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Gedenken an Helmut Kohl

Oberreuter: "Kohl wurde der Öffentlichkeit entrissen"

Der europäische Staatsakt für Helmut Kohl sei beispielhaft für die Zukunft, sagt der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter. Für problematisch hält er hingegen die privaten Besitzansprüche am Andenken an den Kanzler.

DW: Herr Oberreuter, der Trauerakt für Helmut Kohl in Straßburg war ein europäischer, kein deutscher. Wie bewerten sie das?

Helmut Kohl ist einer von drei Ehrenbürgern Europas. Er hat riesige Verdienste um die europäische Integration erbracht. Insofern ist dieses Ereignis beispielgebend für die Zukunft, ebenso auch für die Anerkennung Kohls als Europäer. Zudem ist es eine Verneigung vor seiner Lebensleistung.

Zum Anderen vermissen viele Beobachter einen deutschen Staatsakt.

Ja. Der Umstand, dass man sich auf diesen europäischen Akt konzentriert hat, ist etwas ganz Neues. Dies umso mehr, als man hierzulande, abgesehen vom Requiem in Speyer, dem herausragenden Ereignis auf deutschem Boden, einige parlamentarische und kirchliche Verlegenheitslösungen hat finden müssen, um ihn auch in seinen heimischen Bezügen gebührend zu würdigen. Die Nation, für die er stand und die er natürlich auch in Europa gut eingebracht und integriert hat, diese Nation ist durch das Umfeld und die neuen Strukturen etwas in den Hintergrund gerückt worden.

Könnte der Staatsakt in Straßburg gesamteuropäische Impulse auslösen?

CSU - Heinrich Oberreuter (picture-alliance/nph)

Der Politologe Heinrich Oberreuter

Mir scheint, dieser Akt beschränkt sich vor allem auf das Symbolische. Auf die aktuelle Befindlichkeit der EU dürfte er hingegen keine nachhaltige Wirkung haben. Es ist eine Erinnerung an den Zusammenhalt und an den Kreationsprozess der EU. In gewisser Weise stellt Helmut Kohl die Brücke zwischen Alcide de Gasperi, Robert Schuman sowie Konrad Adenauer und der Gegenwart dar. Kohl war ja in seiner Jugendzeit an die deutsch-französische Grenze gegangen und hatte Schlagbäume aus der Verankerung gerissen. Diese Haltung hat er nie aufgegeben. Und dafür steht er dann auch in der allgemeinen Erinnerung. Mittlerweile ist die europäische Integration sehr viel konkreter geworden, neben das Symbolische sind sehr handfeste Ergebnisse und Herausforderungen getreten. Die Auseinandersetzung mit dieser Realität wird das Symbolische immer überlagern.

Im Vorfeld des Trauerakts kam es zu einigen Dissonanzen, ausgelöst nicht zuletzt durch den engsten Familienkreis Helmut Kohls. Das hatte einige Auswirkungen auf den Modus der Feierlichkeiten. Das wirft die Frage auf: Wem gehört Helmut Kohl?

Ich halte das für ein riesengroßes Problem. Man hat Helmut Kohl durch diese Art des Gedenkens der Öffentlichkeit in Deutschland entrissen. Es hätte ja nichts dagegen gesprochen, zwei Trauerakte zu veranstalten, einen auf nationaler, den anderen auf europäischer Ebene. Hier haben sehr viele private Motive dazu beigetragen, den Kanzler der Einheit - tatsächlich war Helmut Kohl ja noch sehr viel mehr - auf Distanz zur Erinnerung der deutschen Öffentlichkeit zu bringen. Dabei wäre es sehr angemessen gewesen, auch einen deutschen Staatsakt abzuhalten. Das hätte deutlich gemacht, dass Bundeskanzler Kohl nicht zuletzt den Deutschen gehört.

Wie wird sich das Andenken an Helmut Kohl entwickeln - auch angesichts des Umstandes, dass sich eine Reihe von Dokumenten in den Händen seiner Witwe befinden?

Wenn die Witwe Kohls ihre bisherige Strategie weiter fährt, eine historische Persönlichkeit zum Privatbesitz zu erklären, wird das Helmut Kohl vielleicht in ihrem Gedächtnis und ihren Emotionen verklären. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit wird allerdings das genau gegenteilige Bild eintreten. Das Bild Helmut Kohls wird durch diese Privatisierungsbestrebungen beschädigt. Man muss der Witwe vermitteln, dass amtliche und historische Dokumente kein Privatbesitz sind. Ich erwarte, dass es eines Tages zu juristischen Auseinandersetzungen darüber kommt, wem die Akten nun eigentlich gehören. Unter dieser Auseinandersetzung würde vor allem das Andenken Helmut Kohls leiden, da ungebremste, übertriebene und besitzergreifende Interpretationen das Gemeingut Helmut Kohl überstrahlen.

In verschiedenen Medien ist in den vergangenen Tagen die Befürchtung geäußert worden, der derzeitige Streit könne auch das Andenken an den Privatmenschen Helmut Kohl trüben.

Das ist meine Befürchtung. Durch diese Privatkriege und privaten Besitzansprüche könnte sich dieses Bild in der Öffentlichkeit verfestigen und die historischen Verdienste überstrahlen. Die Witwe bedenkt womöglich nicht, dass das Bild Helmut Kohls in der Geschichte negativ eingefärbt wird. Kohl hat mit der Parteispendenaffäre selbst Einiges dazu beigetragen. Aber das würde nicht soweit tragen, wenn es diese zusätzlichen Zwiespältigkeiten nicht gäbe. Insofern muss man sich fragen, ob nicht übermäßige private Zuneigung dazu beiträgt, das historische Bild zu verfärben.

 

Der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter ist Direktor des Instituts für Journalistenausbildung Passau. Zuvor lehrte er als Professor an der Universität Passau. Von 1993 bis 2011 war er Direktor der Akademie für politische Bildung in Tutzing.

Das Interview führte Kersten Knipp.

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