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Alltagsdeutsch – Podcast

Obdachlose: Ein Leben auf der Straße

Penner – Berber – Nicht-Sesshafte: So werden Menschen genannt, die keinen festen Wohnsitz haben, die ohne Obdach sind. Manche finden den Weg in ein normales Leben zurück, andere leben ein Leben lang auf der Straße.

Ein Mann schläft auf einem Rohr draußen bei frostiger Kälte

Kaum Schutz vor der Kälte ...

O-Ton:

"Ja, hier ist unser Schlafzimmer, unter der Hohenzollernbrücke im Mittelgang. Vorteil dieser Platte ist, dass hier überdacht ist, kein Regen reinkommt, kein Schnee reinkommt. Es zieht zwar ein bisschen, aber so kalt ist es nicht. Und da werden wir morgens immer von der Polizei geweckt, weil wir hier normalerweise nicht schlafen dürfen, aber wir tun's trotzdem, weil – irgendwo müssen wir ja schlafen."

Sprecherin:

Andys Schlafzimmer, das ist ein etwa zwei Meter breiter und rund 10 Meter langer Vorsprung unter der Hohenzollernbrücke. Auf dem schmutzigen Stück Beton schlafen bis zu 15 Obdachlose. Tag und Nacht tost unter ihnen der Autoverkehr in den Rheinufertunnel…. Und über ihren Köpfen rumpeln schon morgens um vier die ersten Züge in Richtung Osten. Andy und seine Kollegen gehören zu den Menschen, die in Köln Platte machen.

O-Töne:

"Wenn man Platte macht, heißt dat, Du hast keine Wohnung, bist obdachlos – OfW – ohne festen Wohnsitz, bekommst auch keinen Ausweis, sehr gefährlich, weil: dann bist Du Freiwild für alles und jeden, vor allem für die Polizei. / Platte machen heißt richtig, richtig auf der Straße leben. / Platte machen is also keine Schallplatte machen oder CD, sondern dat is einfach krass auf dem Boden schlafen, auf dem nackten Boden – dat nennt man Platte machen."

Sprecher:

Platte machen, das heißt also "draußen schlafen", krass auf dem nackten Boden übernachten. Krass ist ein Begriff aus der Jugendsprache und bedeutet so viel wie "extrem" – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Der nackte Boden – das ist die Wiese oder der Beton, auf dem sich der Obdachlose ungeschützt zur Ruhe begibt. Wer in Deutschland auf der Straße lebt, der bekommt die Abkürzung OfW – ohne festen Wohnsitz – in seinen Pass. Nach Ansicht vieler Obdachloser macht die Abkürzung sie zu Freiwild – ursprünglich eine Bezeichnung für "zum Abschuss freigegebene Wildtiere", also zum Opfer von Behördenwillkür aller Art.

Sprecherin:

In Köln schlafen sie unter Brücken, in Autowracks, Parkanlagen oder in den Steinsärgen des Römisch-Germanischen Museums auf der Domplatte. Andy gehört schon fast zum Alten Eisen. Schon seit mehr als zehn Jahren lebt er auf der Platte. Für die Gesellschaft sind Andy und seine jungen und alten Leidensgenossen Penner. Doch sie selbst nennen sich Berber.

O-Ton:

"Ein Berber ist für mich ein Mensch, der sich auf der Straße sauber hält. Der Penner lässt sich gehen, der pisst sich in die Hose und, wat weiß ich noch alles, und macht sich nicht sauber, und ein Berber, der hält sich sauber, geht schnorren oder macht Betteleien und so."

Sprecher:

Nicht verwandt mit den deutschen Berbern sind übrigens die Berber Afrikas, eine vor allem in Algerien, Tunesien und Marokko lebende Volksgruppe. Der klassische deutsche Berber ist sein ganzes Leben lang unterwegs – auf der Walz – und reist von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Ursprünglich bezeichnete diese Redensart die Wanderschaft der Handwerksburschen. Im Gegensatz zu den Handwerkern finanzieren sich viele Berber durch Betteleien. Sie schnurren, schlauchen und schnorren. Wer sich auf Kosten anderer durchschlägt, der wird Schnorrer oder Schlaucher genannt.

