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Europa

Nur mit Europa

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg hat eine wichtige Funktion: Die Aussöhnung ist auch Auftrag. Das haben Frankreich und Deutschland bei der Gedenkfeier am Hartmannsweilerkopf gezeigt, meint Bernd Riegert.

Frankreichs Präsident Hollande (li) und Bundespräsident Gauck an der Gedenkstätte Hartmannsweilerkopf (Foto: FRED DUFOUR/AFP/Getty Images)

Frankreichs Präsident Hollande (li.) und Bundespräsident Gauck an der Gedenkstätte Hartmannsweilerkopf

Hymnen, Fahnen, Ehrengäste, eine Verneigung vor den Gefallenen, eine Grundsteinlegung und herzliche Umarmungen und fast verstecktes Händehalten der beiden Präsidenten. Die Bilder vom Hartmannsweilerkopf in den Vogesen waren bewegend, aber sie werden sich nicht einbrennen in die kollektive Erinnerung, wie das Bild vom damaligen französischen Staatspräsidenten Francois Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl, die über den Gräbern von Verdun 1984 ihre Hände hielten. Damals signalisierten Mitterand und Kohl, dass die Aussöhnung der ehemaligen "Erbfeinde" Frankreich und Deutschland endgültig gelungen war. "Europa ist unser Vaterland", haben sie damals erklärt. Heute, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, signalisieren der französische Staatspräsident Francois Hollande und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, wir haben die Lehren aus übersteigerten Nationalismus und barbarischem Gemetzel gelernt. Die deutsch-französische Aussöhnung verpflichtet beide Nationen heute weiter an Europa zu bauen.

Vorbild für Afrika oder den Nahen Osten?

Die Europäische Union ist für Gauck "keine Laune der Geschichte, sondern eine Institution gewordene Lehre der Geschichte". Hollande geht noch weiter und stellt das Friedensprojekt Europa, dass seine Wurzeln im Schrecken der beiden Weltkriege hat, als Vorbild, als Ansporn für andere Teile der Welt dar. Wenn "Erbfeinde", die sich Hunderte Jahre so viel Leid zugefügt haben, sich am Ende versöhnen, warum sollte das nicht auch im Nahen Osten oder in Afrika möglich sein? Natürlich muss das auch in Europa selbst gelten. Frankreich biete an, mehr für die Aussöhnung in der Ukraine und mit Russland zu tun, sagte Hollande. Gauck blieb allgemeiner und zurückhaltender. Wichtig ist, dass beide Russland signalisiert haben, wir leben nicht mehr in der Welt der Nationalstaaten von 1914. Die Völker Europas arbeiten heute zusammen. Das Russland von heute sollte nicht mehr dem Irrweg des Zarenreichs von damals folgen.

DW-Europakorrespondent Bernd Riegert (Foto: DW/Per Henriksen)

Der DW-Europakorrespondent Bernd Riegert

Die Botschaft vom Hartmannsweilerkopf lautet: Krieg darf in Europa kein Mittel der Politik mehr sein, auch wenn er auf dem Balkan, in Georgien in den letzten Jahrzehnten oder jetzt in der Ukraine leider immer wieder aufbrach. Dagegen setzte Joachim Gauck sein "Nur miteinander!" In Europa ist eine zutiefst friedliche Generation herangewachsen. Geborene Erbfeinde, wie es noch die Großväter und Väter von Hollande und Gauck gelernt hatten, gibt es nicht mehr. Francois Hollande hat sich wegen der besorgniserregenden Zunahme der nationalistischen Partei "Front National" in Frankreich auf dem Hartmannsweilerkopf auch nach innen, an die Franzosen, gewandt. Europa entferne die Menschen nicht von ihrer Heimat. Heimatliebe, also Patriotismus, müsse als Wille verstanden werden, gemeinsam zu leben.

Kleine Schwierigkeiten im Vergleich zu früher

Hollande hat recht, wenn er sagt, Europa sei heute nicht ideal und in vielen Punkten umstritten. Es brauche mehr Wachstum, Beschäftigung und Solidarität. Aber es bleibt eine Garantie für Frieden und Freiheit. Nach den Erfahrungen der Weltkriege haben Europäer gar keine andere Wahl als dieses "außerordentliche Abenteuer in der Geschichte der Menschheit" (Hollande) zu bestehen. Populistischen Europagegnern erteilte auch der deutsche Bundespräsident eine eindeutige Absage. Europa bleibe schwierig, aber die Generationen unserer Vorfahren wären froh gewesen, wenn sie nur diese Schwierigkeiten hätten bewältigen müssen, mahnte Gauck eindrucksvoll.

Der französische Staatspräsident gewährte einen kleinen Einblick in seine eigene Familiengeschichte. Beide Großväter haben über ihre Kriegserlebnisse nie viel erzählt, weil sie es nicht konnten, berichtete Francois Hollande. Daraus leitet er heute die Pflicht ab, dass wir nicht schweigen dürfen. Man muss erinnern und gedenken, auch um so zu verhindern, dass sich sinnloses Sterben und die Gräuel des Krieges noch einmal wiederholen können. Neues Denken und neues Erinnern ist das Fazit, dass Joachim Gauck gezogen hat.

Es waren gute und wichtige Reden der beiden Präsidenten. Die historische Dimension der Geste von Mitterand und Kohl werden sie wohl nicht erreichen, aber diese Geste lässt sich auch schwerlich wiederholen oder überbieten.

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