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Europa

"Nuit debout": Protest aus der Mittelschicht

Nach einem Fernsehauftritt von Präsident Hollande wurde eine Demonstration der Bewegung "Nuit debout" ("Aufrecht durch die Nacht") gewalttätig. Die französische Politologin Claire Demesmay erklärt, was dahintersteckt.

Frau Demesmay, was hat die Mitstreiter von "Nuit debout" so aufgebracht?

Claire Demesmay: Man muss verstehen, was diese Bewegung ist und will. Sie umfasst viele kleine Bewegungen. Doch was sie alle vereint und was ein Grund für die Aufregung ist, das ist Elitekritik nach dem Motto: "Die da oben kochen ihre eigene Suppe, die hören nicht auf uns." Das Gefühl ist weit verbreitet, nicht vertreten zu sein und nicht ernstgenommen zu werden. Außerdem ist eine Mehrheit der Franzosen dagegen, dass François Hollande bei der Präsidentschaftswahl noch einmal für die Sozialistische Partei kandidiert, und in diesem Fernsehauftritt hat er genau das nicht ausgeschlossen. Das hat dieses Gefühl noch verstärkt.

Wie breit ist diese Bewegung - sind das vor allem die Verlierer der Gesellschaft?

Nein, es sind nicht die Verlierer, und das ist das Interessante daran. Diese Gruppe kommt aus der Mittelschicht. Es sind eher Leute, die qualifiziert sind, die studiert haben, die über Wissen und Kultur verfügen. Es sind also nicht unbedingt die Leute, die von der Massenarbeitslosigkeit bedroht sind. Das Arbeitermilieu ist in der Bewegung nur schwach vertreten, ebenso die Banlieus. Es gibt den Versuch, die Banlieus einzubeziehen, aber bis jetzt funktioniert das nicht so gut. Das heißt, die echten Verlierer sind kaum vertreten.

Die Wut richtet sich offenbar auch gegen den Versuch Hollandes, das Arbeitsrecht zu lockern. Ist diese Lockerung nicht notwendig, um die hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich zu senken?

Für viele sind die Arbeitsreformen ungerecht, sie wollen nicht unter schlechteren Bedingungen arbeiten. Der große Traum bleibt der unbefristete Arbeitsvertrag. Die Leute sind der Meinung, der werde durch die Reformen gefährdet. Natürlich gibt es ein gemeinsames Interesse an der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Aber über die Wege, wie man das erreicht, gehen die Meinungen weit auseinander.

Viele Franzosen sehen nicht nur die Regierung in der Krise, sondern das ganze Land. Worin besteht diese Krise?

Dr. Claire Demesmay (Foto: DGAP/Dirk Enters)

Claire Demesmay: "Ein Teil der Bürger versteht diese Welt nicht mehr"

Ein Teil der Krise besteht, wie gesagt, darin, dass die Elite als unglaubwürdig gilt. Es gibt auch eine wirtschaftliche und soziale Krise. Meiner Meinung nach gibt es aber auch eine Identitätskrise. Sie ist stark, sie ist auch nicht neu, es gibt sie seit einigen Jahren. Sie erklärt auch zum Teil den Erfolg einer Partei wie des Front National. Viele Franzosen distanzieren sich von der Globalisierung, aber auch von der europäischen Politik.

Ein Teil der Bürger versteht diese Welt nicht, er versteht auch nicht den Platz Frankreichs in dieser Welt und der Welt der Zukunft. Und die Reaktion ist Ablehnung und Abkoppelung. Und eine Auswirkung davon ist die Elitekritik. Es gibt aber auch andere Auswirkungen und Formen. Eine davon ist Fremdenfeindlichkeit, eine andere Europaskepsis, auch Skepsis gegenüber dem Euro. Und es ist schwer, eine konkrete Antwort darauf zu finden, denn diese Angst ist diffus. Es gibt nicht nur mehrere Fragen und mehrere Aspekte, sondern unterschiedliche Teile der Bevölkerung drücken das auch unterschiedlich aus.

Nächstes Jahr findet die Präsidentschaftswahl statt. Hollande hat wahrscheinlich ausgespielt, er ist so unbeliebt wie kein Präsident vor ihm in der jüngeren Geschichte. Wer könnte denn das Land aus der Krise führen?

Das ist eine sehr gute Frage. Derjenige, der das weiß, könnte vielleicht die Wahl gewinnen - oder reich werden. Ich glaube, dass das Land eine starke Persönlichkeit braucht, aber auch jemanden, der überzeugt und der nicht daherkommt und einfach Dinge behauptet. Es gibt in der französischen Gesellschaft ganz viele Spannungen und Spaltungen, und was das Land jetzt überhaupt nicht braucht, wäre jemand, der mit diesen Spannungen spielt und die Spaltungen noch verschärft...

...wie Marine Le Pen vom rechstextremen Front National...

...ja, natürlich. So jemanden wie Marine Le Pen braucht das Land überhaupt nicht, im Gegenteil. Aber Nicolas Sarkozy hatte in seinem Wahlkampf 2007 und 2012 auch Teile der Bevölkerung gegeneinander ausgespielt, und das würde die Situation noch verschlimmern.

Die Politikwissenschaftlerin Claire Demesmay ist Frankreich-Expertin bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

Das Gespräch führte Christoph Hasselbach.

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