1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Nur dabei statt mittendrin

Ronny Blaschke (aus Rio)12. September 2016

Immer wieder wird eine Verschmelzung von Olympischen und Paralympischen Spielen diskutiert, doch dafür fehlt ein gemeinsames Fundament zwischen den Sportfachverbänden. Vorreiter sind Kanada und Großbritannien.

https://p.dw.com/p/1K0O3
Inklusion im Sport
Bild: picture alliance

An George Eyser erinnert sich heute fast niemand mehr. Bei den Olympischen Spielen in St. Louis 1904 war der US-Amerikaner der dritterfolgreichste Sportler. Der Turner gewann sechs Medaillen, eine in Bronze, zwei in Silber, drei in Gold, er siegte unter anderem im Tauhangeln. Mit 14 war Eyser aus Deutschland in die USA übergesiedelt, doch das machte seine Geschichte nicht so besonders. Er gewann seine Medaillen mit einem Holzbein, das er seit einem Zugunfall getragen hatte. Eyser war der erste Sportler mit Behinderung bei Olympia, vor mehr als einem Jahrhundert.

Seitdem haben immer wieder Athleten mit einer Behinderung am wichtigsten Sportereignis der Welt teilgenommen, in jüngerer Vergangenheit etwa die Schwimmerin Natalie Du Toit sowie der Sprinter Oscar Pistorius aus Südafrika, oder erst in diesem Jahr die iranische Bogenschützin Zahra Nemati. Der unterschenkelamputierte Weitspringer Markus Rehm kämpfte hingegen vergeblich um einen Start in Rio, er konnte nicht zweifelsfrei beweisen, dass ihm seine Prothese keinen Vorteil bringt. Es sind unterschiedliche Biografien, die zu einer Frage zusammen laufen. Gehören behinderte und nicht behinderte Athleten auf dieselbe Bühne?

Die Kernsportarten zeigen wenig Gesprächsbereitschaft

Inklusion: Mit diesem Begriff wird die Debatte gern zusammengefasst. Gemeint ist die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Ein Gegenmodell zur Sonderbehandlung von behinderten Menschen, wie sie in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts propagiert wurde. Vollkommene Inklusion im Leistungssport würde die Fusion von Olympischen und Paralympischen Spielen bedeuten. Immer wieder wird diese Idee von Politikern oder Menschenrechtlern gefordert. Doch dabei vernachlässigen sie nicht nur die schiere Größe einer Veranstaltung mit dann wohl 16.000 Teilnehmern. Sie verkennen auch einen wichtigen Fakt: Im Spitzensport fehlt das gemeinsame Fundament.

Das Internationale Paralympische Komitee hatte 2007 den Beschluss gefasst, spätestens 2016 nicht mehr als Fachverband zu wirken. Der Plan: Behinderte und nichtbehinderte Athleten sollen in denselben Strukturen der Sportarten aktiv sein. Doch noch heute muss das IPC in zehn Sportarten die Weltmeisterschaften ausrichten. In zehn von insgesamt 22 paralympischen Sportarten - darunter auch die olympischen Kernsportarten Leichtathletik und Schwimmen, denn deren Weltverbände IAAF und FINA zeigen wenig Interesse an einer Horizonterweiterung für Sportler mit Behinderung.

Oscar Pistorius dei den Olympischen Spielen in London 2012 (Foto: Julian Stratenschulte, dpa)
Oscar Pistorius nahm an den Olympischen Spielen in London 2012 teilBild: picture-alliance/dpa

"Es fehlt die Gesprächsbereitschaft und der Nachdruck", sagt Jörg Frischmann, der Geschäftsführer der Behindertensportabteilung bei Bayer Leverkusen. In Deutschland sind inklusive Musterzentren entstanden, zum Beispiel im Schwimmen in Berlin-Hohenschönhausen oder in der Leichtathletik in Leverkusen. Aber eine umfassende Gleichberechtigung gebe es nicht, sagt Frischmann: "Wir haben sogar Rückschritte gemacht."

