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Sprachbar

Nur nicht so empfindlich!

Ob unbeachtetes Mauerblümchen oder überempfindliche Mimose, ob allzu schüchtern oder sehr selbstbewusst: In der deutschen Umgangssprache gibt es für jeden menschlichen Charakter ein passendes Etikett.

"Nun spiel' doch nicht die beleidigte Leberwurst! Das mit der Mimose habe ich doch nicht so gemeint." – "Du gibst dich doch selber so zartbesaitet. Dich muss man immer mit Samthandschuhen anfassen." Nun: Leberwürste kann man schlecht beleidigen, Menschen hingegen schon, vor allem sehr empfindliche. Und die spielen dann ganz besonders schnell beleidigte Leberwurst. Zumindest sieht das ihre Umgebung so und greift zum entsprechenden umgangssprachlichen Titel beziehungsweise Etikett. Ein reicher Schatz, eine große Vielfalt an Ausdrücken und Redewendungen bietet für alle etwas.

Mauerblümchen und stille Wasser

Ein Mauerspalt mit einer Blume

Versteckte Schönheit

Mauerblümchen haben mit stillen Wassern gemeinsam, dass sie als ausgesprochen unerfahren und harmlos gelten. Ein Mauerblümchen bleibt das auch bei näherem Hinsehen, sozusagen ganz auf seine einsame Schönheit und seinen Duft beschränkt. Es muss allein und unbeachtet von der Welt verwelken. Mit dem blumigen Titel gemeint sind Menschen, die keinen Partner finden, weil sie als allzu unscheinbar gelten und deshalb auch keine Aufmerksamkeit bekommen.

Stille Wasser hingegen können auch schon mal tief sein, abgrundtief. Da verbirgt sich hinter der Fassade der ruhig wirkenden Kollegin vielleicht ein leidenschaftlich romantischer Mensch und hinter dem unauffälligen Nachbarn ein aggressiver Choleriker. Ohnehin sind reine und makellose Charaktere selten. Auch ausgesprochene Sympathieträger haben ihre Ecken und Kanten. Niemand ist perfekt, jeder Mensch hat Fehler, denn es gibt keine Rose ohne Dornen.

Facetten der Sensibilität

Eine Mimose

Vorsicht beim Anfassen! Sehr empfindlich!

Der Mimose reicht ein kleiner Windhauch, um erschüttert zu werden und ihre Blätter zu verschließen. Bei menschlichen Mimosen sind es eher Worte, die außerordentlich schnell zur Verstimmung führen. Man muss sie mit Samthandschuhen anfassen, also außerordentlich vorsichtig und rücksichtsvoll behandeln, damit sie nicht verletzt oder beleidigt reagieren.

Mancher schaut mit Verständnis und Wohlwollen auf solche Empfindlichkeit, spricht von einem zartbesaiteten Wesen oder einem besonders dünnhäutigen Menschen. Andere finden große Empfindlichkeit – seelische wie körperliche - nur lästig, übertrieben und störend. Sensible werden von ihnen geschmäht als Weicheier und Warmduscher.

Harter Fels und grober Klotz

Ein Beil auf einem Holzklotz und gespaltenes Holz daneben

Das bleibt übrig, wenn grobe Klötze sich wie eine Axt im Wald benehmen

Anders als der Mimose machen dem Fels in der Brandung Wind und Wellen nichts aus. Er bleibt unbeschadet stehen, trotzt jedem Wetter, selbst Sturm und Gewitter können ihm nichts anhaben. Ein ausdruckstarkes Sprachbild für unerschütterliche Menschen, die als sehr zuverlässig gelten. Sie bleiben bei ihrer Haltung, ihren Zielen und Vorstellungen, gelten als charakterstark. Ein menschlicher Fels in der Brandung sorgt für Bewunderung.

Es kann aber auch schlecht ankommen, sich von anderen Meinungen nicht beeindrucken zu lassen – nämlich dann, wenn man eisern wirkt und dickfellig, also ignorant und unempfindlich. Völlig egal sind andere und ihre Empfindungen einem groben Klotz. Er löst Widerwillen und Abscheu aus, erst recht, wenn er dann auch noch ein Dickschädel ist, der seine Ideen unter allen Umständen durchsetzen will.

