekommen, um den Journalisten zu erklären, wer da vor der EZB zeltet und warum. Die neue Bewegung sei anders, lege Wert darauf, dass sich jeder einbringe und man als Gemeinschaft handle, macht Claudia den verwunderten Medienvertretern deutlich. "Entscheidungen werden ausdiskutiert in der Vollversammlung. Dort werden basisdemokratische Beschlüsse gefasst, die dann für alle verbindlich sind."

Ein deutscher Vertreter der indignados aus Spanien bei einer Pressekonferenz (Foto: DW)

Von Beruf Consultant: Der Vertreter der "Indignados" aus Spanien

Dass der DGB und Attac, beides Organisationen mit klaren Strukturen und Programmen, mit am Tisch sitzen, stört die Aktivisten nicht. Die kritische Nachfrage, ob man sich die neue Bewegung zu nutze mache, weist Harald Fiedler vom DGB dann auch energisch von sich. "Es wäre natürlich fatal, wenn sich der DGB und die Gewerkschaften in so einer Situation nicht äußern und einbringen würden, nicht protestieren würden." Auch die Vertreter der "Indignados" wiegeln ab - man habe sich selbstverständlich nicht mit dem DGB und auch nicht mit Attac zusammengeschlossen. "Wir sehen uns in einer pluralistischen Bewegung. In der Bewegung liegt die Kraft, wir sehen uns als Brüder im Geiste." Dann verweisen sie noch auf die nächsten geplanten Demonstrationen. Anschließend machen sie sich auf den Weg zurück ins Camp - die nächste "Assemblea" wartet schon.

Im Windschatten des kleinen Hügels vor der Bank hocken rund 30 Camp-Mitglieder auf Holzpaletten. Auf der Tagesordnung: Die letzten Vorbereitungen der nächsten Demo, die Frage, ob man sich vielleicht doch ein Programm geben soll und wer am nächsten Tag Ansprechpartner der Medien sein möchte. Langsam setzt Nieselregen ein, ein kalter Wind weht über den Platz im Frankfurter Bankenviertel, doch das stört auf der Wiese vor der EZB niemanden.

Autorin: Friederike Schulz

Redaktion: Arnd Riekmann

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