Sprecherin:

Auch für Andy gehört Schnorren zum Alltag. Er beginnt morgens um vier, wenn die ersten Züge über die Hohenzollernbrücke rattern. Zwei Stunden später erscheint die Polizei, kontrolliert die Personalien, verscheucht Andy und seine Kumpel. Dann beginnt der typische Tagesablauf eines Obdachlosen.

O-Ton:

"Morgens aufstehn, Aldi gehen, Flasche Sangria kaufen, erstmal meinen Flattermann wegkriegen… ja, und dann zusehen, dass ich Geld kriege. Also schnorren."

Sprecher:

Andys erster Gang führt ihn in den Supermarkt, genauer gesagt, in den Aldi, denn hier wird die Waren aus dem Karton verkauft, hier ist der Alkohol besonders günstig. Andy hat schon morgens einen Flattermann. Er kann nichts essen, seine Hände zittern, er bekommt Schweißausbrüche. Andy ist Alkoholiker. Der Flattermann – das sind die typischen Entzugserscheinungen des Alkoholsüchtigen. Ähnliche Redewendungen sind einen Affen schieben oder auf Turky sein. Beide bezeichnen allerdings vor allem die Entzugserscheinungen eines Heroin-Süchtigen.

Sprecherin:

Drei Liter Wein braucht Andy, um sich gut zu fühlen. Dazu Korn, Cognac und Bier. Der Alkohol hat Andys sozialen Abstieg begleitet. Der gelernte Bäcker kündigt seinen Arbeitsplatz, geht auf die Straße. Grund: Alkoholprobleme. Dann überfällt er mit einer Gaspistole und 3,8 Promille im Blut eine Pommesbude. Andy geht ins Gefängnis, landet dann wieder auf der Platte. Und der Alkohol ist auch auf der Straße immer mit dabei.

O-Ton:

"Man versucht eigentlich tagsüber die Probleme, die man hat auf der Straße, mit dem Alkohol zu ertränken. Aber sie sind am nächsten Tag doppelt so groß."

Sprecher:

Andy will seine Probleme ertränken. Sinnbildlich will er die Probleme so lange mit Alkohol begießen, bis sie jämmerlich ersaufen. Denn nur im Rausch kann Andy seine Sorgen vergessen. Doch schon am nächsten Tag sind die Probleme doppelt so groß.

Sprecherin:

Der Alkohol ist für die meisten Obdachlosen die Droge ihrer Wahl, oft genug Auslöser ihrer Verelendung. Doch normalerweise ist es eine Summe von Faktoren, die die Menschen auf die Straße treiben. Neben dem Alkoholismus sind es oft familiäre Probleme, der Verlust des Arbeitsplatzes und natürlich der Verlust der Wohnung. Wer auf der Straße angekommen ist, der nutzt den Alkohol zur Bewältigung des Alltags.

O-Ton:

"Ich hab nur getrunken aus Frust, aus Kummer. Wenn ich die Probleme hatte, konnte mit keinem darüber reden, hab ich angefangen zu trinken. Ich hab getrunken, um schlafen zu können draußen, weil ohne Alkohol packt man dat nit, so jesacht, damit de müde wirs, un deshalb trinken auch viele Obdachlose."

Sprecherin:

Der Alkohol war auch für Günter Freund und Feind zugleich. Denn ohne Bier und Schnaps sind die kalten Winternächte auf der Platte nur schwer zu überstehen. Seine Lebensgeschichte beginnt scheinbar harmlos.

O-Ton:

"Meine Kindheit war also nicht so rosig – mit dem Stiefvater hab ich mich nicht so gut verstanden, mit 18 bin ich von zu Hause weg, hatte damals ne schöne Wohnung, hab geheiratet, war gelernter Gärtner. Ja, lief auch alles gut bis zu meinem 23. Lebensjahr, bis ich auf einmal nen juten Freund von mir getroffen hab, den hab ich aufgenommen und wie et so wollte bin ich überraschend nach Hause gekommen, lag der mit der Frau im Bett. Wat hab ich jemacht. Ja, ich hab dat Saufen angefangen, den Typ hab ich aus dem Fenster geschmissen, ja, Wohnung alles verloren und so gings bergab mit mir. Bin in den Knast deshalb gekommen. Hab zwei Jahre dafür bekommen. Ja, hab alles verloren: Frau, Wohnung, alles."

