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Reise

Oberwiesenthal will mehr sein als das St. Moritz des Ostens

Die höchstgelegene Stadt Deutschlands war zu DDR-Zeiten Kaderschmiede für Wintersportler und begehrtes Reiseziel. Doch der Ruf Oberwiesenthals als Winteridylle ist verblasst, berichtet DW-Reporterin Elisabeth Jahn.

Oberwiesenthal

Im Winter gut besucht - Abfahrtspiste am Fichtelberg

Keuchend und mit einem sanften Ruckeln arbeitet sich die Dampflok der Fichtelbergbahn Meter für Meter hinauf nach Oberwiesenthal, schon seit 1897. Vor meinem Fenster ziehen schneebedeckte Hügel, kleine Ortschaften und dichte Wälder vorbei. Die Waggons sind wegen der Schulferien in Sachsen gut gefüllt. Vor allem Familien wollen an diesem klaren, kalten Februartag den Winter noch einmal von seiner schönsten Seite erleben. Denn unten, im Flachland, ist der Schnee längst verschwunden.

Mit der ältesten Schwebebahn Deutschlands auf den Gipfel

Oberwiesenthal

Schwebebahn zum Gipfel: In knapp vier Minuten überwindet sie gut 300 Höhenmeter

Auf 914 Metern über dem Meeresspiegel begrüßt die Lok mit einem fröhlichen Tuten die Skifahrer und Snowboarder an den sonnigen Hängen von Oberwiesenthal. Sie sind vom Bahnhof aus gut zu sehen.

Mit der ältesten Schwebebahn Deutschlands fahre ich auf den 1214 Meter hohen Fichtelberg, vorbei an den riesigen Schanzen, auf denen die Skisprung-Legende Jens Weißflog schon als Jugendlicher trainierte und die heute noch als Olympiastützpunkt genutzt werden. Der Bau der Seilbahn 1924 mit den weithin sichtbaren roten Gondeln war es übrigens, der Oberwiesenthal den Durchbruch als Skiregion brachte.

Gemeinsam mit dem tschechischen Nachbarn

Oberwiesenthal

Oberwiesenthal mit Fichtelberg

Oben auf dem Fichtelberg genieße ich die Aussicht. Bis zur tschechischen Grenze sind es nur wenige Kilometer. Der nahe gelegene Keilberg, ebenfalls ein Skigebiet, liegt bereits auf der tschechischen Seite. In einem Telefongespräch vorab hat mir Oberwiesenthals Bürgermeister Mirko Ernst erklärt, man versuche die Region grenzüberschreitend zu begreifen und arbeite verstärkt mit dem Nachbar zusammen. "Bei Wellness und Gesundheit etwa ergänzen sich unsere Angebote", so Ernst.

Seit 2012 ist Oberwiesenthal offiziell Luftkurort und wirbt mit seinem allergenarmen Klima. Gesundheitstouristen - so die Hoffnung - könnten auch im Sommer kommen, wenn die Übernachtungszahlen immer noch stark einbrechen. Die Stadt mit ihren 2100 Einwohnern braucht den Tourismus, das ganze Jahr. Er ist der Hauptarbeitergeber der Region. Vor allem die Hotels sichern Arbeitsplätze.

Im ehemaligen Gästehaus der Staatssicherheit

Ich bin im Hotel Birkenhof untergebracht, einem sechsstöckigen Blockbau von 1969. Zu DDR-Zeiten nutzte es das Ministerium für Staatssicherheit als Gästehaus. Nach Oberhof in Thüringen galt Oberwiesenthal als zweitwichtigster Wintersportort, und Übernachtungsplätze zur Hochsaison waren entsprechend begehrt.

Das änderte sich schlagartig mit der Wende. Auch im Hotel Birkenhof, dessen Interieur 1991 komplett erneuert wurde, seien die Gäste in der ersten Jahren weggeblieben, erzählt mir die freundliche Dame an der Rezeption. Sie fuhren lieber erstmal in die Alpen, möglichst nah ans echte Sankt Moritz, das sie Jahrzehnte lang nur aus Büchern kannten.

Oberwiesenthal setzt auf ein breiteres Aktivangebot

Deutschland Oberwiesenthal

Idyllisch: Mit den Schneeschuhen kommt man dahin, wo sonst nur Tiere Spuren im Schnee hinterlassen

Die Stadt hat längst begriffen, dass der Ruf als Wintersportort und gute Pisten allein nicht ausreichen, um Besucher anzulocken. Deshalb setzen einzelne Veranstalter wie das Starthaus am Marktplatz neben dem klassischen Skiverleih seit einiger Zeit auf ein breites Aktivangebot.

