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Welt

Nur noch Terror in den Medien

War da was in Athen? Erinnert sich noch jemand an die Griechenlandkrise? Angesichts der Terroranschläge rücken viele Top-Themen in den Hintergrund. Eine gefährliche Entwicklung für die Demokratie, meinen Experten.

"In der öffentlichen Wahrnehmung ist es die Kombination aus Terrorismus und Flüchtlingen, die alles verdrängt", erklärt Marcel Dickow, Leiter der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Für die Demokratie sei es nicht gut, wenn "wichtige Themen, die unserem Alltag betreffen, aus dem Focus geraten."

Beispiel Klimaschutz: Am 30. November beginnt in Paris der 21. Weltklimagipfel. Auf der UN-Konferenz, an der über 20 Staats- und Regierungschefs teilnehmen, sollen verbindliche Klimaziele für die Weltgemeinschaft festgelegt werden. Doch seit den Anschlägen in Paris wird nicht mehr über Klimaschutz, sondern nur noch über die Sicherheit der Teilnehmer diskutiert.

Beispiel Jemen: Seit Monaten liefern sich dort die von Saudi-Arabien unterstützten Regierungstruppen, Krieger des Al-Kaida-Ablegers AQAP und Huthi-Rebellen Gefechte. Nach UN-Angaben sind in dem Bürgerkrieg bereits 5.700 Menschen ums Leben gekommen, 25.000 wurden verletzt. Doch der Terror am Golf von Aden wird hierzulande kaum wahrgenommen.

Bewährungsprobe für Europa

"Es ist zurzeit schwierig, mit Umweltthemen durchzudringen", bestätigt Michael Pauli von Greenpeace. "In der Bevölkerung sind gerade andere Themen wichtig, aber ich kann das nachvollziehen."

Dabei war 2015 für den Umweltschutz eigentlich ein gutes Jahr, meint der Kommuikationschef von Greenpeace. "Der Versicherungskonzern Allianz investiert nicht mehr ins Kohlegeschäft, Shell und Total stellen ihre Bohrungen in der Arktis ein, und Obama hat die umstrittene Pipeline mit Öl aus Kanada gestoppt."

Überschwemmungen in Bangladesch

Folgen des Klimawandels: nur noch ein Randthema

Doch im Strom der schlechten Nachrichten gehen solche Fortschritte unter. Der grüne Europa-Abgeordnete Sven Giegold befürchtet, dass der Kampf gegen den Terror in Brüssel zu einer gefährlichen thematischen Verengung führt.

"Europa muss sich auch um soziale und ökologische Themen kümmern. Wenn man an diesen Fragen nicht mehr arbeitet, dann verliert Europa seine Seele", erklärt er im Gespräch mit der DW. Die Einseitigkeit werde durch die aktuellen Ereignisse noch verstärkt.

Die Liste der verdrängten Themen wird immer länger. Der Abgasskandal bei VW, der erst Anfang November angeblich Deutschlands gesamte Automobilbranche in ihren Grundfesten bedrohte, ist inzwischen zu einer medialen Randnotiz zusammengeschrumpft.

Und auch die vielen anderen Probleme, wie die griechische Schuldenkrise, der NSA-Skandal, der Terror von Boko Haram in Nigeria, die brasilianische Wirtschaftsrezession oder die Macht der mexikanischen Drogenkartelle, sie alle befinden sich zurzeit unterhalb der Wahrnehmungsgrenze.

Sogar um Papst Franziskus ist es stiller geworden. Noch im September dieses Jahres wurde das Oberhaupt der katholischen Kirche während seiner Reisen nach Kuba und in die USA wie ein Popstar gefeiert. Seine Reise vom 25. bis 30. November nach Kenia, Uganda und in die Zentralafrikanische Republik ist den meisten Medien hingegen maximal eine Meldung wert.

Aufklärung fraglich

Die "Stille" trägt nicht nur dazu bei, dass viele wichtige Themen nicht mehr wahrgenommen werden. Sie vermindert auch den öffentlichen Druck auf Firmen oder Einrichtungen, die zuvor in die Schlagzeilen geraten waren.

Fußballlegende Franz Beckenbauer (Foto: Andreas Gebert dpa/lby)

"Kaiser Franz" im medialen Schatten: Die Aufklärung der Umstände des deutschen Sommermärchens kann warten

So bemerkt der Journalist Robin Patzwaldt im Blog "Ruhrbarone", dass es "erstaunlich still um die Fifa- und DFB-Affären geworden ist". Es sei fraglich, ob jemals aufgeklärt würde, unter welchen Umständen die WM 2006 nach Deutschland gekommen sei, schreibt der Blogger.

Die Dominanz des Terrors ist nicht neu. Bereits seit den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 beanspruchen Anschläge regelmäßig die öffentliche Aufmerksamkeit, worunter insbesondere Hilfsorganisationen leiden.

So klagte der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria bereits 2004 darüber, dass die Aufmerksamkeit und damit auch die Spendenbereitschaft zurückgegangen sei. Statt der jährlich nötigen rund zehn Milliarden Dollar seien von Mitte 2001 bis Mitte 2004 nur 2,5 Milliarden Dollar an die Organisation überwiesen worden.

Für den Sicherheitsexperten Marcel Dickow verbuchen Terroristen genau diese Entwicklung als Erfolg. "Sie wollen sich in das öffentliche Bewusstsein hineinbomben und polarisieren", erklärt er. "Wenn wir weiter so stark darauf reagieren, erfüllen wir genau das, was die Terroristen eigentlich wollen."

Bei der deutschen Umweltorganisation Germanwatch ist man nicht ganz so skeptisch. "Es stimmt zwar, dass die Gefahr besteht, dass der Terror viele Themen überdeckt, auch den Klimawandel", räumt Germanwatch-Sprecher Stefan Küper ein. Doch der bevorstehende Klimagipfel in Paris könne auch dazu dienen, ein Symbol der friedlichen Kooperation zu vermitteln. Küper: "Die Weltgemeinschaft kann in Paris zeigen, dass sie globale Probleme gemeinsam lösen kann.“