Sprecher:

Schon Günters Jugend war nicht rosig. Er war also nicht auf Rosen gebettet. Schon im Altertum war die Rose die Blume der Freude und so dienen die Redensarten auf Rosen gehen oder auf Rosen gebettet sein zur Umschreibung eines sehr glücklichen Zustands. Dementsprechend war die nicht rosige Kindheit von Günter vor allem aus Not, Leid und Sorgen. Trotzdem lief – also klappte – bis zu seinem 23. Lebensjahr alles relativ gut. Doch dann, als er den Liebhaber seiner Frau aus dem Fenster geschmissen hatte, ging es bergab.

Sprecherin:

Das Opfer bricht sich beide Beine. Günter kommt für zwei Jahre ins Gefängnis. Im Knast kommt er überraschend gut zurecht. Hier hat er eine Arbeit, Essen, einen geregelten Tagesablauf. Doch nach der Entlassung gerät er unter die Räder, schläft auf der Domplatte, im Rheinpark, am Hauptbahnhof, trinkt immer mehr Alkohol, verliert seine Freunde. Mehrere Versuche, aus der Szene auszusteigen, scheitern.

O-Töne:

"…Hallo, wollst de nen Gulasch haben. …"

Sprecherin:

Mittagszeit beim Sozialdienst Katholischer Männer am Kölner Hauptbahnhof. Auf dem Herd köcheln Rindergulasch und frische Kartoffeln. Hier bekommen Menschen wie Andy und Günter eine warme Mahlzeit, Getränke – und wenn sie möchten – auch Beratung und Unterstützung beim Ausstieg aus der Obdachlosigkeit.

Johannes Schmitz (Sozialdienst Katholischer Männer)

"Am Anfang steht also vertrauensbildende Maßnahmen, Beziehungsaufbau, wenn man bedenkt, dass dieser Personenkreis auch draußen über lange Zeit immer wieder vertrieben wurde, viele sind suchtkrank, dann kann man sich vorstellen, dass das schon auch ein langer Weg ist, ehe man den Einzelnen dazu gebracht hat, sich wieder auf das Leben einzulassen, das wir als das normale Leben einstufen."

Sprecher:

Johannes Schmitz weiß, es ist ein langer Weg, bis ein Obdachloser sich wieder auf das normale Leben einlässt. Der Weg steht sinnbildlich für einen hohen Arbeits-, Beratungs- und Zeitaufwand. Denn das normale Leben bedeutet Verantwortung, Regeln und Pflichten, auf die sich der Obdachlose einlassen, die er also akzeptieren muss.

Sprecherin:

Wer sich als Obdachloser auf Hilfsangebote einlässt, der findet in Köln ein relativ großes Angebot. Neben den Kirchen bieten auch Privatinitiativen Unterstützung bei Behördengängen, Essmöglichkeiten, Schuldnerberatung und Hilfe beim Ausstieg aus der Obdachlosigkeit. Doch noch immer fehlt es an billigem Wohnraum. Die Wartelisten für Sozialwohnungen sind lang. Und die so genannten Notschlafstellen – Gemeinschaftsunterkünfte – sind unbeliebt. Viele Obdachlose ziehen den teilweise herunter gekommenen Notschlafstellen die Platte vor. Doch das Leben auf der Straße bleibt nicht ohne Folgen für die Gesundheit. Aus scheinbar harmlosen Blessuren oder Infekten werden bei Obdachlosen schnell ernsthafte Erkrankungen. Sönke Behnsen vom Kölner Gesundheitsamt:

Sönke Behnsen:

"Wohnungslose erkranken prinzipiell, denke ich, an den gleichen Erkrankungen wie andere Menschen auch, nur dass die Situation, in Wohnungslosigkeit zu leben, oftmals dazu führt, dass solche Erkrankungen schwerwiegender verlaufen, schlechter ausheilen und öfter chronische Verläufe zeigen. Das sind zum Beispiel Lungenerkrankungen, Infektionen der Haut, Infektionen der Atemwege, dann aber auch chirurgische Probleme, das heißt, dass Verletzungen schlechter ausheilen oder aber auch nur unzureichend versorgt werden."

