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Wissen & Umwelt

Nussbaumer: "Nur kümmerliche Reste"

Die Gletscher geben jetzt preis, was sie einst verschluckt haben: abgestürzte Flugzeuge und Leichen vermisster Bergsteiger. Fragen zur Gletscherschmelze beantwortet der Glaziologe Samuel Nussbaumer.

Deutsche Welle: Herr Nussbaumer, Sie und Ihre Kollegen haben ein wissenschaftliches Auge auf die Gletscher unserer Welt. Wie steht es denn um die Gletscher im Himalaya?

Samuel Nussbaumer: Im Himalaya gibt es im Gegensatz etwa zu den Alpen noch sehr wenige Feldmessungen über einen langen Zeitraum. Das bringt natürlich gewisse Probleme mit sich, weil noch viele Unsicherheiten bestehen. Aber grundsätzlich gehen auch dort die Gletscher stark zurück, bis auf die Karakorum-Region, wo man ausgeglichene Massenbilanzen beobachtet hat.

Ziehen sich die Gletscher im Himalaya in einem sehr auffälligen, besorgniserregenden Maße zurück oder bewegt sich das Ganze in einem normalen Rahmen?

Es ist normal im weltweiten Vergleich, aber insofern nicht mehr normal, weil es eine so rasche Veränderung in der Vergangenheit - seit Beobachtungen vorhanden sind - noch nie gegeben hat.

Welche Rolle spielt der Klimawandel bei dieser Entwicklung?

Gletscher reagieren grundsätzlich auf das Klima, also auf Temperaturen, Niederschläge und auch Strahlung. Wenn es wärmer wird, schmelzen die Gletscher mehr und ziehen sich entsprechend zurück. Insofern kann man sagen, dass der Rückgang der Gletscher im Himalaya auch auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Es stellt sich jedoch die Frage, wie viel davon anthropogen bedingt ist, also vom Menschen verursacht. Es gibt auch natürliche Klimaschwankungen, aber die werden durch den anthropogenen Teil deutlich überlagert. Das zeigt die Simulation der Klimaentwicklung seit den 1950er Jahren durch Klimamodelle.

Blicken wir auf die Alpen: Werden Ihre Enkel Gletscher in der Schweiz, Österreich oder Bayern noch erleben?

Man geht davon aus, dass bis 2050 etwa noch ein Viertel der heutigen Gletscherfläche vorhanden ist und im Jahr 2100 die Gebiete unterhalb von 3500 Metern im Sommer schneefrei sind - regional gibt es sicher Unterschiede. Das heißt, dass es auch unterhalb dieser Grenze keine Gletscher mehr geben kann, weil der Schnee als Nachschub für das Eis fehlt. Die Gletscher reagieren allerdings mit einer gewissen Verzögerung. Der Große Aletschgletscher zum Beispiel, der größte Gletscher der Alpen, braucht 50 oder noch mehr Jahre, bis er sich ans Klima angepasst hat. Deshalb wird es wohl auch in 100 Jahren noch Teile des Aletschgletschers geben.

Grindelwaldgletscher (Foto: picture alliance)

Grindelwaldgletscher

Hat sich das Eis denn in den vergangenen Jahren schneller zurückgezogen?

Ja. Vor allem 2003 mit seinem Hitzesommer war für die Alpengletscher ein fatales Jahr. Damals ist bis auf eine Höhe von über 3500 Meter aller Schnee geschmolzen. Deshalb gab es keine Anhäufung von Schnee, der später zu Firn und dann zu Eis wird. Auf den Gletschern kamen Staub oder kleine dunkle Partikel zum Vorschein. Durch die dunklere Oberfläche wurde die Wärme besser aufgenommen und die Schmelze noch einmal verstärkt.

Welche Folge hat der Rückzug der Gletscher für die Bergwelt?

Die Gletscher speichern den Niederschlag des Winters, der als Schnee fällt und zu Eis wird und dann im Sommer als Gletscherwasser wieder zur Verfügung steht. Sie sorgen also für eine Verlagerung des Abflusses vom Winter auf den Sommer. Wenn das wegfällt, besteht im Frühling die Gefahr von Hochwasser, weil das Wasser zu rasch abfließt. Und im Sommer kann es Wasserknappheit geben.

Wenn sich die Gletscher zurückziehen, hinterlassen sie außerdem instabile Moränen oder Gletschervorfelder mit viel Schutt. Dort können sich bei Gewittern Schlammströme entwickeln. Oder es bilden sich neue Gletscherseen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie sich plötzlich entleeren. Das ist übrigens auch im Himalaya ein großes Problem.

Treten diese Phänomene schon jetzt vermehrt auf?

Ja, so ein See hat sich etwa am Unteren Grindelwaldgletscher gebildet. Um die Gefahr zu entschärfen, hat man für einen zweistelligen Millionenbetrag seitlich einen Stollen durch den Fels gegraben, damit das Wasser abfließen konnte. In Europa können wir so etwas finanziell bewältigen, aber im Himalaya sind diese Geldmittel nicht vorhanden.

Gletscherforscher Samuel Nussbaumer (Foto: Nussbaumer)

Gletscherforscher Samuel Nussbaumer

Das ist ja eigentlich auch nur ein Arbeiten an den Symptomen. An den Ursachen kann man kurzfristig nicht mehr drehen?

Genau das ist das Problem. Das Klimasystem ist sehr träge. Auch wenn wir ab heute die CO2-Emissionen drastisch reduzierten, würde sich trotzdem in den nächsten 50 Jahren noch eine Erwärmung ergeben.

Da könnte man versucht sein zu sagen: Wir können ohnehin nicht wahnsinnig viel machen, am Ende sind die Gletscher doch weg.

Das sehen wir als Gletscherforscher mit Wehmut. Noch vor 150 Jahren gab es eine regelrechte Eispracht und jetzt sieht man nur noch diese kümmerlichen Reste. Und in der Zukunft wird es vielleicht überhaupt keine Gletscher mehr geben. Meine Enkel wissen vielleicht gar nicht mehr, was Gletscher sind und werden sie deshalb auch nicht vermissen. Aber es gibt eben auch die beschriebenen negativen Folgen des Gletscherrückzugs. Das ist eine bedenkliche Entwicklung.

Der Schweizer Glaziologe Samuel Nussbaumer ist 31 Jahre alt und arbeitet in Zürich für den World Glacier Monitoring Service (WGMS), der die Entwicklung der Gletscher beobachtet und analysiert.

Das Interview führte Stefan Nestler.

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