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Kultur

Nur die Gedanken sind frei

Wer in Zentralasien über Korruption und Menschenrechtsverletzungen berichtet, lebt gefährlich. Überall in der Region setzen die Machthaber Journalisten unter Druck.

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Zentralasien: Brisantes findet sich oft nur zwischen den Zeilen

Dododjan Atovulloev schätzt deutliche Worte: "Wenn ich im Westen höre, dass sich bei uns die Demokratie erst Schritt für Schritt entwickeln muss, werde ich fast verrückt!". Der Journalist flüchtete 1993 aus seiner Heimat Tadschikistan und lebt derzeit in Hamburg. Eine "halbe Demokratie" erscheint ihm genauso unsinnig wie eine "halbe Schwangerschaft". Die Demokratisierung könne deshalb nicht länger aufgeschoben werden.

Tageslicht für Tadschikistan

Seit Anfang der neunziger Jahre gibt Atovulloev die tadschikische Exil-Zeitung "Tscharogi Rus" (auf Deutsch: "Tageslicht") heraus. Sie ist die Plattform der Opposition des zentralasiatischen Landes. Mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren wird das Blatt in Moskau gedruckt. Was dann passiert, ist Atovulloevs Betriebsgeheimnis. Aber in all den Jahren hat "Tscharogi Rus" trotz der Zensur stets den Weg zu seinen treuen Lesern gefunden.

Tadschikistan ist kein Einzelfall. Überall in den zentralasiatischen Staaten ist rund zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Pressefreiheit stark eingeschränkt und vielerorts müssen kritische Journalisten um ihr Leben fürchten. Das wurde jetzt auf einer gemeinsamen Veranstaltung der Deutschen Welle und des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin deutlich.

Die Freiheit der Presse steht nur auf dem Papier

"Natürlich ist bei uns die Freiheit der Presse gesetzlich fest geschrieben", berichtet etwa Galima Bukharbaeva vom Taschkenter Büro des "Institute for War and Peace Reporting", "aber die freiheitlichen Gesetze funktionieren nicht, dafür greifen die alltäglichen Einschränkungen umso mehr". In Usbekistan würden kritische Fragen oft gar nicht erst gestellt: "Bei Pressekonferenzen wird mitunter schon vorher festgelegt, welcher Journalist welche Frage stellt", erzählt die Journalistin. Der Zensor habe immer das letzte Wort.

Eine andere Methode, unliebsame Berichterstattung zu behindern, ist auch aus Russland und anderen osteuropäischen Ländern bekannt: Missliebige Zeitungen und Sender, aber auch einzelne Journalisten, werden mit hohen Schadenersatzklagen überzogen.

Davon kann auch Kabai Karabekov aus Kirgisien ein Lied singen. Als Zeitungsreporter hat er zahlreiche derartige Prozesse unbeschadet überstanden – jetzt ist er Abgeordneter und versucht sich im Spagat zwischen Parlamentsarbeit und der Interessenvertretung für Journalisten.

Brot oder Zeitung?

"Kirgisien galt früher zu recht als eine Insel der Demokratie in Zentralasien", meint Karabekov, "aber die Insel ist kleiner geworden". Eine Verbesserung der Lage, da sind sich die Medienexperten aus Zentralasien in Berlin einig, ist vorerst nicht in Sicht: "Wir müssen die Zivilgesellschaft stärken", fällt Karabekov ein. Doch er weiß auch, dass dies in den armen Ländern Zentralasiens kein leichtes Unterfangen ist: "Die Menschen bei uns müssen sich doch jeden Tag entscheiden, ob sie ein Brot oder eine Zeitung kaufen sollen". (26.04.2002)

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