Sprecher:

Den meisten Obdachlosen fehlt das Verständnis für ihre Krankheit. Die Sorge um die Gesundheit verblasst hinter dem täglichen Kampf ums Überleben auf der Straße. Dazu kommen Scham und schlechte Erfahrungen mit niedergelassenen Ärzten. Ärztliche Hilfe wird oft erst im letzten Moment in Anspruch genommen. Auch Andy hat Erfahrungen mit Viren und Bakterien.

O-Ton:

"Man hat mich mal im Krankenwagen abgeholt mit Schleppe, das ist ne Hautkrankheit, die Eiter hervorrauft, und die frisst sich in die Haut rein. Die Narben, die de hier an meinem Arm siehst, sind noch harmlos. Ich kann eine am Fuß zeigen, da war es bis ins Bein reingefressen, und das ist nicht mehr lustig. Weil, wenn ich noch ne Woche gewartet hätte, hätten sie mir das Bein abgenommen."

Sprecher:

Andy hat Glück gehabt, doch die rotbraunen Narben an Armen und Beinen werden ihn immer an die Schleppe erinnern. Die Schleppe, das ist eine unter Obdachlosen weit verbreitete Infektion. Stark ansteckend wird sie förmlich von einem Obdachlosen zum nächsten geschleppt, also übertragen.

Sprecherin:

Andy hat die Schleppe überstanden. Doch Krankheit und Tod gehören zum Leben auf der Platte wie der tägliche Alkohol oder die tägliche Drogenration. Trotzdem, wer auf die Straße geht, der will seine Probleme erstmal weit hinter sich lassen.

O-Ton:

"Von meiner Sicht her ist es einfach ne Flucht nach vorne, aus den Problemen raus, weg, Freiheit. Wenn man dann draußen ist, weiß man keinen Weg zurück. Vor allem, wenn de lange genug auf der Straße warst, ist es schwierig, in vier Wänden zu leben. Denn hast de wieder Verantwortung dafür, dass die Wohnung sauber ist, dass der Hausflur geputzt ist, und und und. Und das brauchst de draußen nicht. Is gar nicht so einfach. Der Ausstieg ist nicht so einfach."

Sprecher:

Für Andy ist der Weg aus den eigenen vier Wänden auf die Straße eine Flucht nach vorne. Wer in einer verzweifelten Situation zum Angriff übergeht, tritt die Flucht nach vorne an. Vier Wände – das ist ein Begriff aus der mittelalterlichen Rechtssprache – bedeutet, das eigene Haus oder die eigene Wohnung.

Sprecherin:

Doch inzwischen hat Andy genug von der Platte. Er hofft auf einen Platz in einer Wohngruppe des Sozialdienstes Katholischer Männer. Denn im tiefsten Innern träumen Andy und Günter – wie die meisten Obdachlosen – von einer ganz normalen bürgerlichen Existenz.

O-Töne:

"Mein größter Traum? Wieder ne Wohnung, schuldenfrei zu sein, und Arbeit! / Ein neues Zuhause und wieder ein geregeltes Leben, das ist mein Traum, mehr will ich nicht. Ganz aus dem Trott raus, damit mir dat nie wieder passiert, nie wieder.

Musik

Höhner "Alles verlore"

"… Alles verlore – kein Wonnung – kein Arbeit – kei' Jeld.

Se nenne sich Berber – verachtet vum Rest der Welt.

Dobei litt et Schicksal …."

Fragen zum Text

Der Begriff Platte machen bedeutet, dass …

1. eine Schallplatte erstellt wird.

2. Menschen auf der Straße schlafen.

3. eine Tischplatte gesäubert wird.

Jemand, der schnorrt, der …

1. schnarcht.

2. ist geizig.

3. lebt auf Kosten anderer.

Einen Flattermann haben heißt, …

1. ein Huhn oder einen Hahn zu besitzen.

2. zu zittern und zu schwitzen.

3. einen Mann zu haben, der flattert.

Arbeitsauftrag

Informieren Sie sich über die Lage von Obdachlosen in Deutschland. Erstellen Sie anschließend einen Bericht darüber.

Autor: Nils Naumann

Redaktion: Beatrice Warken

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