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Bildung

Nur das Beste für die Kleinsten

Europaweit müssen Erzieher einen Studienabschluss vorweisen - nicht so in Deutschland. Doch die Rufe nach einer besseren Qualifizierung werden immer lauter. Gleichzeitig fehlen Tausende Erzieher in den deutschen Kitas.

Maxim weint, er will nicht zum Morgenkreis. Dicke Tränen kullern über die Wangen des kleinen, blonden Jungen. Beruhigen lässt er sich nur von einem Mann. Klaas Bock nimmt den 3-jährigen Jungen auf den Arm, redet ihm gut zu. Der Erzieher arbeitet seit 2008 in der Hamburger Kindertagesstätte Friedrich-Frank-Bogen, parallel studiert er seit drei Semestern den Studiengang "Soziale Arbeit & Diakonie mit dem Schwerpunkt frühkindliche Bildung“. Eigentlich wollte er gleich nach dem Abitur studieren, fing die Ausbildung an, um Wartesemester zu überbrücken. Doch nun im Studium merke er, wie wertvoll es ist, Berufserfahrung zu haben.

Erzieher Klaas Bock spielt im Bewegungsraum der Hamburger Kita Friedrich-Frank-Bogen mit den Kindern (Foto: DW/Janine Albrecht)

Studium und die Arbeit in der Kita sollten sich ergänzen, meint Erzieher Klaas Bock

"Man lernt Theorien, redet über das Verhalten von Menschen und das ist alles sehr abstrakt", sagt Klaas Bock. "Wenn ich nicht schon vor meinem Studium Kinder erlebt hätte, hätte ich diesen Transfer von der Theorie in die Praxis nicht so gut leisten können." Der Studiengang an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie in Hamburg wird nur berufsbegleitend angeboten. Auch seine Kommilitonen haben mindestens zwei Jahre Berufspraxis hinter sich.

Von der Erzieherin zur Ehefrau

Deutschlandweit gibt es mittlerweile knapp 70 Studiengänge - berufsbegleitend und als Vollzeitstudium. Sie werden unter dem Oberbegriff "Kindheitspädagogik" zusammengefasst. Doch die deutliche Mehrheit deutscher Erzieher hat nicht studiert. Einen Grund dafür sieht Elke Alsago, die an der Evangelischen Hochschule in Hamburg einen solchen Studiengang leitet, im deutschen Frauenbild. "Der Erzieher-Beruf ist in Deutschland ein typischer Frauenberuf, der als eine Vorbereitung auf Ehe und Familie verstanden wurde“, erklärt sie.

Elke Alsago, Leiterin des Studiengangs Soziale Arbeit & Diakonie mit dem Schwerpunkt frühkindliche Bildung an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie in Hamburg. (Foto: DW/Janine Albrecht)

Elke Alsage befürwortet ein Studium für Erzieher

In anderen Ländern seien Frauen dagegen ganz anders in die Arbeitswelt eingebunden gewesen. "Man pflegte eher das Bild der berufstätigen Mutter, was wir hier ja erst relativ neu entwickeln.“ Doch auch wenn es mittlerweile in Deutschland immer mehr Studiengänge für Erzieher gibt, ist die Zahl der Akademiker in den Einrichtungen nicht merklich gestiegen. Denn die meisten Studierenden arbeiten nach ihrem Abschluss nicht als Erzieher, sondern wechseln in die Fachberatung oder in Leitungspositionen bei sozialen Einrichtungen.

Dringend gesucht: Erzieherinnen

Dabei werden derzeit vor allem in den Gruppen Erzieher gesucht. Ab August haben in ganz Deutschland auch Kinder unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Doch momentan fehlen dafür etwa 220.000 Krippenplätze und bis zu 42.000 Erzieher. Angesichts solcher Lücken wirken Rufe nach einer Akademisierung des Berufes beinahe absurd.

Ein Plakat am Zaun der Hamburger Kita Friedrich-Frank-Bogen wirbt für Qualität im Kindergarten. (Foto: Janine Albrecht)

Die Hamburger Kita wirbt für Qualität

Auch die Sozialpädagogin Alsago hält es für unrealistisch, dass absehbar alle Erzieher studieren werden. Und ihrer Meinung nach ist das auch nicht nötig. Vielmehr schlägt sie interdisziplinäre Teams vor, die sich ergänzen. "Es wäre gut, wenn in jedem Team ein, zwei Akademiker wären, die auch die anderen Kolleginnen an bestimmen Stellen mitnehmen können."

Bildung fördern

Auch Klaas Bock lässt sein Studienwissen immer mal wieder in die Arbeit einfließen. Im Studium, so betont er, habe er gelernt, dass die Bildung vom Kind ausgehen müsse und partnerschaftliches Arbeiten wichtig sei. In der Praxis werde diese Idee aber häufig nicht berücksichtigt, denn da planten die Erzieher nicht mit, sondern für die Kinder - ob sie bauen, malen, basteln oder Musik machen.

Erzieher Klaas Bock lässt die Kinder im Bewegungsraum der Hamburger Kita Friedrich-Frank-Bogen mit Tüchern spielen (Foto: DW/Janine Albrecht)

Schreien, Toben, Kreativ sein: Erzieher Klaas Bock nutzt den Bewegungsraum für Lernspiele

Klaas Bock versucht nun, stärker auf die Ideen und die Neugierde der Kinder einzugehen, statt ihnen direkt Vorschläge zu machen, wie ihren den Kindergartentag gestalten können. Seine nicht-studierten Kollegen reagieren unterschiedlich auf diese pädagogische Methode. "Manche finden das spannend, andere sind eher verunsichert, ohne feste Vorbereitungen und Vorgaben mit den Kindern zu arbeiten." Noch sei die Offenheit, sich auf den Bildungsprozess der Kinder einzulassen, nur theoretisch in den Köpfen, bedauert er.

Männer als Anwälte der Jungen

Nach seinem Studium möchte der 29-jährige Erzieher gerne weiter mit den Kindern arbeiten. Doch das schlechte Gehalt schreckt ihn ab. Rund 1800 Euro brutto verdienen Erzieher, egal ob studiert oder nicht, derzeit in einer deutschen Kindertagesstätte. Und so wird wohl die Kita, in der Bock arbeitet, absehbar nicht nur auf einen studierten Erzieher verzichten, sondern auch auf einen männlichen Erzieher. Nur knapp 2,5 Prozent der pädagogischen Fachkräfte in Krippen und Kindergärten sind Männer.

Dabei werden gerade sie dringend gebraucht - darin sind sich alle Bildungsexperten einig. "Jungen spielen anders in dem Alter, die brauchen mehr Lautstärke und mehr Bewegung", sagt Klaas Bock, der sich auch als Anwalt der Jungen versteht. Deshalb geht er mit den Kindern oft in den Bewegungsraum der Kita und lässt sie dort laut toben. "Männer setzen andere Schwerpunkte in der Erziehung", glaubt er. "Und genau deshalb werden sie dringend in den Kitas gebraucht."