Achtung vor der Prothese

Die Inklusionsdebatte wurde zuletzt stark auf Markus Rehm reduziert. Bei vielen Unwissenden konnte der Eindruck entstehen, dass man sich für einen Weltrekord nur eine Prothese umschnallen müsse. Seither hat Frischmann bei inklusiven Nachwuchswettbewerben auch Eltern erlebt, die ihre Kinder warnen wollten: "Pass auf", sagten sie. "Der Junge hat eine Prothese, der hat einen Vorteil." Ausnahmekönner wie Rehm aber sind nicht repräsentativ. Die mediale Bewunderungskultur für High-Tech-Prothesen könne sogar einen unbewussten Leistungsdruck auf Menschen mit frischen Amputationen ausüben.

Paralympics Rio de Janeiro Brasilien Markus Rehm Deutschland Flagge (Foto: picture-alliance/dpa/J. Büttner)
Der deutsche Fahnenträger Markus Rehm: Mit Prothese zum WeltrekordBild: picture-alliance/dpa/J. Büttner

"Lehrer und Trainer sollten mit Unterschiedlichkeit arbeiten können", sagt Thomas Abel, Professor für paralympischen Sport an der Sporthochschule Köln. "Daher müssen wir die Fachdidaktik von Anfang an auf Inklusion ausrichten." Nicht immer lassen etwa schwere Behinderungen ein gemeinsames, also inklusives Sportreiben zu, aufgrund von fehlender Barrierefreiheit in den Hallen oder unterschiedlichen Trainingsprogrammen. Doch auch dann könne man Gemeinsamkeiten betonen, findet Abel. In Köln werden künftige Sportlehrer auch mit Rollstuhlbasketball vertraut gemacht, einem Teamsport, bei dem Nichtbehinderte leicht mitwirken können, ähnlich wie beim Sitzvolleyball oder Goalball.

Werbung für ein barrierefreies Dorf

International setzen Großbritannien und Kanada den Standard, dort orientieren sich Trainerausbildung, Antidopingkampf oder Prämienregeln im selben Verbandsnetzwerk an behinderten und nichtbehinderten Athleten. So hat sich dort im Sport ein respektvoller Umgang etabliert, den die Beteiligten auf ihren Lebensalltag übertragen. Beschleuniger dieser Entwicklung waren die Gastgeberrollen bei den Paraylmpics 2012 in London und 2010 in Vancouver.

Im Zeitalter des skandalumwitterten Spitzensports könnten die Paralympics auf der Suche nach einem neuen Narrativ mehr als eine Fußnote sein. Ob Tourismuswirtschaft, altersgerechtes Wohnen, barrierefreie Medien oder eben: ein inklusives Verbandswesen - auch in Deutschland hätte eine längere Bewerbungsphase für Olympia und Paralympics vernachlässigte Themen voran gebracht. Für die Sommerspiele in Hamburg 2024 zogen die Organisatoren ein durchweg barrierefreies Olympisches Dorf in Erwägung, einen inklusiven Stadtteil von morgen. Das öffentliche und mediale Interesse: gering.

Andrea Rothfuss Vancouver 2010 Winter Paralympics
Durch Ausrichtung der Paralympics 2010 gelernt: KanadaBild: picture-alliance/dpa

Triathlon und Kanu gelten als fortschrittlich

Noch ist die Welt des Fortschritts überschaubar. Die Deutsche Triathlon-Union und die Internationale Triathlon-Union legen zum Beispiel großen Wert auf die Zusammenarbeit von olympischen und paralympischen Athleten. Deren Wettbewerbe finden in der Regel an denselben Orten statt. Sie profitieren von denselben Zuschauern, Trainern, freiwilligen Helfern. "Wir sind voll inklusiv", sagt der Triathlet Stefan Löser sichtlich stolz. "Wir werden mit offenen Armen empfangen". Andere inklusive Mustersportarten: Kanu, Radsport oder Tischtennis.

"Wir brauchen erstmal eine Graswurzeldebatte", fordert Verena Bentele, frühere Biathletin und seit 2014 Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Und dann, irgendwann in ferner Zukunft, könne man vielleicht über die Fusion von Olympia und Paralympics nachdenken.