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Asien

Nur mit Glück ein Dach über dem Kopf

In den rasant wachsenden Städten Indiens fehlt es regelmäßig an Wohnraum. Die Regierung greift unter anderem zu Lotterien, um die begehrten Wohnungen zu verteilen.

Ein Sturm der Entrüstung brach in Indien los, als 2008 der Oscar-prämierte Film "Slumdog Millionaire" von Danny Boyle veröffentlicht wurde. Ein großer Teil des Streifens spielt in Dharavi, einem der größten Slums Asiens in der Metropole Mumbai. Eine Million Menschen leben hier eng zusammengepfercht auf nur zwei Quadratkilometern. Das Leben für den kleinen Jamal, die Hauptfigur des Films, ist hart. Jamal lebt mit seiner Familie in einer engen Wellblechhütte. Fließend Wasser und Strom gibt es nur einige Stunden am Tag. Das stinkende Plumpsklo muss er sich mit Dutzenden anderen Menschen teilen.

Für die Menschen in Indien präsentierte der Film ein verzerrtes Bild. Allein in Mumbai leben, einer Studie der Weltbank aus dem Jahr 2011 zufolge, über neun Millionen Menschen in Slums. Das sind etwa 60 Prozent der Bevölkerung. Doch nur wenige von ihnen müssen so vor sich hinvegetieren, wie es in Slumdog Millionaire dargestellt wird. Viele Slumbewohner zahlen für ihre karge Behausung Miete - und obwohl die Hütten tatsächlich sehr eng sind, sind sie mit Fernseher, Kühlschrank und teilweise sogar mit Klimaanlagen ausgestattet. Die meisten Kinder gehen zur Schule, viele Ältere studieren sogar. Dennoch ist die Wohnungsnot ein zunehmendes Problem in Indiens Städten.

Unkontrolliertes Wachstum

Die Slums wachsen unter anderem, da die Behörden in Mumbai wie auch in den anderen Megastädten Indiens mit dem Wohnungsbau nicht nachkommen. Jede Dekade kommen mehr als eine Million neue Migranten auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand nach Mumbai. Der Druck auf den Wohnungsmarkt erzeugt eine Preisschere. Wohnungen in Toplage - etwa nah am Meer - kosten pro Quadratmeter mehr als 8000 Euro. Das zeigt eine Studie des weltweit tätigen Immobilienberatungshauses Knight Frank von 2012. In anderen Teilen der Stadt wachsen andererseits die Slums rasant. Die Architektin und Städteplanerin Gita Dewan Verma sprach bereits 1993 in ihrem Buch "Slumming India" (Die Verslumung Indiens) von einem Teufelskreis.

Eine Häuserzeile im Bau in Neu Delhi (Foto: AFP/Getty Images)

Korruption und Bürokratie lassen den Wohnungsbau in Indien stocken

"Wir haben ausgerechnet, dass in der Hauptstadt Neu Delhi jedes Jahr 70.000 neue Wohnungen entstehen müssten, um die Nachfrage zu decken", sagt Anumita Roychowdhury, die Geschäftsführerin der Umweltorganisation Centre for Science and Environment in Delhi im Gespräch mit der Deutschen Welle. Doch weder die öffentlichen noch die privaten Wohnungsbaugesellschaften kommen der Nachfrage nach. Schuld daran seien vor allem Korruption und überbordende Bürokratie, wie Roychowdhury erklärt. "Eine weitere Herausforderung ist, dass nur etwa ein Prozent der Menschen im Herzen Delhis leben. Der Rest wird in die Peripherie abgedrängt." All dies, so Roy Chowdhury führe bei den Stadtbewohnern zu enormen Frustrationen. Denn lange Anfahrtswege belasten nicht nur Menschen und Infrastruktur, sondern auch die Umwelt. Roychowdhury sieht es auch als sehr gefährlich an, wenn der Rang in der Gesellschaft darüber entscheidet, ob die Menschen regelmäßig Zugang zu Frischwasser oder einer funktionierenden Kanalisation haben.

Wohnungslotterien

Die Wohnungsnot ist so groß, dass die Behörden in den großen Städten sogar Wohnungslotterien veranstalten. Ob Rikschafahrer, Ladenbesitzer oder Küchenhilfe - jeder kann sich um eine bezahlbare Wohnung bewerben. Erhält man den Zuschlag, ist dies tatsächlich wie ein Lottogewinn. Bei einer der großen Wohnungslotterien in Delhi etwa waren 5020 Wohnungen im Angebot. Insgesamt wurden eine Million Bewerbungsformulare verkauft. Etwas mehr als die Hälfte der Bewerber brachten das Geld auf, um die Reservierungsgebühr für ihre mögliche Wohnung zu bezahlen. In der Lotterie kamen also mehr als 120 Familien auf eine einzige Wohnung.

Kinder saugen Schläuche an, um Wasser aus einem Tanklaster zu pumpen (Foto: AP)

Trinkwasser gibt es in den Slums oft nur bei Lieferung durch Tanklaster

"Bisher hat sich noch niemand ernsthaft damit beschäftigt, wie man die Verstädterung planbarer machen kann, so dass die Menschen sich auch wohlfühlen und glücklich sind", so Sudhir Vohra, einer der führenden Städteplaner Indiens aus Neu Delhi. Seit der Unabhängigkeit 1947 habe Indien nur vier Städte von Grund auf neu erbaut, so Vohra: "Jedes Jahr wachsen die bestehenden Städte ein großes Stück. Doch wir überlegen uns nicht, wo zum Beispiel die Industrie angesiedelt werden soll oder welches Land für die Landwirtschaft unbedingt nötig ist. Und ob es nicht unfruchtbares Land gibt, dass man besser für den Wohnungsbau nutzen sollte." Dadurch wachse der Druck, der ohnehin schon auf den Millionenmetropolen in Indien laste, zusätzlich, so Vohra.

Lösung nicht in Sicht

Vohra ist skeptisch, was eine schnelle Lösung des Problems betrifft. "Unsere Megastädte wachsen ins Unermessliche. Wir haben es bisher auch nicht geschafft, die zweite oder die dritte Riege der Städte in Indien zu entwickeln." Zudem liege die Städteplanung in der Hoheit der Bundesstaaten und nicht im Zuständigkeitsbereich der Zentralregierung. Doch Untätigkeit wäre fatal. 1901 lebte gerade einmal jeder zehnte Inder in einer Stadt. Hundert Jahre später war es schon jeder Dritte. Einer Schätzung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2007 zufolge werden es 2030 über 40 Prozent sein und das bei den gewaltigen Wachstumsraten der indischen Bevölkerung. Vohra zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft: "Wir haben bei der Städteplanung in den letzten fünfzig Jahren viele Fehler gemacht. Und wir haben noch nicht schnell genug aus ihnen gelernt."