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Kultur

Nur zum Fächeln viel zu schön

Es gab eine Zeit, da zückten die Damen von Welt ihren Fächer, wenn ihnen zu heiß war. Elegant, geheimnisvoll und verführerisch, hat der Fächer nach wie vor seine Liebhaber. Und Sammler.

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Alexander-Fächer mit Perlmuttgestell (um 1860)

Karl Lagerfeld mag seinen Fächer am liebsten aus gefaltetem Papier. "Für mich ist der Fächer in erster Linie ein nützlicher, hübscher, ja schöner Gegenstand", schrieb er als Vorwort zu einem Buch. Sie seien eine "tragbare Klimaanlage" und man könne damit "Zigarettenrauch vertreiben und sich vor Mundgeruch schützen".

Marie-Luise und Günter Barisch eröffneten vor acht Jahren in Bielefeld das bundesweit einzige Fächermuseum Foto: Susanne Freitag

Marie-Luise und Günter Barisch eröffneten vor acht Jahren in Bielefeld das bundesweit einzige Fächermuseum

Raritäten aus aller Welt

Rund 160 Exponate hat das Bielefelder Ehepaar Marie-Luise und Günter Barisch seit 1980 bei Reisen durch China, Japan und Europa zusammengetragen. Zu bestaunen sind die kleinen Kostbarkeiten aus vier Jahrhunderten in Deutschlands einzigem Fächermuseum in Bielefeld. In Europa gibt es nur in London und Paris ähnliche Museen. Ihren ersten Fächer erstanden die Barischs auf einer Antiquitätenmesse: Er zeigt die Hochzeit der Maria von Medici mit Heinrich IV. von Frankreich. Vorbild war ein Gemälde von Peter-Paul Rubens. Der Fächer ist inzwischen gut 250 Jahre alt und eines der Prachtexemplare der Sammlung.

Utensil der feinen Gesellschaft

Kaiserin Elisabeth von Österreich

Kaiserin Elisabeth, genannt 'Sissi'

Auch in Bielefeld zu bestaunen: der Fächer, den der Bayernkönig Ludwig II. seiner Cousine Elisabeth von Österreich, besser bekannt als "Kaiserin Sissi", im Jahr 1878 schenkte. Zur Sammlung gehört auch ein Fächer zur Goldenen Hochzeit des deutschen Kaisers Wilhelm I. und seiner Frau Augusta, dessen Vorderseite das Palais Unter den Linden in Berlin zeigt. Für die jungen Damen der vornehmen Gesellschaft waren sie unverzichtbares Accessoire - von Gouvernanten und Müttern streng behütet und bewacht, war der Fächer die einzige Möglichkeit, unzweideutige Signale an die anwesenden Herren zu senden. Den Fächer am äußersten Rand mit dem Finger berühren, hieß: Ich möchte mit dir sprechen. Fächer öffnen, schließen, die Wange berühren signalisierte: Du gefällst mir. Ihn mit dem kleinen Finger abgespreizt halten, bedeutete: Auf Wiedersehen.

Abbilder des Zeitgeistes

Marie Antoinette

Endete unter der Guillotine: Marie Antoinette

"Fächer sind immer Spiegelbilder ihrer Zeit", erzählt Günter Barisch. "Sie waren in früheren Jahrhunderten so was wie die Zeitung, die Illustrierte für die Leute, die so erfuhren, was wichtiges in der Welt passiert war." Auf den so genannten "Revolutionsfächern" - Frankreich, 1789 - sind die Namen der geköpften Aristokraten zu lesen. Stolz sind die Barischs auch auf ihre fanzösischen "Ballonfächer" aus dem Jahr 1783: Sie zeigen die ersten Heißluftballon-Fahrten der Brüder Montgolfier.

Wertvolle Handarbeit

Fächer wurden bereits vor 3000 Jahren benutzt. Sie galten lange Zeit als Hoheitssymbol, das chinesischen Mandarinen und hohen ägyptischen Beamten vorbehalten war. Von Japan und China aus gelangten die Faltfächer im 16. Jahrhundert nach Europa. "Das erste Exemplar tauchte 1543 in Lissabon auf", erzählen die Sammler. Etwa 200 Jahre später, in der Zeit des Rokoko, wandelte sich der Fächer zum prachtvoll ausgestalteten Luxusobjekt mit feinen Blättern aus Papier, Seide oder Leder. Die Halterungen wurden aus Elfenbein gefertigt, vergoldet und mit Schmucksteinen verziert. Jeder Fächer war und ist ein handgearbeitetes Einzelstück und entsprechend kostbar und teuer.

Accessoire für alle Lebenslagen

Besonders beliebt sind Fächer in den südeuropäischen Ländern mit zuverlässig heißen Sommern. "Nie habe ich eine Frau ohne ihren Fächer gesehen", schrieb zum Beispiel der französische Autor Théophile Gautier (1811-1872) über seine Spanien-Reise. "Er begleitet sie überall, selbst in der Kirche, ich sehe sie in Gruppen jeden Alters. Kniend oder sitzend, beten und fächeln sie mit der gleichen Inbrunst." Kein Wunder, dass es Fächer für nahezu jede Lebenslage gibt: Die Barischs haben unter anderem Hochzeits-, Trauer- und Andenkenfächer in ihrer Sammlung. Außerdem Tanzfächer, auf denen die Tanzpartner der Damen Autogramme hinterließen.

Relikt aus vergangenen Tagen

In einer Sonderausstellung zeigen die Bielefelder Eheleute Marie-Luise und Günter Barisch derzeit verschiedene Werbefächer

In einer Sonderausstellung zeigen Marie-Luise und Günter Barisch verschiedene Werbefächer

In den 1920er und 1930er Jahren verschwanden die Fächer weitgehend als Status-Symbol. Stattdessen wurden sie von der Industrie als Werbeträger für berühmte Wein-, Schokolade- oder Champagnerfirmen entdeckt. Die heutigen Fächer sind meist von nur geringem Wert: aus dünnem Papier oder Kunststoff gefertigt und schlecht geklebt, übersteht die billige Importware aus Asien nur wenige Einsätze. Aber es gibt sie auch heute noch - die hangearbeiteten kostbaren Fächer mit Perlmuttgestänge. Kostenpunkt: mehr als 1000 Euro für rund 50 Gramm Material. (ap/arn)

Das Fächer Kabinett - Barisch Stiftung in Bielefeld hat von Mittwoch bis Freitag zwischen 14.30 und 17.30 Uhr geöffnet

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