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Amerika

"Obamas Kriege" enthüllt Afghanistan-Streit

Mit seinem neuesten Buch sorgt der Starjournalist Bob Woodward wieder für Aufsehen. Es geht um die Kämpfe innerhalb der US-Regierung bei der Ausarbeitung der Afghanistan-Strategie vor knapp einem Jahr.

US-Soldaten in Afghanistan (Foto: AP)

Wer hat die richtige Afghanistan-Strategie?

Wenn es nach Barack Obama gegangen wäre, dann wäre die Truppenaufstockung in Afghanistan wesentlich kleiner ausgefallen. So schreibt es Bob Woodward, Reporter der "Washington Post" in seinem neuesten Buch, das seit diesem Montag (27.09.2010) in den USA zu kaufen ist. Woodwards Quellen sind interne Notizen, Geheimdokumente und Interviews mit vielen der am Prozess beteiligten Personen, darunter auch dem Präsidenten selbst. Dabei zeigt sich ein tiefer Riss zwischen Obama und seinen Beratern auf der einen und den Militärs auf der anderen Seite.

Keine Alternative

Buchcover 'Obama's Wars'

Mitte 2009 hatte Obama das Pentagon aufgefordert, ihm Alternativen für eine neue Afghanistan-Strategie vorzulegen. Sie sollte auch einen Weg aufzeigen, wie der Krieg bald beendet werden kann. Laut Woodwards Buch ließen die Top-Militärs ihm allerdings keine Alternative. Mindestens 40.000 mehr Soldaten forderte das Pentagon. Dabei scheuten die Hauptakteure auch nicht davor zurück, mit ihren Vorstellungen an die Öffentlichkeit zu gehen.

General David Petraeus, der damalige Oberbefehlshaber der gesamten Region, habe, schreibt Woodward, einen Washington Post Reporter angerufen und ihm gesagt, der Krieg könne ohne mehr Soldaten nicht gewonnen werden. Admiral Michael Mullen, der oberste Stabschef, erklärte ähnliches vor einem Senatsausschuss und der damalige Oberkommandierende der Afghanistan-Streitkräfte, General Stanley McChrystal, schloss sich dem Reigen in einer öffentlichen Rede in London an.

Im Weißen Haus habe man geschäumt, schreibt Woodward, wie es die Militärs wagen konnten, den Präsidenten öffentlich so unter Druck zu setzen. Allerdings spielte auch die Pro-Obama-Fraktion nicht immer fair. So wurde ein Telegramm des US-Botschafters in Afghanistan, Karl Eikenberry, der Öffentlichkeit zugespielt, in dem Eikenberry sich gegen die Pentagon-Strategie wandte.

Frustrierter Präsident

Bob Woodward (Foto: AP)

Bob Woodward

Barack Obama selbst soll bei den Treffen mit seinen Generälen zunehmend frustriert gewirkt haben. Drei Varianten für eine Afghanistan-Strategie habe er von seinen Generälen gefordert aber nie erhalten: "Sie lassen mir keine Wahl", soll er gesagt haben. Auch ein von ihm gefordertes Abzugsszenario habe er nie erhalten. Allen voran Admiral Mullen, so schreibt Woodward, soll Alternativen unterdrückt und Kriegsszenarien manipuliert haben, um die 40.000-plus-Forderung durchzudrücken. Aber auch Verteidigungsminister Robert Gates habe Zusagen nicht eingehalten. Selbst die Generäle, die Obama in seinen Beraterstab geholt hatte, und die ebenfalls andere Alternativen prüfen wollten, konnten sich gegen das Pentagon nicht durchsetzen. Vizepräsident Joe Biden hatte für eine wesentlich niedrigere Truppenpräsenz und gezielte Einsätze plädiert.

Die Strategie, die Obama schließlich am 1. Dezember 2009 bei seiner Rede in der Militärakademie West Point vorstellte, war ein Kompromiss, den er schließlich selbst ausgearbeitet hatte. Sie sah eine Aufstockung um 30.000 Soldaten vor, sowie die Möglichkeit, zusätzlich 3000 Soldaten für die logistische Unterstützung nach Afghanistan schicken zu können. Und sie erklärte den Juli 2011 als Beginn des Abzuges. Er sei nicht interessiert an einem endlosen Krieg, wird Obama zitiert: "Ich will keinen langfristigen Staats-Aufbau betreiben. Ich werde nicht eine Billion Dollar ausgeben."

Persönliche Angriffe

US-Soldaten in Afghanistan (Foto: AP)

US-Soldaten in Afghanistan

Der Irak-Krieg kommt in dem Buch übrigens kaum vor. Der Titel "Obamas Kriege" bezieht sich offensichtlich vor allem auf Afghanistan und die Kämpfe zwischen der Regierung und dem Militär. Dabei gab es offenbar auch innerhalb des Weißen Hauses Kämpfe auf persönlicher Ebene. Obamas Sicherheitsberater, General James Jones, soll die politischen Berater des Präsidenten als "Mafia" und "Politbüro" bezeichnet haben. Robert Gibbs, der Pressesprecher des Weißen Hauses, empfahl dennoch allen Amerikanern, das Buch zu lesen, da es Obama als bedächtigen und entscheidungsstarken Staatschef zeige.

Wesentlich weniger freundlich wird der afghanische Präsident Hamid Karsai behandelt. Er sei manisch-depressiv und werde immer wieder medikamentös behandelt, wird US-Botschafter Karl Eikenberry zitiert. Ein Sprecher Karsais hat das inzwischen zurückgewiesen.

"Obamas Kriege" ist Woodwards 16. Buch, das erste über die Obama-Präsidentschaft. Zusammen mit Carl Bernstein hatte der Journalist in den 70er Jahren die "Watergate-Affäre" enthüllt, die zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führte.

Es bleibt bei der Strategie

Im Dezember soll es eine erste umfassende Überprüfung der Afghanistan-Strategie geben. Dabei hat der Präsident, so Woodward, bereits zu verstehen gegeben, dass er den Krieg auf keinen Fall ausweiten und noch mehr Truppen nach Afghanistan schicken will. Auch Verteidigungsminister Robert Gates erklärte, dass er eventuell kleine Korrekturen, aber keine Änderung der Strategie erwarte.

Obama, so Woodward, betrachte Afghanistan nicht als klassischen Krieg, bei dem es Sieger und Verlierer gebe und zitiert den Präsidenten mit den Worten: "Ich sehe das so: Setzen wir erfolgreich eine Strategie um, die dazu führt, dass das Land am Ende stärker da steht?" Und General Petraeus, der inzwischen für die Truppen in Afghanistan zuständig ist, hat laut Woodward gesagt: "Ich glaube nicht, dass wir diesen Krieg gewinnen… Man muss immer weiter kämpfen. Dies ist ein Kampf, den unsere Kinder und vermutlich auch noch unsere Kindeskinder weiter führen werden."

Autorin: Christina Bergmann
Redaktion: Christian Walz