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Kultur

Nur keine Panik

Beim Weltklimagipfel in Mailand wird wenig zur Rettung der Welt getan, aber heftig konferiert. DW-Reporter Jens Thurau ist trotzdem vor Ort - und sorgt sich um das Klima.

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Mächtig was los auf der Mailänder Klimakonferenz: Otto-Normaljournalist etwa beginnt den Arbeitstag mit einem Blick auf das Programm des hauseigenen Fernsehsenders. Dort sind alle Veranstaltungen des Tages aufgeführt. Für den Klimakonferenz-Neuling kann das äußerst verwirrend sein – vorsichtig ausgedrückt. Heute (8.12.2003) zum Beispiel trifft sich die LDCSö-Gruppe im Saal Genua, G77 und China laden ein zur Pressekonferenz und auch das Hadley–Center bittet um Gehör.

Beschwören, versprechen, empören

Bitte was? Ganz langsam zum Mitschreiben: LDCS steht für die ärmsten Länder der Erde, die "Least Developed Countries" also. G77 ist fachchinesisch für die Entwicklungsländer, wobei niemand genau nachzählt, ob es immer noch 77 sind. Und das Hadley-Center ist ein anerkanntes britisches Klimaforschungsinstitut. Überall begegnet man dem Logo der UNFCCC, der "United Nations Framework Convention on Climate Change". Das ist die Rahmenvereinbarung zum Klimaschutz, die 1992 auf dem Erdgipfel von Rio feierlich aus der Taufe gehoben wurde – und deren Organe die Klimakonferenzen seitdem durchführen. Außerdem gibt es unübersehbare viele kleine Rahmenveranstaltungen. Politiker beschwören dort die Zukunft, Wirtschaftsvertreter versprechen ihr Bestes, Umweltgruppen empören sich. Nur keine Panik entwickeln: Wenn wirklich etwas passiert auf der Konferenz, erfahrt man das schon auf den Gängen und Fluren.

Die Lehre von den drei Teilen

Die Konferenz zerfällt im Wesentlichen in drei Teile. Teil eins: Im großen Plenarsaal werden die Reden an das Volk gehalten. Alle 180 Staaten schicken ihre besten Rhetoriker nach vorn, die dann den weltweiten Temperaturanstieg beklagen, dringendes Handeln einfordern und Optimismus verbreiten. Das machen im Übrigen die Redner großer Industriestaaten, die sich ansonsten als Bremser betätigen, ohne rot zu werden. Abends wird die Redeschlacht im Plenarsaal einfach abgebrochen und am Tag darauf fortgesetzt.

Teil zwei: Verhandelt wird auf der Klimakonferenz in unzähligen Unter- und Hauptarbeitsgruppen in kleinen Räumen und hinter verschlossenen Türen. Meistens bis tief in die Nacht. Das hat Methode: Am Ende setzt sich durch, wer die beste Kondition hat. Die Neigung, auch unliebsame Entscheidungen mit zu tragen, steigt mit der Anzahl der Verhandlungsstunden. Die Nacht von Kyoto gilt hier als Sternstunde, als Mythos fast. 1997 einigten sich die 180 UNFCCC–Staaten (siehe oben) in der japanischen Stadt endlich auf das Klimaschutzprotokoll, um dessen Umsetzung jetzt immer noch gerungen wird. Und das geschah in der Nacht, eher schon in den frühen Morgenstunden.

Abschied von den Pazifik-Inseln?

Teil drei: Fachvorträge, Pressekonferenzen. Besonders stark besucht sind in Mailand alle Veranstaltungen, die darüber aufklären, warum denn bloß die Russen sich so beharrlich weigern, das Abkommen zu unterzeichnen. Und immer gut für eine eindrucksvolle Berichterstattung sind die Pressekonferenzen der AOSIS. Nein, das ist keine lärmende Brit-Pop-Gruppe aus Manchester, sondern die Vereinigung der kleinen Inselsstaaten des Pazifiks. Denn der Meeresspiegel steigt durch den Klimawandel, die Staaten versinken mehr und mehr im Ozean. Ihnen kann wohl der ganze verwirrende Konferenz-Aktionismus nicht mehr helfen.

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