Protzköpfe hauen gerne auf den Putz

Ein angespannter Oberarm, damit man die Muskeln sieht

Mancher macht gerne den dicken Max

Zu empfindlichen und allzu zaghaften Persönlichkeiten gibt es natürlich vielfältige Gegenstücke. Die umgangssprachliche Welt der Grobiane und Angeber ist groß. Protzköpfe und Großmäuler sind keine anatomischen Besonderheiten oder Missbildungen. Sie sind einfach immer schneller, größer, klüger, also auf jeden Fall besser als andere. Sie tun zumindest so und hauen gerne auf den Putz, plustern sich auf wie Vogelmännchen in der Paarungszeit und betonen überall ihre außerordentlichen Fähigkeiten.

Ob schwergewichtig oder schlank, machen viele auch gern den dicken Max, fahren ein teures Auto, das sie sich gar nicht leisten können, tragen luxuriöse Kleidung oder Uhren. Manche von diesen Wichtigtuern beherrschen ihre Rolle allerdings so gut, dass Leichtgläubige ihnen auf den Leim gehen, das Übertriebene für bare Münze nehmen und auf die Blender hereinfallen. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Szenario der tollen Fähigkeiten dann oft als heiße Luft, also als großes Nichts, und der große, schnelle Kluge entlarvt sich als Betrüger.

Elefanten im Porzellanladen

Ein in drei Teile zerbrochener Teller. Jemand versucht, die Teile zusammenzuschieben

Der Versuch zu retten, was zu retten ist!

Über Protzköpfe und Blender ärgert man sich, Elefanten im Porzellanladen erregen hingegen eher Mitleid. Und wir kennen sie alle, die tollpatschigen und ungeschickten Menschen, die beim Bücken immer etwas umstoßen, beim Kaffee eingießen den Schoß des Nachbarn treffen, beim Geschirr abtrocknen die Tasse fallenlassen und beim Zusammenkehren der Scherben mit dem Besen das Bild von der Wand stoßen.

Nicht zu vergessen, die wenig Sensiblen, die ohne lange Vorrede gleich mit der Tür ins Haus fallen, reichlich plump in schlichten Worten sagen, was sie wollen. Bei Bewerbungsgesprächen sollte man da aufpassen und nicht gleich im zweiten Satz die Gehaltsvorstellungen betonen, noch bevor man vermitteln konnte, welche Fähigkeiten einen für den gewünschten Job qualifizieren.

Fein, feiner, …

Teenager im Anzug mit dicker Zigarre © runzelkorn #33438195

Teenager im Anzug mit dicker Zigarre

Wenig angenehme Zeitgenossen sind die feinen Pinkel. Sie haben zwar manchmal tatsächlich Geld in der Tasche und auf dem Konto, versuchen sich aber durch vornehmes Getue immer als etwas Besonderes darzustellen. Mit gezierten Gesten und betont gewählter Ausdrucksweise heben sie ständig ihren guten Geschmack hervor. Ein derartiges Benehmen kommt meist schlecht an, gilt als aufgeblasen und hochtrabend.

Im Extremfall könnte man sich eine wohlgekleidete Dame im Restaurant vorstellen, die sich darüber beschwert, dass das Besteck neben dem Teller nicht richtig angeordnet ist oder die Farbe der Tischdecke nicht zum Interieur passt.

Immer auf dem Teppich bleiben

Wer sich so gibt, wird gern als etepetete tituliert – eine meist eher für eine Frau verwendete Bezeichnung. An ihrer Seite könnte der dazu passende Mann sitzen. Er darf sich über den Titel Fatzke oder Lackaffe freuen. Am besten all das Getue weglassen und bescheiden, also auf dem Teppich bleiben.





Fragen zum Text

Eine beleidigte Leberwurst nennt man eine Person, …
1. die schnell verärgert ist und laut wird.
2. die empfindlich ist wie eine Mimose und schnell beleidigt ist.
3. die besonders zaghaft ist und sich nichts zutraut.

Menschliche Mauerblümchen gelten als …
1. ausgesprochen hässlich und werden deshalb gemieden.
2. so klein, dass sie meist übersehen werden.
3. harmlos, brav und unerfahren.

Als etepetete werden Menschen bezeichnet, …
1. die stets freundlich und aufmerksam bleiben, auch wenn man sie beleidigt.
2. die besonders umständliche Sätze formulieren und deshalb von niemandem verstanden werden.
3. die ständig betonen, dass sie Wert auf guten Geschmack und Stil legen und sich über kleine Unkorrektheiten übertrieben aufregen.


Arbeitsauftrag
Empfindlichkeit ist für manche eine Tugend, andere finden sie übertrieben und lästig. Konstruiere mit den umgangssprachlichen Begriffen, die im Text vorkommen, ein Streitgespräch, das unterschiedliche Haltungen zur Sensibilität deutlich macht.

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