Dort bin ich am nächsten Morgen zu einer mehrstündigen Schneeschuhwanderung angemeldet. Die Technik soll sehr einfach sein und der Gedanke, mich einen Vormittag lang durch die Landschaft zu bewegen, gefällt mir. Heike Lautner leitet die Tour. Wenn die Oberwiesenthalerin nicht gerade in ihrer Klöppelschule Kindern die aufwendige Handarbeitstechnik lehrt, bietet sie ganzjährig Wanderungen durch die Umgebung an: "Diese Schneeschuhe sind im Winter sehr praktisch, denn man kommt mit ihnen quasi durch jedes Gelände."

Mit den Schneeschuhen querfeldein

Oberwiesenthal

Heike Lautner und die Kursteilnehmer schauen hinüber nach Oberwiesenthal

Und tatsächlich, als wir uns im tschechischen Loučná die Schneeschuhe unterschnallen, fühle ich mich ein bisschen wie eine Superheldin. Problemlos komme ich selbst steile und vereiste Hänge hinauf. Auch auf den Feldern im Tiefschnee sinke ich kaum ein, dank der breite Auflagefläche. Zwar wünsche ich mir bei Hinuntergehen von so manchem Hang, ich könnte einfach hinab gleiten, aber es macht trotzdem riesig Spaß. Die Gruppe, die noch aus zwei befreundeten Pärchen aus Chemnitz besteht, ist sehr entspannt. Wir lachen viel und ich merke kaum, wie sehr ich mich körperlich verausgabe.

Während der Tour erzählt Heike Lautner von der wechselvollen Geschichte dieses Landstrichs. Wegen der wertvollen Bodenschätze gehörte er mal zum deutschen Sachsen und dann wieder zum tschechischen Böhmen. 1938 dann wurde der vorwiegend deutschsprachige Teil Böhmens gegen den Willen der damaligen Tschechoslowakei dem Deutschen Reich zugeschlagen. Nach dem Krieg wurde die deutschsprachige Bevölkerung vertrieben. Umso beachtlicher finde ich, dass die Menschen heute auf beiden Seiten für den Tourismus zusammenarbeiten.

Treffen mit einem Überflieger

Auch Jens Weißflog, der seit 1996 ein Hotel in Oberwiesenthal betreibt, bietet seinen Gästen Wanderungen ins grenzübergreifende Gelände. Sehr zurückgenommen, fast schon schüchtern begrüßt er mich am Nachmittag im Wintergarten seines Restaurants.

Oberwiesenthal

Jens Weißflog vor den Erinnerungsfotos seiner Skispringerkarriere

Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Gesamtweltcup und Vierschanzentournee - alles hat er gewonnen, doch Allüren findet man bei Jens Weißflog keine. Auch als ein älterer Herr uns unterbricht, um ein Foto zu machen, reagiert Weißflog geduldig. Das gehöre zu seinem Job. Dass er damals nach dem Ende seiner Sportlerkarriere ehemalige Stasi-Ferienhäuser zum "Appartmenthotel Jens Weißflog" umbauen ließ, habe sich eher zufällig ergeben. Der Name verbinde sich eben mit dem Ort und lasse sich gut vermarkten.

Wenn Weißflog über das Tourismusmarketing der Stadt spricht, dann allerdings wird sein Tonfall deutlich energischer: "Oberwiesenthal hat ein Wahnsinnspotenzial, das derzeit gar nicht ausgeschöpft wird." Dem einstigen Profisportler fehlt eine gezielte Werbestrategie nach außen. "Natürlich kostet das Geld. Aber wenn die Menschen aus dem Umland gar nicht wissen, was wir hier für tolle Bedingungen haben, dann werden sie auch nicht kommen."

Der Mythos vom Sankt Moritz des Ostens allein reicht also schon lange nicht mehr aus, um den Tourismus am Leben zu erhalten. Und sollten die Winter in den Mittelgebirgen in den kommenden Jahrzehnten tatsächlich milder ausfallen, wie es einige Klimaforscher prophezeien, spätestens dann wird sich Oberwiesenthal etwas anderes einfallen lassen müssen, als sich auf den Ruf vergangener Tage zu verlassen.

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