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Nahost

"Nur einer unter anderen"

Auch wenn John Demjanjuk sein Urteil vermutlich nicht mehr erleben wird - die Signalwirkung des NS-Kriegsverbrecherprozess, der in München begonnen hat, ist wichtig, findet die internationale Presse.

Themenbild Presseschau

"Rzeczpospolita" aus Warschau:

"Die Staatsanwaltschaft lieferte Beweise, dass Demjanjuk ein eifriger Henker und ein gewissenloser Verbrecher war. Wir dürfen aber nicht vergessen, wer aus ihm einen Folterknecht gemacht hat. Das haben die Hitler-Menschen getan - die Herren über Leben und Tod. (...) Wenn es überhaupt lohnt, an die Umstände zu erinnern, unter denen Demjanjuk die Uniform mit Hakenkreuz angezogen hatte, dann nur deshalb, weil heute zu einfach vergessen wird, wer diese Hölle auf Erden geschaffen hat. Vor einigen Monaten nutzte das deutsche Wochenmagazin "Der Spiegel" Demjanjuks Auslieferung aus den USA, um eine geschickte These aufzustellen, dass der Holocaust ohne eifrige Mithilfe von Millionen Osteuropäer nicht möglich gewesen wäre. Deshalb sollen uns daran erinnern, wer der Architekt des Holocaust war und wen man für die Todesschwadronen um den Preis eines Suppentellers und eines Wodkaglases gewann. (...) Wir sollen Demjanjuk - das Schwert - hart verurteilen, aber auch den Arm, der ihn führte, nicht vergessen."

"Haaretz" aus Tel Aviv:

"Die Deutschen haben Demjanjuk wegen seines Mitwirkens an den Verbrechen in Sobibor vor Gericht gestellt. Aber bevor sie ihn verurteilen können, haben sie einige juristische Probleme zu bewältigen. Das Erbe des Holocaust braucht diesen Prozess nicht. Die Vernichtung der Juden ist tief im Bewusstsein der Menschheit verwurzelt. Dennoch ist dieser Prozess wichtig, denn es gibt immer noch Antisemitismus und andere Erscheinungsformen von Rassismus auf der Welt. Außerdem hat der Zweite Weltkrieg weder Kriegsverbrechen noch Völkermord ein Ende bereitet. Beides ist immer wieder vorgekommen, in Vietnam, Kambodscha, Ruanda, auf dem Balkan und anderswo.

So gesehen kann man nicht sagen, dass die Menschheit ihre Lehren aus dem Holocaust gezogen hat: die Verpflichtung, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen, Rassismus in allen seinen Formen zu bekämpfen und alle Soldaten an ihre Verpflichtung zu erinnern, einen offensichtlich illegalen Befehl nicht auszuführen."

"L'Union" aus Reims:

"Wenn der Prozess gegen John Demjanjuk überhaupt bis zum Ende geführt wird, so wird er uns doch nicht viel Neues über die programmierten Massaker von Sobibor und den anderen Vernichtungslagern enthüllen. (...) Mit Demjanjuk riskiert ein 89 Jahre alter Mann eine lebenslange Freiheitsstrafe, der sein ganzes Leben lang einer Sanktion entgangen ist. Der Prozess führt uns die Geisteshaltung eines Dreckskerls vor Augen, der nur einer unter anderen war. Es ist sinnvoller, die historische Aufarbeitung der Shoa voranzutreiben, als sich auf diesen zynischen und erbärmlichen Flüchtling zu konzentrieren."

"La Repubblica" aus Rom:

"Man kann sich fragen, welche Art von Gerechtigkeit einem schwerkranken 89-Jährigen noch widerfahren kann. Doch nicht um Rache geht es den Überlebenden Naziopfern in München, sondern darum, nicht in Vergessenheit zu geraten. Der Prozess gegen John Demjanjuk ist nicht nur der letzte große Prozess gegen einen Nazi-Verbrecher, sondern auch ein Prozess gegen alle europäischen Komplizen der Schoah - ein gutes Zeichen für Deutschland und für die Welt."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" aus Frankfurt am Main:

"Der Einwand der Verteidigung, hier solle ein Befehlsempfänger verurteilt werden, während die Befehlsgeber freigesprochen worden seien, weist nur darauf hin, dass es hier keine einfachen Antworten gibt. Ein Bundesminister sagte einst, die Ermordung der Juden sei nur möglich gewesen, solange die Front hielt. Und ein ehemaliger Bundespräsident wies jüngst darauf hin, dass er von Anfang an gewusst habe, dass der Krieg gegen Polen (an dem er teilnahm) ein Verbrechen gewesen sei. Das alles gehört auch zur Geschichte des ukrainischen "Hilfswilligen", der einst in schrecklichen deutschen Diensten stand und dem Deutschland jetzt den Prozess macht.

"Leipziger Volkszeitung" aus Leipzig:

"Die deutsche Justiz hat bei der Verfolgung des NS-Unrechts nach dem Krieg vielfach versagt. Im Westen kamen zahlreiche Täter ungeschoren davon, im Osten richtete sich der Antifaschismus als Totschlagsideologie gegen jeden, der sich der Errichtung einer kommunistischen Diktatur in den Weg stellte. Die einzige Botschaft, die das Münchner Landgericht heute vermitteln darf, lautet deshalb: Deutschland hat sich zum Rechtsstaat entwickelt, hält sich strikt an Gesetze. Ob Demjanjuk verurteilt wird oder nicht, sollte - wie bei jedem anderen Angeklagten auch - nicht vom politischen Willen, sondern allein von der Last der Beweise abhängen."

Autorin: Anne Allmeling (afp, dpa)
Redaktion: Ina Rottscheidt