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Amerika

Null-Hunger-Programm in Nicaragua

In Nicaragua will Präsident Ortega mit dem Hambre-Cero-Programm den Hunger bekämpfen. Es gibt Zweifel, dass diese Politik wirklich nachhaltig ist. Der Vorwurf: Es profitieren vor allem Parteianhänger.

Werbeplakat von Präsident Ortega

Ein Präsident für das Volk: Mit Sozialprogrammen will Ortega Stimmen gewinnen

Eine Straße aus Schotter, ein Gemischtwarenladen, eine Grundschule: Viel mehr gibt es nicht in Chompipe, einem kleinen Dorf von 250 Einwohnern in der Gemeinde Muy Muy, mitten in Nicaragua. Hilda Castro Alaniz, 40, wohnt mit ihrem Mann und den drei Kindern in einer kleinen Holzhütte mit zwei Räumen. Die Küche ist ein halb offener Bretterverschlag mit einer Plastikplane als Dach.

Doña Hilda, weiße Bluse, schwarze zerzauste Haare, will ihren neuesten Schatz zeigen und führt uns in den Garten. Die Erde ist hart, vor ein paar Wochen hat die Trockenzeit begonnen. Es geht an ein paar Bananenstauden vorbei, dann sieht man schon den aus Latten zusammengebauten Pferch. Darin grunzt ein Schwein.

Doña Hilda hat die Muttersau von der Regierung geschenkt bekommen und sie "Progreso" genannt, Fortschritt. Die anderen Regierungen hätten sich nur um die Reichen gekümmert, sagt Doña Hilda. "Aber Comandante Daniel, der sorgt sich um uns, um die Armen." Da nimmt sie es auch in Kauf, dass die neue Kuh auf der Weide nicht gesund ist. Sie gibt keine Milch.

Kuh

Eine Kuh als Geschenk

Einladung zum Klientelismus?

Das "Hambre Cero"-Programm, von dem Doña Hilda profitiert, richtet sich ausdrücklich an Frauen. Das Paket im Wert von 1500 US-Dollar umfasst neben einer trächtigen Kuh auch eine Sau, Hühner, diverses Baumaterial und Pflanzen-Samen. Als Voraussetzung für die Vergabe gilt lediglich Armut und ein Stück Land, auf dem die Kuh weiden kann. In fünf Jahren sollen damit insgesamt 75.000 Familien einen Weg aus der Armut finden, das versprach der jetzige Präsident Daniel Ortega im Wahlkampf. Bislang haben laut Regierung bereits über 30.000 Frauen die Güter bekommen.

Durchgeführt wird das Programm vom Landwirtschaftsministerium. Die Entscheidung aber, wer in das Programm aufgenommen wird, treffen in der Regel die sogenannten Consejos de Poder Ciudadano, die Räte der Bürgergewalt. Diese Räte sollen eigentlich "direkte Demokratie" gewährleisten, sind in der Praxis jedoch ein Instrument der Regierungspartei FSLN. Kritiker sagen, das lade geradezu ein zu Klientelismus.

"Hambre Cero ist ein Wahlkampf-Programm und ändert die Bedingungen der Lebensmittelproduktion nicht", sagt der Ökonom und Experte für Ernährungssicherheit Cidilo Otero. Man müsse ein solches Programm aus einer wirtschaftlichen und nicht aus einer politischen Perspektive betreiben. Zwei Dinge müssten zuallererst verbessert werden, fordert Otero: die Infrastruktur, um die Produkte zu verkaufen und die Schulungen für die Bauern. Damit diese überhaupt lernen, was sie bei der Tierhaltung beachten müssen.

Vertrauen in die Frauen

'Hambre Cero'-Erfinder und Präsidentenberater Orlando Núñez Soto

"Hambre Cero"-Erfinder und Präsidentenberater Orlando Núñez Soto

Der Erfinder des "Null-Hunger-Programms", Orlando Núñez Soto, weist die Kritik zurück. Auch Oppositionsanhänger würden vom Programm profitieren. Zwar gewännen Ortega und die Regierungspartei FSLN mit diesem Programm durchaus Stimmen. Das sei aber ein Problem der Rechten, sagt Núñez. Denn er habe das Projekt auch Ortegas Vorgängern vorgeschlagen. "Aber die wollten es nicht."

Der Soziologe Núñez hat "Hambre Cero“ vor zehn Jahren für die Nichtregierungsorganisation CIPRES entwickelt und schon vor der Wiederwahl Ortegas in kleinem Rahmen durchgeführt. Inzwischen arbeitet er ehrenamtlich als Präsidentenberater und sagt: "Das Programm ist absolut nachhaltig." Es sei kein einziges Mal vorgekommen, dass die Begünstigten die Tiere verkaufen oder gar sofort aufessen. Im Gegenteil: Sie wüssten das Kapital gut einzusetzen. Man müsse Vertrauen in die Frauen haben, sagt Núñez. "Denn die Frauen verkaufen nicht das Schweinefleisch, das für ihre Kinder bestimmt ist."

Doña Hilda räumt ein, dass ihre Parteinähe bei der Auswahl vielleicht eine Rolle gespielt. Auf der anderen Seite ist sie überzeugt davon, dass das "Hambre Cero"-Programm für sie und ihre Familie den Weg aus der Armut bedeuten kann. Der nächste Schritt ist schon geplant: Zusammen mit den anderen begünstigten Frauen im Dorf soll sie eine Kooperative bilden, um ihre Produkte zu vermarkten. Das hält sie für eine gute Sache. Im Moment hat Doña Hilda nur einen Wunsch: dass Präsident Daniel Ortega noch möglichst lange an der Macht bleibt und weiter den Armen hilft.

Autor: Sebastian Erb

Redaktion: Annamaria Sigrist

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