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Fokus Südosteuropa

Nur Werkzeug nationalistischer Politik?

Einst galten sie als ideologische Wegbereiter der Kriege in Jugoslawien. Heutzutage berichten sie lieber nicht über die Vergangenheit. Wie weit haben sich Serbiens Journalisten vom Nationalismus verabschiedet?

Zeitungsstand in Belgrad (Foto: DW)

Tragen die Medien Schuld an den Balkan-Kriegen?

Noch in den 1990er-Jahren galten die serbischen Medien als Wegbereiter beim Aufstieg des serbischen Diktators Slobodan Milosevic. Dieser bediente sich zur Durchsetzung seiner Politik verbreiteter nationalistischer Ressentiments, erinnert sich der Belgrader Medienexperte Velimir Curguz Kazimir.

Printmedien, Radio und Fernsehen spielten dabei eine zentrale Rolle und boten sich einen Wettlauf, um zu demonstrieren, wie sehr sie Milosevics Regime unterstützten, so Kazimir gegenüber der Deutschen Welle. Nur wenigen Medien gelang es, ihre Unabhängigkeit zu bewahren und professionell weiter zu berichten.

Noch immer setze die Regierungspartei mit Hilfe der Medien, die sie kontrolliert, Unwahrheiten in Umlauf, nur habe sich der Inhalt geändert. Sie erkläre den Bürgern, Serbien sei bereits ein zivilgesellschaftlicher Staat, in dem die Menschen- und Minderheitenrechte vollends geachtet würden. Dies entspräche aber nicht der Wahrheit, sagt Kazimir.

Keine Massenbewegung mehr

Demonstranten halten ein Poster von Serbiens Ex-Diktator Slobodan Milosevic bei einer Demonstration hoch (Foto: AP)

Nationalismus ist keine Massenbewegung mehr wie unter Milosevic

Zudem böten diese Medien rechtradikalen Bewegungen einen Raum zur Selbstdarstellung: "Es gibt Medien, die mit extremistischen Bewegungen kokettieren. Seien es Sportfans, Nationalisten oder sogar Neofaschisten." Als Beispiel führt er die von serbischen Behörden als rechtsextrem eingestufte Bewegung "Obraz" an. Diese sei als "orthodox klerikalfaschistisch" einzuordnen. Kazimir stellt fest, "dass in einigen Medien, insbesondere in der Boulevard-Presse, diese Bewegungen und ihre Ideen immer noch ziemlich viel Platz einnehmen".

Allerdings sei in diesen Medien der Ton inzwischen gemäßigter als in den 1990ern. Angehörige anderer Völker oder Minderheiten würden nicht mehr in der Form diskreditiert wie früher. Auch sei die aggresive nationalistische Rhetorik bei politischen Parteien nicht mehr in dem Maße zu finden wie noch im vergangenen Jahrhundert. Die nationalistischen Organisationen hätten an Mobilisierungskraft verloren. Hinter ihnen stünden heute keine Massen mehr, sagt Kazimir.

Srdjan Stojanovic, Forscher an der Londoner Westminster Universität, hält es für einen Irrglauben, dass die Medien selbst bestimmen können, wie nationalistisch sie sich gebärden. Die Macht der serbischen Medien werde häufig überschätzt: "Es sind die Politiker und die politische Elite in Serbien, die das Klima in der Gesellschaft schaffen. In diesem Klima funktionieren dann auch die Medien. Daher tragen sie lediglich indirekt die Schuld am Nationalistismus."

Vergangenheitsbewältigung passé?

Eine Demonstration: Vorne links ist eine gestikulierende Hand zu sehen. Im Hintergrund hält eine andere Hand Fotos der mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic und Radovan Karadzic hoch (Foto: AP)

Weniger Menschen verherrlichen Kriegsverbrecher

Kazimir zufolge sind die Medien immer weniger bereit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Menschen betrachteten diese als "eine Belastung für die Zukunft und für die Entwicklung".

Wenn die Medien dieses Thema heute aufgreifen, dann täten sie dies als Kuriosum: "Sie belustigen sich eher, nach dem Motto: Es gibt noch immer welche, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, dabei wissen wir über die Vergangenheit doch längst Bescheid", so Kazimir.

Viele Serben befassten sich lieber "mit der Wirtschaft, der Entwicklung und dem europäischen Integrationsprozess", statt in der Vergangenheit zu wühlen.

Neue Phase

Ein Mann liest eine Zeitung über einen Verhaftungsversuch gegen Ratko Mladic im Februar 2006 (Foto: AP)

Nur noch sporadisch berichten die Zeitungen von Kriegsverbrechen

Kriegsverbrecher würden unterdessen kaum noch glorifiziert. Früher habe es eine ausgiebige Berichterstattung über "Heldentaten" von Freischärlern wie dem berüchtigten Zeljko Raznjatovic Arkan oder dem Armeegeneral Ratko Mladic gegeben. Nun sei "eine neue Phase" eingetreten, in der die Medien einfach ignorierten, dass es sie überhaupt gegeben habe, sagt Kazimir. Er beschreibt dies als "Flucht vor der Vergangenheitsbewältigung".

Deswegen gebe es auch nur wenige Artikel über begangene Kriegsverbrechen. Zwar werde bei einer Anklageerhebung wegen geringerer Kriegsverbrechen kurz darüber berichtet, aber solche Prozesse würden nur sporadisch verfolgt "als ob dies nicht existiert, als ob nichts passiert sei."

Virus Nationalismus lebt

Der Nationalismus habe als Idee noch keine Niederlage erlitten, meint Srdjan Stojanovic. Deshalb hege auch niemand einen Groll gegen Slobodan Milosevic wegen seines "pseudo-nationalistisch-sozialistischen Großprojekts", sondern weil er bei dessen Umsetzung gescheitert sei. Die nationalistische Ideologie dahinter sei jedoch nicht überwunden: "Dieses [nationalistische] Projekt wurde funktionsuntüchtig, es hat sich verausgabt und konnte sich schließlich wirtschaftlich und militärisch nicht halten."

Hyperinflation und Armut hätten die Menschen dazu gebracht vom Nationalismus Abstand zu nehmen. Sie hätten dies aber nicht getan, "weil die Idee falsch und gefährlich ist." Der Virus des Nationalismus lebt Stojanovic zufolge weiter. Als Gegenbewegung müssten andere Kräfte in der Gesellschaft sich der Medien bedienen und moderne Werte vermitteln, "die diesen Virus zu bekämpfen im Stande sind."

Autoren: Ivica Petrovic / Mirjana Dikic

Redaktion: Fabian Schmidt

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