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Deutschland

"Nur der liebe Gott weiß, wie die Wahlen ausgehen"

Im Endspurt vor der Wahl haben die Wahlumfragen traditionell Hochkonjunktur. Wie zuverlässig sind die Vorhersagen und worin liegt das Geheimrezept seriöser Meinungsforschung? Fragen an den Statistiker Walter Krämer.

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Mitarbeiter bei INFAS: Nicht immer sagen die Befragten die Wahrheit

DW-WORLD: Herr Krämer, wer liefert eigentlich zuverlässigere Vorhersagen: Meteorologen oder Meinungsforscher?

Ich würde sagen: Auf kurze Sicht sind beide gleich gut und auf lange Sicht beide gleich schlecht.

Der Countdown zu den Wahlen läuft. Es ist die Hochzeit der Meinungsforschungsinstitute. Ihre Prognosen deuten auf einen knappen Wahlausgang - wie ernst soll der Wähler die Vorhersagen nehmen?

Die Vorhersagen muss man schon erst nehmen Man muss aber immer Auge behalten, es handelt sich um Momentaufnahmen, sich von einem Tag auf der anderen ändern können. Und was heute in vier Tagen passiert, das weiß der liebe Gott alleine.

Die Meinungsforscher griffen immer wieder kräftig daneben, zum Beispiel bei der LT-Wahl in Sachsen oder Schleswig Holstein fiel das Ergebnis klarer aus als vorhergesagt. Woran liegt das?

Das liegt daran, dass die Meinungsforscher je nach Institut anders die Unentschlossenen auf die Parteien aufteilen. Das ist eine Kunst, das ist auch das Geheimrezept der Meinungsforscher und da kann man sich zuweilen durchaus mal vertun.

Oft werden die Befragten selbst als wichtige Fehlerquelle angegeben..

Sicher, erst einmal gibt es oft Leute, die lügen wie gedruckt. So ist beispielsweise über Umfragen nie herauszubekommen, wie viele Leute NPD wählen, weil die, die es vorhaben, es oft schlicht nicht sagen. Da muss man über andere Methoden herausbekommen, wie viele es eventuell sein werden. Und dann ändern die Leute natürlich auch ihre Meinung. Es gibt welche, die wollten bis vor einem halben Jahr noch CDU wählen, heute wollen sie es nicht mehr. Das kann sich von einem Tag auf den anderen ändern.

Wird es diesmal einen Stimmungswechsel in letzter Minute geben?

Kann passieren, ist auch schon oft passiert.

Das Institut Allensbach sprach nur wenige Tage vor der Wahl davon, dass rund 30 Prozent der Wähler noch unentschlossen sind. Machen es die Wechselwähler den Meinungsforschern immer schwieriger?

Der Anteil der Unentschlossenen ist derzeit besonders hoch. Das ist diesmal nicht verwunderlich, da sowohl die aktuelle als auch die mögliche neue Regierung von den Bürgern Opfer abverlangen und denken viele, sie wählen zwischen Teufel und Belzebub. Und da lässt man sich eben Zeit.

Manche Kritiker unterstellen den Meinungsforschern Fälschungslust, da sie ihre Umfrageergebnisse (Rohdaten) bearbeiten. Was halten Sie von dem Vorwurf?

Die Rohdaten müssen bearbeitet werden, das geht gar nicht anders. Die vielen Unentschlossenen müssen ja wie gesagt auf die Parteien verteilt werden. Das ist die große Kunst der Meinungsforscher. Da lässt sich freilich niemand in die Karten gucken. Und wenn wollte, könnte man da schon manipulieren. Nur sind das ja alles Institute, die von ihrem Renommee leben und davon, dass die Leute ihnen vertrauen. Die werden sicher nicht mit Absicht Fehler begehen.

Was für Geheimrezepte wenden die Institute denn an?

Man kann aus vergangenem Wahlverhalten schon extrapolieren, etwa welche Wählerwanderung es eventuell geben könnte, wie die Trends aussehen und wie Unentschlossenen sich am Ende auf die einzelnen Parteien verteilen werden. Da gibt es Erfahrungswerte.

Der Vorwurf also, Meinungsforscher hätten eine gewisse Fälschungslust ist Ihrer Meinung nach haltlos?

Ein leichter Vorwurf ist durchaus berechtigt. Wenn ich mir anschaue was Forsa-Institut seit Jahren macht, da ist immer die SPD ein paar Prozentpunkte höher als bei Allensbach. Da merkt man schon, wer da der Geldgeber ist. Die Institute können sich große Abweichungen aber gar nicht erlauben. Wenn ein Institut erst einmal dafür bekannt ist, Umfrage unseriös auszuwerten, dann laufen ihm ja die Kunden weg.

Walter Krämer ist Buchautor (u.a. So lügt man mit Statistik, Lexikon der populären Irrtümer) und Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik in Dortmund.

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