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Wirtschaft

Nur ein Blindflug ist gefährlicher

Wer auf Aktientipps in Zeitschriften vertraut, ist verloren: Vier von zehn Empfehlungen führen zu Verlusten, fanden Wissenschaftler heraus.

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Kaufen oder verkaufen?

Die Qualität von Aktienempfehlungen in deutschen Publikumszeitschriften ist mehr als fraglich. Fast vier von zehn Empfehlungen, genauer: 38,6 Prozent, führen zu dauerhaften Verlusten. Das ergab eine Untersuchung des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Universität Essen. Die beiden Volkswirte Peter von der Lippe und Andreas Kladroba wollten herausfinden, ob Aktienempfehlungen, die in großen Wirtschafts- und Börsenmagazinen abgegeben werden, mehrheitlich gewinnbringend sind oder nicht.

Gerade Kleinanleger stützen ihre Entscheidungen mangels anderer Informationsquellen oft auf Zeitschriften mit Börseninformationen, die seit dem Aktienboom im Frühjahr 2000 eine Blütezeit erlebt haben. So wurde die Zeitschrift "Focus Money" zum Beispiel im März 2000 gegründet und bringt es auf eine Auflage von 224.000 Stück pro Woche, die "Telebörse" der Verlagsgruppe Handelsblatt erscheint mit 196.000 Stück pro Woche ebenfalls seit dem zweiten Quartal des Börsenboomjahres 2000. Die "Geld-Idee" des Heinrich Bauer Verlages erscheint seit 1998 alle 14 Tage mit einer Auflage von 260.500 Stück. "Börse Online" erscheint wöchentlich und ist mit 273.500 Stück die größte der untersuchten Zeitschriften, "Aktien-Research" mit 50.500 Stück pro Woche die kleinste und jüngste, und das Monatsmagazin "DM", seit November 2001 "DMEuro", ist mit 263.500 Exemplaren das älteste Magazin, es wurde 1961 gegründet.

Kaufempfehlungen überwiegen

In diesen sechs Zeitschriften fanden die beiden Essener Wirtschaftswissenschaftler von Januar bis Juni 2001 insgesamt 5.985 Empfehlungen - davon waren zwei Drittel (66,9 Prozent) Kaufempfehlungen. Nur in zwei von zehn Fällen wurde geraten, eine Aktie zu halten, und nur jeder zehnte Tipp bestand aus einer Verkaufsempfehlung. "Das ist schon sehr erstaunlich", meinen von der Lippe und Kladroba, "denn im ersten Halbjahr 2001 kannten die Kurse nur eine Richtung: die nach unten." Pikantes Detail: Die Zeitschrift Telebörse kritisiert dieses Missverhältnis von Kaufempfehlungen und tatsächlicher Börsenstimmung besonders heftig, spricht aber selbst mit 67,9 Prozent überdurchschnittlich viele Kaufempfehlungen aus.

Trotzdem wollten die beiden Essener Volkswirte fair bleiben: Weil den 11. September keiner voraussehen konnte, andererseits aber jede empfohlene Aktie sechs Monate beobachtet werden sollte, beschränkten sich die Statistiker auf insgesamt 1.647 Kaufempfehlungen der Monate Januar bis März. Trotz dieser Einschränkungen waren die Ergebnisse niederschmetternd. Wörtlich schreiben von der Lippe und Kladroba: "Es fällt auf, dass das eigentliche Ziel des Anlegers, nämlich ein Papier mit längerfristig steigenden Kursen zu erwerben, nur in fünf Prozent der Fälle vorkommt, während der worst case, stetig fallende Kurse, in fast einem Drittel der Fälle zu beobachten ist." Dazwischen liegen alle Empfehlungen, bei denen zumindest zeitweise ein Gewinn zu realisieren war.

Trefferquote "inakzeptabel"

Bei den Zeitschriften schwankt der Anteil der Tipps, die zu sicheren Verlusten führen, zwischen 30 Prozent bei "Börse Online" und 45 Prozent bei "DMEuro". Fazit der Essener Wissenschaftler: "Die Analysten der Zeitschriften haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Für den Kleinanleger ist es schlicht unakzeptabel, wenn im Schnitt 38,6 Prozent der ihm zum Kauf empfohlenen Aktien zu einem Verlust führen." Als Gegenprobe haben die beiden Statistiker per Zufallsgenerator 200 Aktien zu zufälligen Zeitpunkten virtuell gekauft und sechs Monate lang beobachtet. Ergebnis: mit 46 Prozent an dauerhaften Verlusten ist die Blindflug-Methode auch nicht wesentlich schlechter, als den teuren Hochglanzzeitschrifen zu vertrauen.

  • Datum 31.01.2002
  • Autorin/Autor Rolf Wenkel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1lv4
  • Datum 31.01.2002
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